Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Komm. Geh. Komm.

20. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Feuilleton 

So fängt eins der vielen schmalen Bücher von Peter Härtling an, eine Romanze über den irrlichternden Romantiker E.T.A. Hoffmann als Theatermensch in Bamberg und seine „nicht ganz platonische Liebe zu sehr jungen Sängerinnen“, ein „Erotiker in quälenden, provinziell engen Verhältnissen“. Mit Sprache kann man tolle Sachen machen, vermutlich mit jeder, jedenfalls mit der deutschen. Eine Zeile. Drei Wörter. Drei Sätze. Und schon ahnt man, wie es rund gegangen sein muss mit dem alternden E.T.A. Hoffmann und den jungen Theaterhäschen im damals winzigen, abgelegenen Bamberg; die Gattin, nicht zu vergessen, war auch dabei, die Ehe, wenig überraschend, „turbulent“.

Zwischen Stadtverordnetenvorsteherin Petra Friedrich und Oberbürgermeister Bertram Hilgen trägt sich Peter Härtling ins Goldene Buch ein. Foto: Mario Zgoll

Und das Beste: Es ist völlig egal, wie man aussieht oder wie alt man inzwischen geworden ist, die Sprache ist immer da und kann immer alles ausdrücken, was durch des Autors Hirnwindungen tobt. Natürlich nur, wenn der Autor das kann, denn die Sprache selbst ist tatsächlich nichts anderes als „da“. Peter Härtling, der diesjährige Hauptpreisträger des Kulturpreises Deutsche Sprache, benannt nach Jacob Grimm, kann mit ihr umgehen. Offenbar wollte die siebenköpfige Jury diesmal mit einem verdienten älteren Schriftsteller auf Nummer sicher gehen, anstatt originell zu sein wie bei früheren Preisträgern wie Udo Lindenberg, Cornelia Funke oder Loriot. Härtling hat schon so gut wie jeden anderen Preis bekommen, selbst den Büchner-Preis.

Preisträger, die nicht zusammen passen
Beim Pressegespräch vor der eigentlichen Preisverleihung sitzen in einem der kleineren Räume des Kongress Palais sieben Herren in einer Reihe wie die Hühner auf der Stange uns Zeitungsfritzen gegenüber. Preisträger Härtling in der Mitte – ein freundlicher Herr von fast achtzig Jahren mit grauer Tolle und Brille und schwäbelndem Ton, optisch und akustisch alles andere als ein „Erotiker“. Ganz links ein Bär von einem Mann, Walter Krämer, Professor aus Dortmund, Vorsitzender des Vereins Deutsche Sprache, einem der beiden Preisverleiher, legendär für seine polternden Talkshow-Auftritte, in denen er gegen Anglizismen wettert; dann ein Jungspund namens Johannes Bittner vom Träger des Initiativpreises Deutsche Sprache, dem Internetportal „Was hab ich?“; daneben Eberhard Schöck von seiner gleichnamigen Stiftung, dem zweiten Preisverleiher; gefolgt von Helmut Glück, dem Jury-Vorsitzenden, Professor aus Bamberg (das ist Zufall), rechts neben Härtling Armin Maiwald von der Sendung mit der Maus, Träger des Institutionenpreises Deutsche Sprache; ganz rechts der Gastgeber, Oberbürgermeister Bertram Hilgen. Und dann kam keine einzige Frage. Na ja, die Pressemappe war sehr umfangreich. Der Autor dieser Zeilen tappte schließlich, verzweifelt um Rettung bemüht, ins Fettnäpfchen, fragte den OB, wieso der Preis gerade hier vergeben wird, und handelte sich eine längere Ausführung über die Bedeutung Kassels für die Brüder Grimm ein. Das lockte immerhin eine Anekdote von Eberhard Schöck hervor, wie Baden-Baden, wo seine Stiftung sitzt, die Preisverleihung mal abwerben wollte, weshalb Hilgen eiligst dorthin raste, um die Sache abzubiegen. Jurychef Glück äußerte abschließend selbstlobend, dass seine Jury „immer drei Preisträger findet, die überhaupt nicht zusammen passen.“ Da ist was dran: Einer der angesehensten Schriftsteller der Republik, ein paar Medizinstudenten und eine Kindersendung, und alle haben sich erwiesenermaßen um die „Erhaltung und die kreative Entwicklung der deutschen Sprache“ verdient gemacht.

