Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Den Zielen der Aufklärung treu bleiben

26. Juni 2014 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Interview mit dem Bad Hersfelder Intendanten Holk Freytag

Um Menschen und Mächte geht es bei den 64. Bad Hersfelder Festspielen. Vor dem Beginn des traditionsreichen Festivals sprachen wir mit Intendant Holk Freytag über die Aktualität des Klassikers Friedrich Schiller, über gesellschaftspolitische Entwicklungen und Etatkürzungen.

Jérôme: Herr Freytag, beim Jérôme-Gespräch vor zwei Jahren sagten Sie, dass Ihnen Schillers Gedanke vom Theater als einer moralischen Anstalt nicht fremd sei. In diesem Jahr inszenieren Sie sein Drama „Maria Stuart“. Worin sehen Sie Schillers Aktualität?

Intendant Holk Freytag. Foto: Bad Hersfelder Festspiele

Intendant Holk Freytag. Foto: Bad Hersfelder Festspiele

Holk Freytag: Wenn Sie Zeitung lesen, beispielsweise über die Vorgänge in der Ukraine, dann wirkt das im Grunde genommen fast wie ein Kommentar zu dem, was Schiller geschrieben hat, oder auch umgekehrt: Das Stück wirkt wie ein Kommentar zur Ukraine. Und zwar deshalb, weil es im politischen Bereich immer um Interessenskonflikte und um Machtfragen geht. Die Mechanik der Macht wird in diesem Stück beschrieben wie in keinem zweiten, das ich kenne.

Jérôme: Das Festspielmotto lautet „Von Menschen und Mächten“ …

Freytag: Es spiegelt sich auch in der eigens für die Festspiele geschriebenen Adaption der „Wanderhure“. Das ist ein Thema, das nahtlos an „Der Name der Rose“ anschließt. „Die Wanderhure“ spielt im 15. Jahrhundert, als die Renaissance schon als Morgengrauen am Horizont blinkte: Das Individuum emanzipierte sich und ließ sich nicht länger manipulieren von der Kirche einerseits und den Feudalherren andererseits. Oder nehmen Sie Cole Porters großartiges Musical „Kiss Me, Kate“ nach Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“. Was in den genannten beiden Projekten im politischen Bereich stattfindet, das findet hier im privaten Bereich zwischen Mann und Frau statt.

Jérôme: Heute sprechen manche Beobachter der politischen Entwicklung von einer Refeudalisierung der Gesellschaft. Teilen Sie diese Sicht?

Freytag: Das sehe ich auch so. Ich halte die gesellschaftspolitische Entwicklung, nicht nur in diesem Land, für besorgniserregend. Auf der einen Seite wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer, und wir werden regiert von supranationalen Mächten. Auf der anderen Seite haben wir es mit einem Phänomen zu tun, das mich nachgerade aufbringt und zu dem wir schon eine ganze Reihe von Veranstaltungen gemacht haben: dass nämlich der einzelne Bürger das Tollste, das man in der Menschheitsgeschichte errungen hat, die Selbstbestimmung und das Wahlrecht, einfach mit Füßen tritt, indem er nicht mehr zur Wahl geht.

Jérôme: Gegen solche Entwicklungen wollen Sie mit Ihrer Theaterarbeit ankämpfen?

Historisches Ambiente: Die Stiftsruine Bad Hersfeld ist die größte romanische Kirchenruine der Welt. Foto: Bad Hersfelder Festspiele

Historisches Ambiente: Die Stiftsruine Bad Hersfeld ist die größte romanische Kirchenruine der Welt. Foto: Bad Hersfelder Festspiele

Freytag: Na klar. Zu dem Schillerschen Ansatz, der ja ein Aufklärungsansatz ist, gibt es für meine Begriffe überhaupt keine Alternative. Abgesehen davon: Wenn wir die Ziele der Aufklärung aufgeben würden, bräuchten wir keine Subventionen mehr. Dafür bekommen wir ja das Geld, dass wir ein Stück wie „Maria Stuart“ aufführen können.

Jérôme: Ist das Motto auch eine Anspielung auf den Festspiel-Streit und die Differenzen mit Bürgermeister Thomas Fehling?

Freytag: Nein (lacht). Es wird Ihnen vielleicht aufgefallen sein, dass ich mich dazu – bis auf einmal, als es mir zu viel wurde und ich einen kernigen Artikel in die Zeitung setzte – nicht äußere. Die Idee zu dem Motto ist älter als die Querelen, die durch den Blätterwald gegangen sind. Für mich ist es eine große Genugtuung, dass der Vorverkauf davon völlig unbehelligt ist. Wir haben ein tolles Vorverkaufsergebnis, und wenn es so weitergeht und das Wetter mitspielt, haben wir auch vom Einspielergebnis ziemlich gute Festspiele.

Jérôme:Im Mai beschloss das Bad Hersfelder Stadtparlament, den Zuschuss der Stadt für die Festspiele von 2015 bis 2017 um jeweils 400. 000 Euro zu kürzen. Wie gehen Sie mit der neuen Situation um?

Freytag: Wir sind dabei zu sehen, wie wir das mit Hilfe von erhöhten Sponsorenaktivitäten zum Teil ausgleichen und wie wir in der technischen Infrastruktur Geld einsparen können. Wir sind im Moment sehr damit beschäftigt: Was kann man mit dem Geld machen und wie können wir die nächsten Festspiele über die Runden bringen.

Bad Hersfelder Festspiele: 13. Juni bis 3. August. „Maria Stuart“, Trauerspiel von Friedrich Schiller. „Don Quichote“, ein Schauspiel für die ganze Familie. „Kiss, Me Kate“, Musical von Cole Porter. „Die Wanderhure“, Welturaufführung nach dem Roman von Iny Lorentz von Gerold Theobalt. „Der Name der Rose“, Schauspiel nach Umberto Eco. „Sekretärinnen“, Songdrama von Franz Wittenbrink, Schloss Eichhof. „Das Tagebuch der Anne Frank“, mobile Produktion.

www.bad-hersfelder-festspiele.de

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