Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



documenta 14: gegen alle Repressionen

7. Juni 2017 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Flucht, Enteignung, Vertreibung, Gewalt gegen Minderheiten und den künstlerischen Widerstand gegen all dies: Darum geht es bei der documenta 14, die am Samstag, 10. Juni, in ganz Kassel öffnet.  „Die große Lektion ist, dass es keine Lektion gibt“ und dass niemand den Menschen zeigen müsse, wie man zu leben habe, sagte Adam Szymczyk, künstlerischer Leiter der d14, während der heutigen Pressekonferenz im Kongress Palais in Kassel.

Adam Szymczyk, der künstlerische Leiter der d14, während der Pressekonferenz. Das Rednerpult ist ein Kunstwerk der Sámi Artist Group. Foto: Hans Martin KrauseDie Orte der documenta 14
Täglich von 10 bis 20 Uhr ist die d14 in Kassel für das Publikum geöffnet. An über 30 öffentlichen Institutionen, Plätzen, Orten und Universitätsstandorten. Mit über 160 Künstlerinnen und Künstlern, die ihre Arbeiten zu diesen Themen vorstellen. Adam Szymczyk schlägt für die Besucher einen Parcours durch die City vor, der im Internet vorab zu sehen ist: Dieser umschließt den Kulturbahnhof, die neue Hauptpost, die Universität Kassel mit dem Gießhaus und der Gottschalkhalle, die Henschel-Hallen, den Königsplatz, das Fridericianum sowie den Friedrichsplatz und viele Kunsträume mehr. Dieses Mal neu ist, dass jetzt auch Künstler in der Nordstadt ihre Werke zeigen, so etwa im Nordstadtpark. An einem Tag ist das alles wohl kaum zu schaffen. Doch dafür räumen die Veranstalter gut 100 Tage ein. 100 Tage, in denen allen Besuchern das Thema Repression und der künstlerische Widerstand dagegen immer wieder begegnet.

So gibt es auf dem Königsplatz einen Obelisken, der „16 Meter hoch“ sei, wie d14-Kuratorin Candice Hopkins bemerkt. Das Auffällige daran: Auf Türkisch, Arabisch, Deutsch und Englisch habe der Erfinder dieses Kunstwerks, Professor Olu Oguibe, einen Vers aus dem Matthäus-Evangelium dort auf den verkleidenden Platten angebracht – „Ich war ein Fremdling, und ihr habt mich beherbergt“. Olu Oguibe wanderte einst von Nigeria in die USA aus. Somit weiß er durch dieses Kunstwerk etwas davon zu erzählen. Der Obelisk hat jedenfalls das Zeug, neben dem Parthenon der Bücher zu einem Symbol dieser documenta 14 zu avancieren.

Flucht und Unterdrückung haben auch das Volk der Sámi in Nordeuropa erlebt. Deren „Sámi Artist Group“ ist in Athen und voraussichtlich ebenso in Kassel mit Exponaten zu sehen. Synnøve Persen gehört dazu, war sie doch einst an einem Hungerstreik vor dem norwegischen Parlament gegen ein geplantes Wasserkraftwerk im Zentrum des Sámi-Gebietes beteiligt. Dies geschah am Ende der 70er Jahre. Damals war sie Studentin der Akademie der schönen Künste in Oslo und entwarf eine Flagge für ihr Volk, als Siebdrucktinte auf Papier. Über zehn Jahre später gewährte Olav V., König von Norwegen, den Sámi ihr eigenes Parlament.

documenta 14: Orte visueller Kunst, Orte der Klänge
Und was darf man sonst noch von der documenta 14 erwarten? Es gibt wie immer bildende, gestaltende Kunst: Baukunst, Bildhauerei, Malerei, Zeichnungen und Grafik. Dazu kommt noch darstellende Kunst wie etwa Film und Fotografie. Doch die documenta 14 ist auch ein Ort der Klänge.

Der aus Syrien stammende Violinist Ali Moraly. Foto: Hans Martin KrauseDies macht ein Auftritt des syrischen Violinisten Ali Moraly schon während der Pressekonferenz deutlich. Er spielt sein Stück „Quatrain“ vor, basierend auf der Todesfuge, einem Gedicht von Paul Celan. Die Musik von Ali Moraly berührt und zieht einen in den Bann. Sie ist getragen, episch, melancholisch, traurig, sphärisch, sie klingt nach Meer, wie aus der Ferne, entzieht sich manchmal der Klanglogik konventioneller Musik und bleibt trotzdem eingängig schön. Man könnte verwundert stundenlang zuhören. Am Ende gibt es tosenden Applaus. Ali Moraly studierte einst in Damaskus. Dann tourte er mit seiner Violine durch Europa. Wie sein Großvater beschäftigte er sich mit syrischer, zeitgenössischer Musik. Dann kam der Bürgerkrieg, und er floh nur noch mit seiner Kleidung auf dem Leib nach Norden. Jetzt steht er mit der Violine auf der Bühne im Kongress Palais in Kassel und verbeugt sich höflich. So fragt die ebenfalls anwesende griechische Kulturministerin Lydía Koniórdou an anderer Stelle in den Raum hinein: „Bauen wir Mauern oder lassen wir diese Menschen herein?“ Und: Mehr denn je brauche die Welt die Stimmen der Künstlerinnen und Künstler. „Wir brauchen die Förderung zeitgenössischer Kunst“, sagt zudem Boris Rhein, Hessischer Minister für Wissenschaft und Kunst. Denn eine Gesellschaft ohne Kunst sei eine Gesellschaft ohne Kreativität.

Die documenta 14 als Ort der Klänge hat auch ein eigenes Radio mit Stationen auf dem ganzen Planeten. Auch in Deutschland kann man es in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur hören.

Es sind also ernste und traurige Dinge, die sich die große Kunst während der d14 ehrlich zum Thema macht. Ganz ohne Euphemismen. Informationen zu den Eintrittskarten und dem weiteren Programm gibt es hier.

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