Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Digitale Rundgänge durch die Geschichte der documenta

4. September 2016 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Der öffentliche Raum der Stadt Kassel unterscheidet sich von dem anderer Städte durch seine Besetzung mit hochkarätigen Außenobjekten aus der documenta-Vergangenheit. Denn mit der schrittweisen Erschließung neuer Schauplätze hat die Ausstellungsreihe ihr städtisches Umfeld programmatisch genutzt. Ortsspezifische Kunstwerke, die kommentierend oder intervenierend in den urbanen Zusammenhang eingreifen, gehören seit 1977 zu jeder documenta. Auf der Suche nach erweiterter sozialer Wirksamkeit reagiert nämlich die Kunst zunehmend auf ihr gesellschaftlich definiertes Umfeld, um abseits der Ausstellungsräume neue Verbindlichkeit zu gewinnen. Die Geschichte der documenta ist somit auch die Geschichte ihres Ausgreifens in den Außenraum.

Thomas Schütte, Die Fremden

Thomas Schütte, Die Fremden

Hohes Engagement der Bevölkerung sowie von Künstlern- und Sponsoren
Obwohl alle Außenobjekte grundsätzlich temporär geplant werden, konnten bislang sechzehn prominente Installationen dauerhaft gesichert werden: Schenkungen oder Erwerbungen aus documenta 6 (1977), 7 (1982), 9 (1992), 10 (1997) und 13 (2012). Ihr Verbleib ist nicht das Ergebnis einer systematischen Anschaffungspolitik, sondern er ist abhängig vom Engagement der Bevölkerung sowie von Künstler- und Sponsorenaktivitäten. Die Werke unterliegen daher unterschiedlichen Eigentumsverhältnissen und Zuständigkeiten. Die documenta-Außenobjekte unterscheiden sich in ihren Dimensionen und ihrer Materialität ebenso wie in ihren künstlerischen Intentionen. In jedem Fall aber sind sie repräsentativ für die Vermittlungsabsicht der jeweiligen Ausstellung. Sie spiegeln wichtige Etappen in der Geschichte der Weltkunstausstellung und sind zeitgemäße Beispiele für den künstlerischen Umgang mit städtischen oder landschaftlichen Räumen. Mit ihrer öffentlichen Wirksamkeit stehen die Installationen stets im Mittelpunkt des Publikumsinteresses. Erstellung und Anschaffung vollziehen sich unter kritischer Kommentierung der Bürgerinnen und Bürger. In den oftmals kontroversen Reaktionen spiegeln sich auch die wechselnden Argumente bei der Diskussion um die Kunst im öffentlichen Umfeld.

Entwicklung einer digitalen Plattform für mobile Endgeräte
Seit ihren Anfängen hat die documenta auch den öffentlichen Stadtraum als Schauplatz künstlerischer Interventionen genutzt. Sechzehn dieser bedeutenden Kunstwerke prägen bis heute als sichtbare Spuren der documenta Geschichte das Bild der documenta Stadt Kassel. Dazu gehören unter anderem die berühmten „7000 Eichen“ von Josef Beuys, der skandalumwitterte „Erdkilometer“ von Walter de Maria oder das heimliche Wahrzeichen Kassels „Man walking to the Sky“ von Jonathan Borowski. Die Stadt Kassel hat nun, in Kooperation mit der documenta und Museum Fridericianum gGmbH, erstmals eine digitale Plattform für mobile Endgeräte und einen Audioguide entwickelt, auf denen die historischen documenta-Kunstwerke einzeln vorgestellt und in die 60-jährige documenta-Geschichte eingebettet werden. Kostenlose, interaktive Führungen, die den Besucher anregen, ganz individuell, audiogestützte Rundgänge zu unternehmen und in die documenta-Geschichte einzutauchen.

Lawrence Weiner, THE MIDDLE OF THE MIDDLE OF THE MIDDLE OF / DIE MITTE VON DIE MITTE VON DIE MITTE VON

Lawrence Weiner, THE MIDDLE OF THE MIDDLE OF THE MIDDLE OF / DIE MITTE VON DIE MITTE VON DIE MITTE VON

Auswahl zwischen drei verschiedenen Parcours
Auf der Website www.documenta-historie.de oder über die App IZI Travel können Besucher mit ihrem Smartphone oder Tablet aus drei verschiedenen Parcours zu den Kunstwerken ihre Lieblingsroute auswählen. Zur Wahl stehen die Rundgänge „Friedrichsplatz“, „Staatspark Karlsaue“ und „Stadtraum“. Der digitale documenta-Guide leitet die Besucher in deutscher oder englischer Sprache zu den Kunstwerken. An den jeweiligen Haltepunkten werden die einzelnen Arbeiten beschrieben und mit Hintergrundinformationen zu den Künstlern ergänzt. Interessierte können sowohl einem Rundgang von Anfang bis Ende folgen, als auch flexibel an einem beliebigen Kunstwerk die jeweilige Tour beginnen.

Die Parcours finden Sie in deutscher und englischer Sprache unter:
www.documenta-historie.de und www.documenta-history.com

Die documenta
1955 organisierte der Kasseler Maler und Gestalter Arnold Bode im Museum Fridericianum eine umfassende Übersichtsausstellung zur europäischen Kunst des 20. Jahrhunderts – genannt documenta. Mit ihr verbanden sich zehn Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs Aufgaben von nationaler Bedeutung: unter anderem die Rehabilitation der zuvor als entartet diffamierten Künstler und die Wiedereingliederung Deutschlands in die Reihe der Kulturnationen. Der sensationelle Erfolg ermöglichte vier Jahre später eine weitere Version, die sich nun aktiv in die Auseinandersetzung um die abstrakte Kunst einschaltete. Seitdem hat sich die documenta im zunächst vier-, später fünfjährigem Rhythmus zur weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihe für Gegenwartskunst entwickelt.

Als Medium der Information über die neuesten Tendenzen im internationalen Kunstbetrieb hat sie im Laufe ihrer Geschichte sämtliche Etappen des westlichen, später globalen Kunstverständnisses dokumentierend und kommentierend begleitet. Neben dem jeweils aktuellen Stand der künstlerischen Produktion spiegelt jede documenta auch den Stand des kunsttheoretischen Diskurses. Und mit ihren szenografischen Erfindungen an den unterschiedlichen Ereignisorten ist sie maßstabsetzend für die Methoden der Inszenierung von Kunst. Allen Versionen gemeinsam ist ihr Selbstverständnis einer Institution zur objektiven Dokumentation der Gegenwartskunst. Ihre exklusive Position als Weltkunstausstellung entsteht durch ihr Auftreten als Autorität. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist der regelmäßige Anspruch auf verbindliche Definition eines Kanons des Zeitgenössischen.

Darüber hinaus muss sich jede documenta organisatorisch und konzeptuell neu erfinden. Seit 1972 liegt diese Aufgabe in den Händen wechselnder künstlerischer Leitungen. Sie werden jeweils von einer international besetzten Findungskommission bestimmt. Organisatorisch unterstützt von einer gemeinnützigen GmbH wird der Ausstellungsleitung künstlerische Freiheit garantiert.

Nach dem allmählichen Schwinden ihres Objektivitätsanspruchs ist die documenta heute eine Instanz zur Diskussion weltweit relevanter gesellschaftlicher Problemfelder mit vielfältigen kulturellen Ereignisformen auf der Grundlage individueller Konzepte.

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