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Kassel und Kurhessen königlich erleben

Gerhard Haderer – Sympathischer Krawallmacher

7. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Gerhard Haderer gehört zu den Superstars der Komischen Kunst. Sein Einstieg in das Metier war jedoch anfangs etwas holprig: Erst brach er eine Graveurslehre in Stockholm ab, dann verdingte er sich als Flaschenreiniger am Linzer Milchhof, Panoramazeichner in Salzburg und Dekorateur bei der Quelle AG. Schließlich wurde er freischaffender Illustrator für Werbeagenturen. 1985 dann der Bruch – Haderer vernichtete alle früheren Arbeiten und stellte sich partout für keinen Werbeauftrag mehr zur Verfügung. Stattdessen wurde er Cartoonist. Seine ersten Zeichnungen erschienen zuerst in der österreichischen Zeitschrift „profil“, im „ORF-Ventil“ und in der österreichischen Tageszeitung „Kurier“, später auch in „Titanic“, „Geo“ und den „Oberöstereichischen Nachrichten“. Von nun an ging es steil bergauf mit seiner Karriere. Seit 1991 zeichnet er etwa den Startcartoon für jede Ausgabe des „Stern“-Magazins. Doch wurde sein Leben dadurch nicht unbewegter.

Cartoonist Gerhard Haderer. Foto: Christian Herzberger

Bombendrohung in Kassel
Haderers Cartoon-Band „Das Leben des Jesus“ führte im Jahr 2002 zu einer öffentlich geführten Diskussion über die Legitimität humoristischer Darstellungen von religiösen Inhalten. In der CARICATURA – Galerie für Komische Kunst in Kassel, die das Buch mit einer Ausstellung würdigte, ging am Tag der Eröffnung eine Bombendrohung ein, die den Bundesgrenzschutz samt Hundestaffel auf den Plan rief. Haderer selbst blieb jedoch ganz Profi: „Das waren dann wieder Anregungen für tausende weitere Cartoons, denn ich wusste bis dahin nicht, wie deutsche Grenzhunde mit Bildender Kunst umgehen. Das hab ich in Kassel gelernt – und natürlich auch nicht vergessen!“

Blasphemie
Auch in seiner Heimat hagelte es Kritik, vor allem naturgemäß seitens der katholischen Kirche: Der Salzburger Weihbischof forderte, Haderer wegen Blasphemie anzuklagen. Für den 1951 im ober-österreichischen Leonding geborenen Haderer völlig unverständlich: „Eigentlich habe ich erwartet, dass die österreichischen Bischöfe meinen Namen loben und preisen würden für all das, was ich zum Thema Amtskirche nicht gezeichnet habe.“ Doch letztlich ficht ihn die Kritik nicht an: „Die Dummen versuchen gerichtlich zu klagen, die Klugen laden mich zum Essen ein“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Angeklagt wurde er dann tatsächlich, allerdings nicht in Österreich, sondern in Athen. Hier wurde Haderer, der dem wissenschaftlichen Beirat der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung angehört, 2005 in Abwesenheit zu sechs Monaten Haft verurteilt, in zweiter Instanz jedoch freigesprochen.

Signiert mit „Hades“
Auch sonst sind Haderers Werke zumeist mit „Hades“ signiert – wohl ob ihrer kompromisslosen, zur Gnadenlosigkeit tendierenden Ehrlichkeit – in Österreich nicht unumstritten. In seinem monatlich erscheinenden Comic-Heft „Moff“ persifliert Haderer das gesellschaftspolitische Zeitgeschehen in Österreich. Von den „Oberösterreichischen Nachrichten“ trennte er sich nach einer für Aufregung sorgenden Karikatur mit dem damaligen Landeshauptmann. Glücklicherweise weiß man den sympathischen Krawallmacher im Großen und Ganzen aber schon zu schätzen. So erhielt er etwa im Jahr 2008 das Goldene Verdienstabzeichen der Stadt Wien. In Deutschland wurde er 2001 mit dem „Geflügelten Bleistift in Gold“ beim Deutschen Karikaturenpreis geehrt.

Quelle: Caricatura Kassel

Humor hat Ventilfunktion
In seinen Bildern befasst sich Haderer sowohl mit tagesaktuellen Ereignissen aus Politik, Sport und Gesellschaft als auch mit dem ganz alltäglichen Wahnsinn. Als Cartoonist dürfe man keine Angst vor polarisierenden Themen haben, findet Haderer. Auch vor großen Tragödien wie den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 nicht. Schließlich habe Humor auch eine Ventilfunktion, die dazu beitragen könne, mit dem Geschehenen umzugehen.

Haderers Bilder zeichnen sich aus durch einen exakten Aufbau sowie eine gezielte Licht- und Blickführung. Der Sechzigjährige behauptet zwar, bevorzugt mit Acryltusche zu arbeiten, doch wirken seine detailverliebten Hochglanzzeichnungen eher wie hingezaubert.

Von Gerhard Haderer erschienen unter anderem: „Das zweite Jahrzehnt im Stern“ (2011), „Die ersten zehn Jahre im Stern“ (2001, beide Lappan Verlag), „Jahrbuch 1-3“ (2008-2010), „Das Leben des Jesus“ (2002, alle Ueberreuter Verlag).


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