Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Lovestory nach dem Holocaust

30. November 2015 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Erste Lesung in Deutschland: Péter Gárdos stellte seinen Roman „Fieber am Morgen“ in der Karlskirche vor

Der Roman ist in Ungarn bereits ein Bestseller und könnte weltweit einer werden, erscheint in 29 Ländern, zuerst auf Deutsch zur Buchmesse, die anschließende kurze Lesereise liest sich so: Kassel, Hamburg, Berlin, München. Zu verdanken haben wir das Lothar Röse, dem umtriebigen Inhaber der Hofbuchhandlung Vietor, der sofort begeistert war, „weil das Buch so positiv ist“.

Keine leichte Sache bei dem Thema: Gleich nach Krieg und Holocaust kommt der junge Überlebende Miklós, nur noch Haut und Knochen, mit Tuberkulose und ausgeschlagenen Zähnen (für die er einen grässlichen Metallersatz kriegt) mit einem Krankentransport nach Schweden. Morgens hat er immer Fieber. Sein Arzt gibt ihm sechs Monate. Er hat aber nicht vor zu sterben, er will heiraten. Schreibt dreist denselben Brief an 117 ungarische Jüdinnen, die es ebenfalls nach Schweden verschlagen hat, pickt aus den Antworten mit traumwandlerischer Sicherheit sofort die Richtige heraus, Lili, wird wundersamerweise wieder gesund, es gibt diverseste Verwicklungen bis zum unausweichlichen Happy End, der Autor wartet dann noch „still und sehnsüchtig“ zwei Jahre darauf, auf die Welt zu kommen.

Péter Gárdos mit Bernd Hölscher, Schauspieler am Staatstheater, der übersetzte Passagen aus „Fieber am Morgen“ las. Foto: Mario Zgoll

Péter Gárdos mit Bernd Hölscher, Schauspieler am Staatstheater, der übersetzte Passagen aus „Fieber am Morgen“ las. Foto: Mario Zgoll

Tatsächlich, Péter Gárdos erzählt die Geschichte seiner Eltern. Nach dem Tod des Vaters, da war Gárdos 50, tauchten die Briefe auf, die seine Eltern damals in Schweden gewechselt haben. Daraus hat er jetzt seinen ersten Roman gemacht. Vor der Lesung setzen wir uns zusammen, die zauberhafte Gabriella Gönczy zum Übersetzen in der Mitte. Wie fühlt man sich denn als Debütant mit Mitte 60? Gárdos lacht: „Gern würde ich erzählen, wie aufregend und neu alles wäre, aber ich bin ja als Regisseur seit Jahrzehnten immer ins Drehbuchschreiben eingebunden.“ Er hat in Ungarn viele Filme gemacht und Preise bekommen, auch „Fieber am Morgen“ gab es zuerst als Drehbuch, inzwischen ist auch seine eigene Verfilmung fertig. Den Vater hat er immer als schweigsam erlebt, „nach seinem Tod lernte ich einen vollkommen anderen Menschen kennen, einen Draufgänger, der mit Ironie alles in Frage stellte. Meine Mutter sagte: Damals war er tatsächlich so.“ Und wie fühlte sich das an, plötzlich die Liebesgeschichte der eigenen Eltern in ihren Briefen zu lesen? „Sehr merkwürdig. Das sind ja Geheimnisse, die Eltern ihren Kindern nie erzählen würden. Weder Erotik und Sexualität noch die erste Begegnung, darüber spricht man nicht. Aber meine Mutter hat keine Probleme damit, dass ich das las und was draus machte.“ Sie lebt immer noch, jetzt 90.

Mehr Humanität
Zum Schluss noch eine Frage nach der Situation in Ungarn, wo radikale Nationalisten an der Macht sind und die einzige Opposition aus noch radikaleren Nationalisten besteht, fast wie in Serbien vor dem Ersten Weltkrieg. „Ich bin kein Prophet und will nicht spekulieren, aber ich bin sehr pessimistisch. Es hat sich in der Geschichte immer wieder gezeigt, dass es nicht gut ist, wenn es keine richtige Opposition gibt.“ Mit der Flüchtlingspolitik seines Landes ist er überhaupt nicht einverstanden und wünscht sich „mehr Humanität“.

Sypathische und skurrile Figuren
Und der Roman? „Ist gar kein Holocaust-Roman, das könnte ich gar nicht.“ Dem Grauen sind nur wenige, allerdings eindringliche Sätze gewidmet. Ansonsten eine ergreifende Liebesgeschichte, hübsch geschrieben, mit schweijkschen Anekdoten, sympathischen und skurrilen Figuren, lässt sich ratzfatz weglesen und hinterlässt ein gutes Gefühl moralischer Freude. Allerdings vorhersehbar. Kleiner Tipp aus der Werkstatt jedes Erzählers: Wenn nach etwa drei Vierteln, sozusagen am Ende des vorletzten Akts, für die Helden alles ausweglos erscheint, geht es gut aus; scheinen alle Probleme hingegen gerade überwunden, geht es schlecht aus. Ohne Ausnahme. Film, Roman, egal: Immer. Was Gárdos da konstruiert, ist ein bisschen blass. (Eine gewisse Judit Gold gibt den Mephisto: „Die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.“) Oder war das doch bloß die Realität?


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