Märchenonkel nur im Nebenberuf
Defilee in den goldblauen Festsaal, nicht ganz voll, die Pressereihe leer, wie immer bei solchen Veranstaltungen haben die grauen Köpfe eine satte Zweidrittel-Mehrheit. Auf der Bühne steht ein Bild von Jacob Grimm, was den Preisträger freut, der sich dem Namensgeber sehr verbunden fühlt: Jacob Grimm war Märchenonkel nur im Nebenberuf, vor allem aber „ein politischer Kopf“, aus dessen ungeschminkten Äußerungen Härtling die Vision einer „genauen und bestimmten Rede“ ableitet: „Keine Rede darf zur Ausrede werden.“

Alle Preisträger vereint: Peter Härtling umgeben von Vertretern des Internetportals „Was hab ich?“, Gewinner des Initiativpreises Deutsche Sprache, und der Sendung mit der Maus, Gewinner des Institutionenpreises Deutsche Sprache. Foto: Mario Zgoll

Humorige Laudationes und Dankreden
Bitte sehr: Einer der fünf Leuchter über der Bühne ist kaputt. Mehrmals wird die frühere Bundesjustizministerin Brigitte Zypries begrüßt, die gar nicht da ist: Ihr leerer Stuhl mit Namensschild steht schräg vor meinem. Musik von einem Vokalensemble, siebenköpfig wie die Jury, sehr getragen. (Ich bin wahrscheinlich ein Barbar, aber ich hasse Schubert-Lieder; über Schubert hat Härtling übrigens auch geschrieben.) Die Laudationes und die Dankreden dann durchaus humorig, der Laudator auf das Internetportal „Was hab ich?“, ein Professor aus Lübeck, führt vor, was für grauenvolle Dinge man mit der deutschen Sprache auch anstellen kann: Reinstes Ärztechinesisch, völlig unverständlich. Auf www.washabich.de kann man sich das von über 600 Medizinstudenten und Ärzten kostenlos übersetzen lassen, wirklich eine tolle Idee von ein paar Dresdner Studenten, die inzwischen auch international nachgemacht wird. Zum Beispiel so: „Ein Bypass ist eine Umgehungsstraße für ein gesperrtes Stück Autobahn.“ Armin Maiwald weist darauf hin, dass es die Sendung mit der Maus schon seit 1971 gibt, die ersten Kinder von damals langsam ins Großelternalter kommen; und dass das Durchschnittsalter der Zuschauer bei 39 Jahren liegt. Allesamt würdige Preisträger des Kulturpreises Deutsche Sprache. Für Peter Härtling, der ein schreckliches Kriegs- und Nachkriegsschicksal hatte, „war lesen nach dem Krieg die Lebensrettung“. Als der junge Härtling seinem Pfarrer verkündete, Gott sei tot, meinte dieser: „Das musst du ihm schon selber sagen.“ Ja, die Sprache.

Goldenes Buch und zähe Brötchen
Anschließend trug der Preisträger sich im Gesellschafts- und Bankettsaal ins Goldene Buch der Stadt ein, und es gab ein Büfett von einem benachbarten Hotel. Belegte Brötchen, die entweder nichts taugten oder von gestern waren – jedenfalls so zäh, dass die Sache Hubertus Meyer-Burckhardt aus der Hand und auf sein Jackett glitt, als er hineinbiss und verzweifelt daran zog. Gerade hatte er verkündet, sich mit seiner Begleitung gleich ins Kasseler Nachtleben stürzen zu wollen. Zum Glück konnte der Schaden schnell beseitigt werden.

Zuvor im Festsaal hatte Jurychef Professor Glück noch von einer „Liebesbeziehung zwischen unserem Preis und Ihrer Stadt“ geschwärmt. „Elf Jahre alt, da kann man langsam an so was denken.“ Solange Liebe nicht durch den Magen geht. Aber besser werden kann alles.

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