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Jerome Nr. 29

18 www.jerome-kassel.de JÉRÔME STADT „Wir brauchen uns NICHT zu verstecken“ Insa Pijanka ist als Orchesterdirektorin am Staatstheater Kassel für viele Aufgaben zuständig Von Georg Pepl Mit der öffentlichen Wahrnehmung eines Theaters ist es so eine Sache: Man nimmt zwar die künstlerischen Berufe zur Kenntnis, aber nicht so sehr die Tätigkeiten, die im organisatorischen Bereich liegen. Grund genug, der Orchesterdirektorin Insa Pijanka einige Fragen zu stellen. Wir trafen die gebürtige Mannheimerin, die seit 2002 in Kassel arbeitet, in ihrem Büro im Staatstheater. Jérôme: Frau Pijanka, bei der Planung für unser Interview erwähnten Sie einen auswärtigen Termin. Wo waren Sie gestern Abend? Insa Pijanka: Ich hörte ein Konzert in Gelsenkirchen. Solche Termine mache ich aus eigenem Interesse, aber auch um neue Ideen zu bekommen, um Solisten zu hören und Dirigenten oder Programme kennenzulernen. In Gelsenkirchen war es der Dirigent Rasmus Baumann, kein Unbekannter, weil er ja früher in Kassel als Erster Kapellmeister tätig war. Er hat in Gelsenkirchen ein spannendes Konzertprogramm gemacht mit Klezmer-Band und Orchester. Das wollte ich mir anhören: Ist es etwas für uns, kann man die Arrangements und Solisten übernehmen? Und selbstverständlich ist es für eine Orchesterdirektorin grundsätzlich wichtig, andere Orchester zu hören. Jérôme: Mit welchem Gefühl kommen Sie von solchen Reisen zurück? Insa Pijanka: Man kommt meistens wieder und weiß, was man hier in Kassel hat. Wir brauchen uns echt nicht zu verstecken. Was ich sehr gern mag, sowohl am Theater als auch am Orchester, ist die Vielseitigkeit, die man nicht in allen Häusern findet. Das Kasseler Orchester spielt ja Barockmusik ebenso wie Swing oder eine Wagner-Oper. Diese Vielseitigkeit bereichert auch meinen Beruf. Jérôme: Wie weit gestreut ist Ihr Aufgabengebiet? Insa Pijanka: Meine Aufgaben beginnen mit den Tätigkeiten im künstlerischen Bereich: Programmplanung zusammen mit den Dirigenten, zu überlegen, was bringen wir in den nächsten Spielzeiten, was für Solisten und Gastdirigenten engagieren wir. Dann muss man sich fragen: Ist es realisierbar, was kosten die Programme, was brauchen wir für Gäste? Also die ganze Arbeit am Budget. Dazu kommt die Disposition: Funktioniert es mit den Orchesterdiensten? Und wenn Musiker krank werden, telefonieren meine Kollegin Gina Schwarzmaier und ich andere Orchester ab und kümmern uns um den entsprechenden Ersatz. Jérôme: Hat sich die Konzertdramaturgie in den letzten Jahren verändert? Insa Pijanka: Ja. Die Konzerte sind vielseitiger geworden. Es gibt nicht nur die klassischen Sinfoniekonzerte, sondern auch Sonderkonzerte wie etwa „Swing in Concert“, das wir bis Juni 2013 zeigen und das ich moderiere. Das Thema Musik-Vermittlung ist in den letzten Jahren wichtiger geworden. Es geht nicht mehr nur darum, ganz klassisch Texte für Ankündigungen und Programmhefte zu schreiben. Sondern als Orchesterdirektorin gibt man auch Einführungen und möchte das Publikum für die Musik gewinnen. Jérôme: In Ihrem Büro steht ein großes Bücherregal. Warum haben Sie hier zum Beispiel Erzählungen von Nikolai Gogol? Insa Pijanka: Ich habe eine große Affinität zu Schostakowitsch und zur russischen Musik überhaupt. Während meines Studiums habe ich mich außerdem auf Osteuropapolitik spezialisiert. Die Erzählungen von Gogol benutzte ich für eine Soiree über Schostakowitsch. Ich arbeite gern mit Literatur, um etwas zu veranschaulichen, in diesem Fall war es die sehr spezielle Art von russischer Satire. Ein Großteil der Bücher ist übrigens von meinem Mann Ingo Pijanka, Pressesprecher der Städtischen Werke geklaut. Als Germanist hat er zu Hause eine große Bibliothek. Ich bediene mich da gerne. Jérôme: Sie erwähnten gerade Ihr Studium. Können Sie etwas über Ihren Werdegang sagen … Insa Pijanka: Ich habe Politikwissenschaft, Geschichte und Soziologie in Mannheim und London studiert. Mit vier Jahren begann ich mit dem Klavierspiel. Meine Klavierlehrerin war Opernsängerin am Mannheimer Theater. Sie nahm mich in den Kinderchor mit, daraus resultierte die Liebe zu Theater und Oper. Mit 14 begann ich zu singen und hatte dann lange klassischen Gesangsunterricht. Dann übernahm ich auch organisatorische Aufgaben, und nach dem Studium absolvierte ich bei der Mannheimer Orchesterakademie und dem Dirigenten Adam Fischer ein Praktikum. So hat es sich entwickelt. Jérôme: Singen Sie noch heute? Als ich nach Kassel kam, habe ich mit dem Singen aufgehört. Zwar liebäugele ich manchmal wieder damit. Aber wenn man am Theater arbeitet, weiß man natürlich: Es gibt viele Leute, die es besser können.


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