Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Klänge von unbeschreiblicher Zärtlichkeit

20. Oktober 2014 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Patricia Kopatchinskaja spielt Beethoven bei den Kasseler Musiktagen

Kaum eine andere Einspielung des Violinkonzerts von Ludwig van Beethoven ist so frisch und elektrisierend wie die Interpretation der Geigerin Patricia Kopatchinskaja. Sie hat das Werk mit dem Dirigenten Philippe Herreweghe und dem Orchestre des Champs-Élysées vor einigen Jahren für das Label Naïve aufgenommen – für viele Kenner eine herausragende Referenzaufnahme. Ein Klassik-Höhepunkt verspricht deshalb Kopatchinskajas Auftritt in der Kasseler Stadthalle zu werden: Am 2. November interpretiert sie das Beethoven-Konzert mit Herreweghe und dem hr-Sinfonieorchester bei den Kasseler Musiktagen.

Patricia Kopatchinskaja ist eine der ausdrucksstärksten Geigerinnen der Gegen- wart. Foto: Foto: Friedrun Reinhold

Patricia Kopatchinskaja ist eine der ausdrucksstärksten Geigerinnen der Gegen- wart. Foto: Foto: Friedrun Reinhold

Patricia Kopatchinskaja stammt aus einer moldawischen Musikerfamilie, emigrierte 1989 nach Wien und lebt heute in Bern. Sie gilt als eine der ausdrucksstärksten und individuellsten Geigerinnen unserer Zeit. Zu ihren Preisen und Auszeichnungen zählen unter anderem der Echo-Klassik, der International Classical Music Award und eine Grammy-Nominierung. Wir stellten ihr einige Fragen via E-Mail.

Jérôme: Frau Kopatchinskaja, der Philosoph Byung-Chul Han sagte unlängst in einem Interview in der „Zeit“, dass das Glatte die Gegenwart charakterisiere: „Heute entsteht eine Kultur der Gefälligkeit.“ Teilen Sie diese Diagnose? Gibt es heute zu viel Glätte und Gefälligkeit?

Patricia Kopatchinskaja: Ja, selbstverständlich, ich habe den Artikel auch gelesen und sofort Freunde darauf aufmerksam gemacht.

Jérôme: Bei den Kasseler Musiktagen werden Sie Beethovens Violinkonzert spielen. Ist es eine ungefällige Musik?

Kopatchinskaja: Nein, im Gegenteil, es ist eine poetische, gesangliche Musik, die nur vereinzelt auch gewisse auftrumpfende Kanten hat, zum Beispiel im ersten Satz. Ich spiele dieses Konzert in Gedenken an den Geiger der Uraufführung, Franz Clement, der nach den Berichten seiner Zeitgenossen nie laut spielte, aber mit Delikatesse, Eleganz und „unbeschreiblicher Zärtlichkeit“. Wir werden auch die lebhaften Tempi verwenden, welche aus den historischen Informationen hervorgehen.

Jérôme: Mit welchem Instrument werden Sie das Beethoven-Konzert spielen?

Kopatchinskaja: Da das hr-Sinfonieorchester auf modernen Instrumenten spielt, nehme ich meine modern besaitete Pressenda, eine von Giovanni Francesco Pressenda gebaute Geige von 1834. Philippe Herreweghes eigenes Orchestre des Champs-Élysées verwendet Originalinstrumente, und deshalb spielte ich bei der Aufnahme die Pressenda mit Darmsaiten. Seit einiger Zeit verwende ich bei Ensembles mit historischen Instrumenten eine von Ferdinando Gagliano um 1780 gebaute Geige. Ich glaube aber, es kommt nicht darauf an, wie „ richtig“ das Instrumentarium ist. Es geht um den Geist, der heute genau so frisch wie damals wahrgenommen werden muss.

Jérôme: Auf ihrem neuen, beim Plattenlabel ECM erschienenen Album interpretieren Sie Werke der 2006 verstorbenen russischen Komponistin Galina Ustwolskaja. Was macht Ustwolskaja so unverwechselbar?

Kopatchinskaja: Da Musik bekanntlich dort anfängt, wo die Sprache aufhört, kann ich über Ustwolskaja nicht viel sagen. Es stimmt bei ihr ganz besonders, dass Musik jenseits des Erklärbaren liegt. Sie hat übrigens auch betont, man solle ihre Musik nicht analysieren, nicht mit anderer Musik vergleichen. Man muss sich diese Werke selber anhören: eine urtümliche Naturgewalt, jenseits jeder Gefälligkeit. Ein absolutes Mysterium, rational nicht zu verstehen. Ich kenne nichts anderes, was mich immer wieder so tief erschüttert. Das Erstaunliche ist, dass diese unglaublichen Werke überhaupt nicht den Weg ins Repertoire der Geiger gefunden haben. Sie sind mit einer Tabu-Aura umhüllt und werden nur äußerst selten gespielt. Ustwolskaja gehört zur alten Sowjetunion wie der Dichter Warlam Schalamow. Aufgrund der jüngsten Zeitereignisse scheinen mir beide alles andere als veraltet.

Jérôme: Hören Sie auch Popmusik?

Kopatchinskaja: Es kommt vor, zum Beispiel hört meine achtjährige Tochter dauernd die Beatles.

Jérôme: Waren Sie schon einmal in Kassel?

Kopatchinskaja: Nein, aber ich freue mich, in die Stadt Louis Spohrs zu kommen. Er erlebte noch die Beethoven-Zeit. Man hat aus Dokumenten eine ungefähre Idee, wie er gespielt haben muss. Beispielsweise verwendete er das Vibrato nur sparsam an besonders ausdrucksvollen Stellen. Auch Spohr wird mir als Inspiration für das Beethoven-Konzert dienen.

Konzert am 2. November, ab 17 Uhr in der Kasseler Stadthalle. Tickethotline: (0561) 3164500. www.kasseler-musiktage.de

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