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Kassel und Kurhessen königlich erleben



„Die staatliche Handlungsfähigkeit muss erhalten bleiben“

14. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Haben wir zu viel Staat oder zu wenig? In letzter Zeit in vielen Bereichen zu wenig, meint der Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder im Gespräch

Die staatliche Handlungsfähigkeit wird natürlich eingeschränkt, wenn überall dauernd nur gespart und Personal abgebaut werden soll. Sorgen für die nächste Zukunft hat der Leiter des Fachbereichs „Politisches System der BRD – Staatlichkeit im Wandel“ an der Kasseler Uni aber nicht.

Als „Schulversager, Ausbildungsabbrecher“, wie ich immer stolz in die Kurzbio meiner Krimis schreibe, habe ich nie eine Universität von innen gesehen und betrete diese roten Klinkerbauten am Holländischen Platz in der Tat zum ersten Mal. Erster Eindruck: Ruhe. Na ja, noch ist „vorlesungsfreie Zeit“. Schmale Gänge, verschlossene Türen, gelegentlich huscht ein Mensch vorbei. Zunächst müssen wir warten, Professor Schroeder hat noch was zu besprechen.

Gut gelaunter Mittfünfziger: Professor Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Kasseler Uni. Foto: Mario Zgoll

Gut gelaunter Mittfünfziger: Professor Wolfgang Schroeder, Politikwissenschaftler an der Kasseler Uni. Foto: Mario Zgoll

Zeit für einen Blick auf die Pinnwände. Eine Weltkarte aus deutscher Sicht, witzig: In der Mitte „Wir“, in die restliche EU zeigen Pfeile, „unsere Steuern“. Afrika: „Riesenprobleme“; Amerika: „facebook“; Mittelamerika: „Drogen“; Südamerika „Rinder“; Naher Osten: „Probleme“; Indien: „Programmierer“. Woanders zwei Pfeile, der eine zeigt nach links: „Liberdade“, der andere nach rechts: „Paraiso“. Stimmt wahrscheinlich, das Paradies kann nur eine Diktatur sein.

Alopecia Areata
Dann kommt ein gut gelaunter Mittfünfziger mit Glatze aus einer Tür geschossen und eilt vor uns her zu seinem Büro, Professor Wolfgang Schroeder, das Jackett hat tatsächlich Patches auf den Ellbogen. Ein altes Pressefoto der Uni zeigt ihn noch mit vollem Haarschopf. „Alopecia Areata“, erklärt er fröhlich und buchstabiert, „stellenweiser kreisrunder Haarausfall, das kriegte ich ausgerechnet ab 2008, als ich wegen des Ypsilanti-Koch-Wahlkampfs und den Folgen dauernd im Fernsehen war.“ Wolfgang Schroeder gilt als einer der profiliertesten Politikbeobachter des Landes. Und wenn man regelmäßig vor der Kamera steht und der Kopf Stück für Stück lichter wird … „Sieht ziemlich dämlich aus, wenn Sie an verschiedenen Stellen so runde Lücken im Haar haben. Irgendwann guckte ich runter auf die rasierten Schädel der Studenten und dachte, ach, zum Teufel.“ Anderthalb Millionen Menschen sollen in Deutschland von diesem eigentümlichen Haarausfall – eine Krankheit ist es eigentlich gar nicht – betroffen sein, deren genaue Ursache niemand kennt. „Ein Mordsgeschäft für die Perückenmacher“, meint Wolfgang Schroeder, „denn Frauen und Kinder haben die Option einer freiwilligen Glatze eher nicht.“

Niedergang des Sozialkatholizismus
Seit 2006 ist Schroeder Professor in Kassel, extrem umtriebig war er immer. Unmöglich, alle seiner Ämter und Funktionen aufzuzählen, die Publikationen sind in sieben verschiedene Bereiche unterteilt, alles lange Listen. Studiert hat der Katholik aus der Eifel in Marburg, Wien, Tübingen und Frankfurt, in Gießen über den „Niedergang des Sozialkatholizismus“ promoviert, beim Vorstand der IG Metall gearbeitet, das Bistum Mainz beraten, Forschungsaufenthalte und Vorträge haben ihn bis nach Harvard und Tokio geführt.

