Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Neugier auf Klassik wecken

7. Mai 2014 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Die Musikenthusiasten Tamara und Walter Lehmann
zählen zu den treibenden Kräften des Konzertvereins Kassel

Das Ehepaar Tamara und Walter Lehmann liebt klassische Musik. Dies zeigt schon der erste Blick, wenn man das Wohnzimmer in ihrem Domizil im Gutshof in Schauenburg-Hoof betritt. Unübersehbar sind dort die CDs, die komplette Enzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“ und die Instrumente: ein Harmonium, ein Piano, ein Flügel und als Kuriosum eine Stroviol mit einem Schalltrichter wie bei einem Grammofon. Tamara Lehmann streicht lachend über die Saite, und das sonderbare Ding gibt quäkend-durchdringende Töne von sich. Walter Lehmann kommentiert sie aus der Küche, wo auf dem Herd eine pikante Hühnersuppe köchelt.

Der Konzertverein Kassel ist eine feste Größe in unserem Kulturleben und veranstaltet wieder ein Musikfest. Foto: Mario Zgoll

Der Konzertverein Kassel ist eine feste Größe in unserem Kulturleben und veranstaltet wieder ein Musikfest. Foto: Mario Zgoll

Tamara und Walter Lehmann sind Allgemeinmediziner, Eltern zweier Kinder und Musikenthusiasten. Beide entstammen Ärztefamilien, doch kennengelernt haben sie sich beim Musizieren während des Medizinstudiums in Marburg. Ihre musikalischen Kenntnisse sind profund. Auf die Frage, warum die Partitur von Mahlers 5. Sinfonie auf dem Flügel liege, antwortet Walter Lehmann, er habe gerade ihren Beginn mit dem Trauermarsch aus Mendelssohns „Liedern ohne Worte“ verglichen.

Musik und Medizin – eine ehrwürdige Verbindung, denkt man etwa an das Wien des späten 19. Jahrhunderts und die Freundschaft zwischen Johannes Brahms und dem in seinem Fach nicht weniger berühmten Chirurgen Theodor Billroth. Den Geburtstag von Brahms feiern die Lehmanns übrigens alljährlich mit einem Gartenfest. Darüber hinaus kommt ihr Enthusiasmus einer breiteren Öffentlichkeit zugute, denn die beiden zählen zu den treibenden Kräften des Konzertvereins Kassel, der als Veranstalter eine feste Größe in unserem Musikleben ist.

Klassik aus neuen Blickwinkeln
2008 ging der Konzertverein aus dem Kasseler Kammermusikverein hervor. Walter Lehmann begründete damals die Umbenennung auch damit, dass Kammermusik ein verzopft klingender, ein uncooler Begriff sei. Heute sagt er über die Ideen des Konzertvereins: „Der gemeinsame Nenner sind Neugier und der Versuch, Klassik aus neuen Blickwinkeln wahrnehmbar zu machen. Wir wollen auch andere Leute als das klassische Konzertpublikum für die Musik interessieren.“

Besonders deutlich wird dieser neue Blickwinkel durch den Video-Wettbewerb „Classic Clip“, den der Konzertverein in Kooperation mit der Kunsthochschule Kassel veranstaltet. Studenten und Schüler werden dabei eingeladen, Videoclips zu klassischer Musik zu kreieren. Ein anderes innovatives Format ist die Reihe „Plasma-Konzerte“. Sie führte schon mal in hippe Clubs, vor und nach den Klassik-Konzerten legten DJs auf.

Aber auch Kassels Musikheld wird nicht vergessen – bei „Spohr und die anderen“ in Verbindung mit der Internationalen Louis Spohr Gesellschaft. Für Walter Lehmann ist Spohr ein Komponist, dessen individuelle Handschrift man schon nach zwei Takten erkennt. Unter dem Dach des Konzertvereins finden auch die 2005 von Tamara Lehmann ins Leben gerufenen Nordhessischen Kindermusiktage statt. Mit dabei ist immer das Vogler Quartett aus Berlin, eines der besten deutschen Streichquartette.

Musikfest vom 11. bis 15. Juni
Last but not least gehört zu den Veranstaltungen des Konzertvereins ein Musikfest mit toller Festival-Atmosphäre. Das nächste Musikfest Kassel gibt es vom 11. bis zum 15. Juni unter dem Motto „Unterwegs“ im Südflügel des Kulturbahnhofs. Classic-Clips aus den vergangenen Jahren werden gezeigt, es gibt eine Klanginstallation mit Live-Quartett zur Komposition „Different Trains“ des amerikanischen Minimalisten Steve Reich, und zu den Konzerten werden prominente Musiker erwartet wie der Pianist Konstantin Scherbakov und das Trio con Brio Copenhagen.

Plötzlich irgendwo in unserem Herzen
Neugier auf Klassik wecken, andere an der Musik teilhaben lassen: Tamara Lehmann zeigt voller Freude auf ein Zitat in dem aufwendig gestalteten Programmheft der jüngsten Nordhessischen Kindermusiktage. Die Schülerin Tanja Miller aus der Klasse 7 des Friedrichsgymnasiums wird zitiert, sie hat Folgendes geschrieben: „Das Vogler Quartett beginnt zu spielen. Und ganz plötzlich irgendwo in unserem Herzen oder dort, wo wir sonst eine Seele vermuten, wird etwas aufgehoben, von dem wir nie wussten, dass es existiert.“ www.konzertverein-kassel.de

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