Noah Vinzens – Haydn statt Hip-Hop
21. Juli 2009 | Von Dr. Georg Pepl | Kategorie: Feuilleton
Es ist eine Form von Wahnsinn: Im Popgeschäft kommt es schon mal vor, dass jemand, der kaum seine Gitarre halten kann und das Singen als Lotteriespiel mit geringer Trefferquote betreibt, nach oben kommt. Klar, auch im Pop gibt es kreative und hart arbeitende Leute. Trotzdem dürfte der Wind an der klassischen Front rauer wehen. Da heißt es Üben, Üben und nochmals Üben, weil die Kriterien für die Bewältigung eines Musikstücks klar definiert sind. Und obwohl viele Jugendliche Klassik als langweilig ablehnen oder sie einfach nicht kennen, ist eine exzellente junge Musikergeneration herangewachsen. Die Konkurrenz ist riesig.
Gut aufgestellt in der klassischen Klavierwelt ist Noah Vinzens, der 1990 in München geboren wurde und seit seinem fünften Lebensjahr in Kassel lebt. Seine Biografie listet bereits beachtliche Erfolge auf. 2006 bekam er den 1. Preis und den Publikumspreis beim Internationalen Steinway-Wettbewerb Hamburg. 2008 wurde er als bisher jüngster Musiker mit dem Kasseler Kunstpreis ausgezeichnet. Außerdem erspielte er sich im Vorjahr den Hans-Sikorski-Gedächtnispreis der Deutschen Stiftung Musikleben sowie den 1. Bundespreis bei Jugend musiziert mit Höchstpunktzahl.
Ein feinsinniger Realist
Auf der CD „Piano Furioso 2008 – Junge Meister am Klavier“ der Deutschen Stiftung Musikleben bietet Vinzens in einer Sonate Joseph Haydns und einem Prélude des zeitgenössischen Komponisten Manfred Trojahn viel mehr als furioses Auftrumpfen – nämlich einen reifen Sinn für Schattierungen und Farbenspiele. Ein feinsinniger Musiker. Im Gespräch zeigt er sich als Realist. „Die wenigsten können heute von Klavier solo leben“, sagt er und betont, wie wichtig es deshalb sei, eine breite Basis zu entwickeln. Kammermusik, Dirigieren, Jazz – in diese Bereiche will er vorstoßen.
Überhaupt macht sich der 18-Jährige, der Dinu Lipatti, András Schiff, aber auch den Bürgerschreck Friedrich Gulda schätzt, kluge und kritische Gedanken. Etwa über den Konkurrenzdruck, der die gemeinsame Freude an der Musik verdrängt, über Wettbewerbe oder über Professoren, die ihre Schüler nicht gut beraten, wenn sie ihnen den Tipp geben: zuerst studieren, dann Konzerte geben. Vinzens: „Wenn man am Ende des Studiums noch nicht drinnen ist, ist es zu spät. Man muss so viel wie möglich schon jetzt aufbauen, Kontakte knüpfen und konzertieren.“
Glücklich ist er mit seinem eigenen Lehrer, dem an der Musikhochschule Hannover lehrenden Klavierprofessor Roland Krüger, ein gebürtiger Kasseler übrigens. „Roland ist ganz offen und frei“, lobt er den Pädagogen. Einmal in der Woche hat der Jungstudent Vinzens Unterricht in Hannover. Täglich absolviert er ein mehrstündiges Übungspensum. Und im nächsten Jahr steht das Abitur an der Kasseler Waldorfschule an. Auch seine Geschwister sind hochbegabte Nachwuchsmusiker: Bruder Emil (13) spielt Gitarre, Bruder Caspar (15) Viola und Schwester Hannah (21) studiert Violoncello in Basel. Was er von der aktuellen Popmusik hält? Mit einer Mischung aus Faszination und Befremden spricht er über Hip-Hop. „Da merkt man, wie vielseitig Klassik ist.“