Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Auch eine moralische Anstalt: Holk Freytag im Interview

25. Juli 2012 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Noch bis zum 5. August laden die Bad Hersfelder Festspiele zu Highlights wie Shakespeares „König Lear“, dem Musical „Anatevka“ oder der Thomas-Mann-Adaption „Der Zauberberg“. Wir sprachen mit dem Intendanten Holk Freytag über Jazz, Pessimismus und die Aura der Stiftsruine.

Holk Freytag ist seit zwei Jahren der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Foto: Bad Hersfelder Festspiele

Jérôme: Herr Freytag, im Rahmenprogramm der Bad Hersfelder Festspiele gab es ein außergewöhnliches Konzert: Der weltberühmte Jazzgitarrist John Scofield gastierte mit der hr-Bigband in der Stiftsruine. Sind Sie ein Jazzfan?

Holk Freytag: Ja, das bin ich, sogar ein sehr großer.

Jérôme: Was verbindet Jazz und Theater, sehen Sie da eine Gemeinsamkeit?

Freytag: Jazzmusik ist eine sehr menschliche Musik. Sie ist die einzige Kunstmusik, die von unten kam und bis heute den Kontakt zu ihrer Basis nie verloren hat – trotz aller Eskapaden und Experimente, gerade in den 60er-Jahren. Diese direkte Verbindung mit dem Publikum ist etwas, was ich mir immer fürs Theater wünsche.

Jérôme: Also gleichzeitig Kunst und doch Kontakt mit der Basis…

Freytag: Ja. Ich kann nicht verhehlen, dass mir der Schillersche Gedanke vom Theater als einer moralischen Anstalt nicht fremd ist.

Jérôme: Theater kann aber auch sehr pessimistisch sein, denkt man etwa an Shakespeares Drama „König Lear“, das Sie in dieser Spielzeit inszeniert haben. Der Narr sagt dort Sätze wie „Verrückt ist, wer auf die Zahmheit eines Wolfs vertraut, die Schwüre einer Dirne und die Liebe seiner Kinder.“ Teilen Sie diesen Pessimismus?

Freytag: Ich stehe in bewundernder Fassungslosigkeit vor Shakespeares Menschenbild. Es hat sicher viel mit seiner Zeit zu tun, die gewiss grauenhaft war. Die Aussagen bei Shakespeare sind pessimistisch, die Stücke selbst sind es jedoch nicht per se, weil es darin immer eine Suche gibt, ein permanentes Suchen des Menschen nach sich selber, was ja das Zentralthema des „Lear“ ist. Das finde ich den positiven Aspekt dabei. Grundsätzlich gilt: Je älter man wird, desto weniger euphorisch denkt man an das Gute im Menschen. Aber ich denke immer noch daran. Ich bin kein Pessimist.

Jérôme: Werden in „König Lear“ Dinge verhandelt, die uns noch heute etwas sagen, obwohl das Stück in einer längst vergangenen Zeit spielt?

Freytag: Wir können uns nicht anmaßen, zu sagen, das sind unsere Figuren. Was wir übernehmen können, sind die Erfahrungsergebnisse dieser Figuren. Wenn der König sich in der gigantischen Heideszene selbst erkennt und fragt „Ist der Mensch nicht mehr als das?“, dann ist es im Grunde doch das, worauf es ankommt. Oder wenn der König zu den Leuten betet, die er immer missachtet hat. Er betet zu den Bettlern und sieht plötzlich, wie Armut sich anfühlt. Mit einer solchen Erkenntnis eines Herrschers kann man die Brücke in die Gegenwart schlagen: Diejenigen, die Hartz IV beschlossen haben, haben keine Ahnung von der Realität.

Jérôme: Das klingt dezidiert politisch, dennoch vermeiden Sie in „König Lear“ eine Aktualisierung….

Freytag: Mit Aktualisierungen ist es eine schwierige Sache. Ich bin Zeit meines Lebens dem Luther-Satz gefolgt: „Das Wort sie sollen lassen stahn.“ Die Texte habe ich nie verändert. Wichtig ist es vielmehr, Analogien zu zeigen zwischen dem, was in der Vergangenheit geschah, und dem, was in der Gegenwart geschieht. Ich habe sehr viel politisches Theater gemacht in meinem Leben und werde diesen Pfad letztlich nicht verlassen. Wir haben angefangen hier mit „Wilhelm Tell“. Das Stück spielt zwar in der Schweiz, aber Schiller meint natürlich Deutschland. Diese Zerrissenheit einer Nation, die Schwierigkeit, Ost und West zusammenzubringen, das war damals mit ein Thema in dieser Inszenierung.

Jérôme: Eine letzte Frage: Beeinflusst das Ambiente der Stiftruine die Auswahl der Stücke?

Freytag: Es ist wirklich ein großes Glück, in diesem fantastischen Raum zu arbeiten. Bei jeder Probe und keine Minute vergessen sie, dass sie in einer Kirche sind. Er ist nach wie vor ein Sakralraum und zwingt sie dazu, die Dinge so zu empfinden und zu denken, dass sie eine Relevanz haben für die Leute, die sie sehen. Man kann hier kein Stück geben, dessen Konflikt durch einen Lottogewinn gelöst wird. Themen ohne metaphysische Dimension haben hier keine Chance.

www.bad-hersfelder-festspiele.de

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