Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



In die Herzen gespielt

28. Oktober 2013 | Von | Kategorie: Feuilleton 

GMD Patrik Ringborg erzählt, wie das älteste Orchester Deutschlands auch junge Fans anspricht

Es muss ein aufregender Herbst sein für Kassels Generalmusikdirektor Patrik Ringborg: Im Oktober debütiert der schwedische Dirigent an der Königlichen Oper seiner Geburtsstadt Stockholm, wo er die musikalische Leitung bei Christof Loys Neuinszenierung von Richard Wagners „Parsifal“ innehat. Einen Monat später widmet er sich in Kassel dann der leichteren Muse, und zwar der Strauss-Operette „Die Fledermaus“, die am 2. November Premiere am Staatstheater feiert. Wir sprachen mit Patrik Ringborg über das Jubiläumsjahr und die Zukunft.

Schwede auf dem Dach: Patrik Ringborg ist seit 2007 Generalmusikdirektor am Staatstheater Kassel. Foto: Mario Zgoll

Schwede auf dem Dach: Patrik Ringborg ist seit 2007 Generalmusikdirektor am Staatstheater Kassel. Foto: Mario Zgoll

Jérôme: Herr Ringborg, wie haben Sie das Kasseler Jubiläumsjahr erlebt?

Patrik Ringborg: Ich habe gespürt, dass sich das Staatsorchester in die Herzen der Bürger gespielt hat. Zu bemerken war dies schon beim Festakt im Februar und dann bei den beiden Open-Air-Konzerten, beim Filmmusikkonzert am Friedrichsplatz und beim HNA-Open-Air, zu dem über 30.000 Menschen in die Karlsaue kamen. Man merkte es auch beim Theaterfest: Die Leute sitzen nicht nur da, um ein bisschen Musik zu hören, sondern es ist einfach ihr Orchester. Außerdem gewann der Förderverein „Bürger Pro A“ im Jubiläumsjahr viele neue Mitglieder, und bei Facebook hat das Staatsorchester Kassel jetzt etwas mehr 2.000 Likes.

Jérôme: Bleiben wir bei „Bürger Pro A“. Der Verein wurde 1995 gegründet, um die damals drohende Herabstufung des Staatsorchesters zu verhindern …

Ringborg: Zum Glück sind wird nicht mehr in diesem Punkt bedroht. Wertvolle Unterstützung leistet der Verein trotzdem – für die Jugendarbeit, die Konzertpädagogik oder bei den Gustav-Mahler-Festtagen. Immer wenn wir Projekte machen wollen, die über das Übliche hinausgehen, ist Pro A da. Zum Beispiel unterstützte der Verein uns bei den schönen neuen Konzert-Hörbüchern, die als Bonus eine beigefügte DVD mit Interviews und Konzertausschnitten haben. Es gibt übrigens auch eine Blu-Ray-Auflage für die richtigen Freaks.

Jérôme: Wird es in der Zukunft immer wichtiger, dass sich klassische Musiker mit neuen Technologien und in sozialen Netzwerken präsentieren?

Ringborg: Ja, denn Facebook und Twitter sind sehr effektiv. Man schickt nicht Werbung irgendwohin, was nebenbei bemerkt umweltschädigend ist, sondern erreicht gratis genau die Menschen, die informiert werden wollen. Sehr erfreulich ist, dass viele junge Menschen mit dem Staatsorchester bei Facebook befreundet sein wollen und dadurch über unsere Tätigkeiten informiert werden.

Jérôme: Besteht also kein Anlass für Kulturpessimismus und Zukunftsangst?

Ringborg: Dass es durch die Schuldenbremse Einschränkungen in der Kulturförderung geben könnte, ist eine Sache. Man wäre ja dumm, dem keine Bedeutung beizumessen. Ich bin aber ganz sicher, dass es das Staatsorchester Kassel noch in 20, 40 und 60 Jahren geben wird. Es gibt Gebiete mit hoher Orchester-Dichte, wo Orchester leider aufgelöst wurden. Aber in Nordhessen das Orchester zu schließen, würde bedeuten, den Teil eines Bundeslandes ohne Orchester alleinzulassen. Und das gab es noch nie. Insofern ist das Staatorchester noch lange sicher, wenn auch vielleicht nicht für ewig.

Jérôme: Es gehört außerdem zu den traditionsreichsten Orchestern in Deutschland …

Ringborg: Das Kasseler Orchester besteht seit 1502 und ist somit das älteste deutsche Orchester.

Jérôme: Und die Staatskapelle Dresden?

Ringborg: Die Dresdner sind sauer, wenn sie es hören, aber das Orchester dort ist einige Jahrzehnte jünger als das Kasseler. Die Dresdner sagen allerdings: Wir haben das älteste durchgehend spielende Orchester in Deutschland. Doch auch, wenn man die Jahre zählt, in denen das Orchester gespielt hat, ist das Kasseler Orchester das älteste – trotz einer Pause im 18. Jahrhundert. Wir sind auch hundert Jahre älter als die Weimarer, denn dort wurde die Hofkapelle erst 1602 gegründet. Übrigens haben wir als ältestes deutsches Orchester unlängst der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin einen Geburtstagsgruß geschickt. Die feiert in diesem Jahr nämlich ihr 450-jähriges Bestehen.

Jérôme: Ihr Vertrag wurde im Jahr 2010 bis 2017 verlängert. Können Sie sich vorstellen, auch danach in Kassel zu bleiben?

Ringborg: Ich bin seit 2007 in Kassel. Zehn Jahre sind schon sehr lange für einen Chefdirigenten – und für das Orchester auch. Es gibt aber in der Oper mehr Stücke, als ich bis 2017 unterbringen kann. Da habe ich jetzt schon Probleme, zu wählen, was ich nicht mache.

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