Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Auferstanden aus Ruinen

2. Juni 2014 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Neues Architekturmodell: Das Karlshospital 1720/21

Wenn das Stadtmuseum Kassel wie vorgesehen Mitte 2015 neu eröffnet, wird auch eines von Kassels ältesten Gebäuden, das an der Fulda gelegene, in der Zeit des Barock erbaute Karlshospital, in miniaturisierter Form zu dessen neuen Exponaten gehören. Als eine der letzten Kriegsruinen 2007 bis 2009 zwar wieder zu neuem Leben erweckt, lässt sich seine ursprüngliche Gestalt und Funktion nun allerdings bestenfalls noch erahnen, obgleich diese einst von herausragender überregionaler Bedeutung war, wurde es doch 1720/21 von Landgraf Karl als einziges Zuchthaus Hessens errichtet. Zuchthaus meinte zu jener Zeit indes nicht das mit strafverschärfenden Haftbedingungen – dem Zwang zu harter körperlicher Arbeit – versehene Gefängnis, wie es etwa später in der Bundesrepublik noch bis zur Großen Strafrechtsreform von 1969 bestand.

Stadtgeschichte dreidimensional rekons- truiert: Dr. Cornelia Dörr, Direktorin des  Kasseler Stadtmuseums, mit Jérôme- Redakteur und Modellbauer Jan Hendrik Neumann (Atelier Neumann). Foto: Mario Zgoll

Stadtgeschichte dreidimensional rekons- truiert: Dr. Cornelia Dörr, Direktorin des Kasseler Stadtmuseums, mit Jérôme- Redakteur und Modellbauer Jan Hendrik Neumann (Atelier Neumann). Foto: Mario Zgoll

Gefährlicher Kaffeegenuss
Seine ursprüngliche Bestimmung war vielmehr die Funktion als Erziehungs- und Besserungshaus zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft, etwa von „Verschwendern, Müßiggängern und Landstreichern“ oder auch von Jugendlichen, die für zwei bis sechs Wochen ins Zuchthaus kamen, wenn sie „an Sonn- und Feiertagen während der Gottesdienstzeit in Wirtshäusern bei Branntwein, Würfel- und Kartenspiel ertappt wurden. Dies sollte auch die Eltern zu besserer Aufsicht animieren“, wie der Kasseler Architekturhistoriker Dr. Christian Presche schreibt. Weitere Anlässe für einen unfreiwilligen Aufenthalt dort konnten unter anderem Bankrott, Straßenunfug und Werbung für fremdes Militär sein, sogar Kaffeetrinken konnte zeitweise so bestraft werden. Im Erdgeschoss des Gebäudes wurden die männlichen Gefangenen untergebracht, die zumeist Holz raspeln und Steine schneiden mussten, im Obergeschoss lebten die weiblichen Gefangenen, die Flachs verarbeiten, Wolle spinnen und Puder herstellen sollten.

Für Geld zur Schau gestellt
Ihre Arbeit verrichteten sie jeweils in den großen Vorsälen, von denen die Stuben abgingen. „Die Insassen konnten bei ihrer Arbeit gegen Geld von Besuchern gesehen werden, die zuvor auf Waffen, Feilen oder Messer kontrolliert wurden“, schreibt Presche. Finanziert wurde der Zuchthausbetrieb darüber hinaus unter anderem durch Abgaben aus Lotterien, von Gauklern, Marktschreiern oder Hochzeitsgesellschaften, sowie aus dem Verkaufserlös der von den Insassen hergestellten Produkte. In der Zeit des Königreichs Westfalen (1807–1813) verlor das Zuchthaus seinen ursprünglichen Charakter, wurde nun als ein reines Männergefängnis genutzt und 1927/28 schließlich zum Karlshospital umgewandelt, als Anlaufstelle für Bedürftige, bis es im Feuerinferno vom Oktober 1943 komplett ausbrannte.

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