Page 27

Jerome Nr. 29

„Schimanski wäre sofort rausgeflogen“ Volker Schnell hat mit „Der schlaue Pate“ einen rasanten Gerichtsthriller veröffentlicht, der in Kassel spielt www.jerome-kassel.de 27 Grunde sei aber jeder Krimi ein Regionalkrimi. „Kein Mensch hätte jemals von Ystad in Südschweden gehört, wenn der Mankell nicht seine Wallander-Dinger da spielen ließe.“ Polizei immer noch die andere Seite Mit den Protagonisten seiner Krimis ist Schnell sehr zufrieden. „Schon bei Mordhessen hatte ich das Gefühl, dass das eine ungewöhnliche Konstellation ist, mit diesem adligen Ex-Knacki, der als Ermittler unterwegs ist. In der Pressemitteilung heißt es, da bin ich selber gar nicht drauf gekommen, dass das an humorige Gangster-Epen wie Oceans Eleven oder so erinnere.“ Auf meine Frage, warum er das auf diese Weise inszeniert habe, verweist Schnell auf seine wilden Jahre: „Die Polizei ist für mich immer noch die andere Seite. Wir haben geklaut wie die Raben, wir haben gedealt und was nicht alles. Ich hab’s mal versucht, ich kann mich nicht mit einem Polizisten identifizieren.“ Das ginge vielen Autoren so, weswegen oft schräge Kommissare erfunden würden. „Schimanski wäre sofort rausgeflogen.“ Prinzip Arbeitsvermeidung „Polizisten sind Beamte und jeder Beamtenapparat funktioniert nach dem Prinzip der Arbeitsvermeidung“, sagt Schnell. Das Buch der Zeit-Gerichtsreporterin Sabine Rückert „Tote haben keine Lobby“, beschreibe, wie Polizisten manchmal gar nicht ermitteln wollen. „Es gibt einen Toten, aber die Polizei will das lieber als natürlichen Todesfall durchgehen lassen, um keine Arbeit zu haben.“ Das sei auch das Thema in Mordhessen. Übrigens sei die Mordrate in England, Finnland und Österreich etwa dreimal so hoch wie in Deutschland, weil dort jeder Tote von einem amtlichen Leichenbeschauer untersucht werde. „Meine Grundidee war es, eine schräge Truppe aufzustellen, die das Ziel hat, der Polizei Fehler nachzuweisen.“ Obrichkeitsstaatliche Tradition Der schlaue Pate sei möglicherweise der erste deutsche Gerichtsthriller überhaupt. „Ich kenne jedenfalls keinen anderen“, sagt Volker Schnell. Das hänge wohl damit zusammen, dass das deutsche Gericht anders funktioniere als das angelsächsische – langweiliger. „Es gibt bei uns keine Zeugen der Anklage oder der Verteidigung und auch kein Kreuzverhör. Diese Art der Konfrontation fehlt und von daher gibt das eigentlich nicht viel her.“ Aber darum gehe es in „Der schlaue Pate“ auch gar nicht. Es geht um Mängel im System. „Die deutsche Justiz hat eine obrigkeitsstaatliche Tradition, keine demokratische wie in Amerika“, erklärt Schnell. Das habe Folgen. Seine Intention sei gewesen, „die Leute aufzuklären, wie das so läuft“. Überregionalen Vergleich nicht scheuen Entstanden ist ein gründlich recherchiertes Werk mit mehreren geschickt verwobenen Handlungssträngen und überraschenden Wendungen, das auch den überregionalen Vergleich nicht zu scheuen braucht. Und wer weiß? Vielleicht gelingt Volker Schnell ein ähnlicher Erfolg, wie ihn Jacques Berndorf mit seinen Eifel-Krimis oder das Autorenduo Klüpfel und Kobr mit Kluftinger hat. Ich jedenfalls habe mir meine Ausgabe signieren lassen.


Jerome Nr. 29
To see the actual publication please follow the link above