Niedergang des Sozialkatholizismus. Die Caritas und das Kolpingwerk gibt es doch noch? „Schon, aber ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es katholische Gewerkschaften, das Zentrum als katholische Partei, diverse Institutionen, in denen der katholische Mensch von die Wiege bis zur Bahre eingebunden und umsorgt war. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten viele das alles wieder aufbauen, aber sie haben den Kampf verloren, es ist alles im DGB und den überkonfessionellen Unionsparteien aufgegangen. Enttraditionalisierung und Säkularisierung nennt man das auch.“

Disparität immer Hauptproblem
Geschichte ist ein Bereich, mit dem der Politikwissenschaftler sich beschäftigt, denn „alles, was wir über die Gegenwart und die Zukunft aussagen können, geht nur über Beschäftigung mit Geschichte, alles andere ist Glasperlenspiel.“ Sein Buch „Politik und Regieren in Hessen“ ist gerade erschienen, eine politische Geschichte unseres vor 70 Jahren von den Amerikanern geschaffenen ersten Bundeslandes. „Hier wurde auch die erste deutsche Verfassung nach dem Krieg angenommen, der hessische Staatsgerichtshof war Vorbild für das Bundesverfassungsgericht, und die erste deutsche Kommunalverfassung kam auch aus Hessen. Das Hauptproblem dieses Landes war immer die Disparität zwischen dem Norden und der Mitte einerseits und dem Süden andererseits. Norden und Mitte machen 65 Prozent der Fläche aus, aber nur 38 Prozent der Bevölkerung, 34 Prozent der Erwerbstätigen und sogar nur 30 Prozent der Wertschöpfung. Auf der anderen Seite war der Norden personell höchst erfolgreich. Georg August Zinn, Holger Börner, Hans Eichel: Alle aus Kassel.“ Und alle Sozialdemokraten.

Hessen war ja mal das einzige SPD-regierte Flächenland, ein roter Leuchtturm im schwarzen Meer. Schroeder lacht. „Ja, das Gegenmodell zur Adenauer-Republik. Und ein Experimentierfeld. Hier gab es die erste rot-grüne Regierung, jahrzehntelang standen sich ein schwarz-gelbes und ein rot-grünes Lager unversöhnlich gegenüber. Zentrale Konflikte sind in unserem Bundesland sozusagen stellvertretend für die ganze Republik ausgetragen worden. Jetzt haben wir, nach der Pleite in Hamburg, die erste schwarz-grüne Landesregierung, die funktionieren könnte. Ob dieses Bündnis die Blaupause für eine schwarz-grüne Bundesregierung darstellt, ist noch offen. Dann hätte Hessen erneut die Republik geprägt.“

Nicht von Gesellschaft abkoppeln
Der andere Bereich ist das Beobachten von gesellschaftlichen Veränderungen und das Entwickeln von sozialen Ideen. „Der Staat hat sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten jeder Menge Aufgaben, aber auch jeder Menge Ressourcen entledigt. Denken Sie nur an die Energie, die Bahn, den Wohnungsbau. Da müssen wir aufpassen. Die staatliche Handlungsfähigkeit muss erhalten bleiben. Die Staatlichkeit darf sich nicht von der Gesellschaft abkoppeln. Der Markt sollte stärker in Staat und Gesellschaft eingebettet werden.“

Vorsorgender Sozialstaat
Aus solchen Beobachtungen und Überlegungen hat Wolfgang Schröder hier in Kassel sein eigentliches Baby ausgebrütet: den vorsorgenden Sozialstaat, der 2007 als Konzept sogar Eingang ins Grundsatzprogramm der SPD fand. „Es geht darum, nicht nur die Auswirkungen sozialer Notlagen abzufedern, also Nachsorge mit Geld, sondern die Menschen soweit wie möglich dabei zu unterstützen, ihre eigenen Talente zu entwickeln, um ihre Situation selbst in den Griff zu kriegen. Und dann kommt der handlungsfähige Staat wieder ins Spiel. Denn um frühzeitig darauf hinzuwirken, dass Bildung und Gesundheit gefördert werden, braucht man eine gute Infrastruktur; besonders professionelle Helfer. Das gilt übrigens auch für die neue Herausforderung bei der Asyl- und Einwanderungspolitik.“

Von Uckermärker Sportplatz bis EU-Kommission
Das führte 2009 zu einem Anruf des damaligen brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, und der Professor aus Kassel fand sich plötzlich für fünf Jahre in Potsdam wieder, als Staatssekretär im Arbeitsministerium. „Das war atemberaubend gut“, sagt er. „Sie sind auf einmal für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik zuständig, die sich zwischen Anforderungen auf einem Uckermärker Sportplatz bis zur EU-Kommission Brüssel abspielt.“ Tatsächlich konnte Wolfgang Schroeder viele Ideen umsetzen, von der Betreuung Schwangerer, die sich vielleicht zu Problemmüttern entwickeln könnten, oder einem „Konzept Türöffner“, um Arbeitslosen zweite, dritte Chancen zu verschaffen. „Aber das Problem ist natürlich immer das Geld. Einmal sind wir beim Europäischen Sozialfonds in allen möglichen Prüfkategorien durchgefallen, auf einmal war eine Viertelmilliarde Euro vorübergehend durch den Landeshaushalt vor zu finanzieren. Ich rannte zu meinem Minister und sagte: Wir müssen handeln! Er sagte: Was heißt wir? Du!“ Er hat gehandelt und das Problem gelöst.

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