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Jerome Nr. 29

Zwei Nordhessen heben den letzten Schatz der Automobilgeschichte Von Björn Schönewald Fahrzeuge seien zum Teil in einem erbärmlichen 6 www.jerome-kassel.de JÉRÔME STADT Schlafende Schönheiten Auf den Industrieampeln und Hallenuhren liegt der Staub aus Jahrzehnten. Wie das ölbefleckte Stirnholzpflaster, das einst die Vibrationen der Maschinen aufnahm, die kargen Wände und die patinierten Fensterscheiben erzählen sie die Geschichte von Halle 19 im Unternehmenspark Kassel (UPK). Die Halle gehörte einst zur Spinnfaser AG, die 1936 als größte Zellwolleerzeugungsstätte Europas galt. Mit ihrer Historie und charmant-abgewetztem Flair bildet sie den perfekten Rahmen für eine Ausstellung, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat: „Schlafende Automobilschönheiten der Collection Schlumpf“. Zwei nordhessische Oldtimer-Enthusiasten holen sie nach Kassel. Die Geschichte von Frankreichs nationalem Automobilmuseum, übrigens dem größten der Welt, ist alles andere als gewöhnlich. Mit der privaten Fahrzeugsammlung der Brüder Fritz und Hans Schlumpf nimmt sie ihren Anfang. Den Tuchfabrikanten aus Kassels Partnerstadt Mulhouse war es zwischen den 30er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gelungen, in Frankreich das Monopol für gekämmte Garne aufzubauen. Und weil nicht nur Not erfinderisch macht, ließen sich die beiden Brüder durch ihren wirtschaftlichen Erfolg dazu inspirieren, eine unglaubliche Sammlung historischer Fahrzeuge, vornehmlich Bugattis, aufzubauen. Für ihre Begeisterung belasteten die Brüder ihr Unternehmen so sehr, dass es in den 70er Jahren zahlungsunfähig wurde. Rund 2.000 Beschäftigte verloren ihre Arbeit. Unter Polizeischutz flohen Fritz und Hans Schlumpf 1976 ins Schweizer Exil und ließen ihre Sammlung zurück. Zum Teil erbärmlicher Zustand Zunächst von der ehemaligen Schlumpf-Belegschaft besetzt und als „Museum der Arbeiter“ weitergeführt, später durch eine Eigentümervereinigung übernommen, wurde aus der Sammlung in der ehemaligen Fabrik die heutige „Cité de l’Automobile – Musée national – Collection Schlumpf “. „Von insgesamt rund 400 Fahrzeugen werden heute etwa 250 ausgestellt“, erklärt Heinz W. Jordan; 150 weitere Automobile im Orginalzustand befänden sich in verschiedenen Gebäuden des Areals. Diese Verfallszustand. Verrostete Karosserien, marode Innenausstattungen, zerfetzte Reifen, schmutzig und voller Spinnweben. Unterstützt durch Museumsleiter Richard Keller holen Jordan und sein Freund Dr. Dietrich Krahn 40 der Fahrzeuge nun nach Kassel. Unter ihnen ein Peugeot 16 aus dem Jahr 1898, ein Mercedes W 154 Silberpfeil und ein im Zweiten Weltkrieg zum Krankenwagen umgebauter Bugatti 46. „Das ist der letzte noch zu hebende Schatz der Automobilgeschichte“, verspricht Heinz W. Jordan. Gewachsene Beziehung 2007 hatten Krahn und Jordan erstmals mit dem französischen Automobilmuseum zusammenge- arbeitet, das damals ein Fahrzeug für das von den Holen einzigartige Automobile wie diesen Bugatti T 251 Formel 1-Wagen aus dem Jahr 1955 nach Kassel: Dr. Dietrich Krahn und Heinz W. Jordan


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