Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Nosferatu kam aus Kassel

30. November 2010 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Ausgerechnet in einem der Wochenend-Krimis im deutschen Fernsehen, der „Soku Wissmar“, drehte sich alles um einen Mann aus Kassel: Ging es doch um einen Mord, der begangen wurde, um an ein Manuskript des berühmten Stummfilm-Regisseurs Friedrich Wilhelm Murnau zu gelangen. Kassel selbst ist mit diesem „filmischen Genie“ wie immer wieder betont wurde, eher stiefmütterlich umgegangen – wie mit vielen seiner großen Talente. Murnau ist zwar nicht in Kassel geboren, hat aber seine prägenden Jugendjahre in der Stadt an der Fulda verbracht. Geboren wurde er unter dem für einen Künstler nicht sehr passenden Namen Friedrich Wilhelm Plumpe im nicht weit entfernten Bielefeld. Nach einem Ferienaufenthalt in Murnau am Staffelsee änderte er seinen Namen und nannte sich Friedrich Wilhelm Murnau. Mit diesem Namen ist er in die Geschichte des Films eingegangen und kaum ein zweiter Stummfilmregisseur hat so viel neue Entwicklungen auf den Weg gebracht, seine Schauspieler zu solchen Höchstleis-tungen angetrieben, wie Murnau.

Murnau (2.v.l.), als er noch Friedrich Wilhelm Plumpe hieß, mit seinen Geschwistern Robert, Bernhard, Heinrich und Anna. Foto: Dr. A. Groscurth

Murnau (2.v.l.), als er noch Friedrich Wilhelm Plumpe hieß, mit seinen Geschwistern Robert, Bernhard, Heinrich und Anna. Foto: Dr. A. Groscurth

Geheimnisvolle Hafenstadt
Sein international größter Erfolg war der Film Nosferatu, deshalb ist es auch verständlich, dass ausgerechnet im Fernsehkrimi die Soku Wissmar in Erscheinung tritt. Als auch Murnau die alte Hansestadt Wissmar als Kulisse für Nosferatu benutzt und Wissmar damit einen Platz in der Filmgeschichte sichert. Wissmar ist die geheimnisvolle Hafenstadt in der Nosferatu mit seinem Segelschiff landet und dort gehen die Ratten an Land, die so viel Unheil über die Menschheit gebracht haben.

Schon früh wurde Hollywood auf das Talent von Murnau aufmerksam. Für die Filmmetropole drehte er den Film „Der letzte Mann“ mit Emil Jannings in der Hauptrolle. Ende der 20er Jahre zog sich Murnau zurück in die Südsee und drehte dort eine der bis heute schönsten Naturfilme: „Tabu“. Nach Vollendung dieses Films ging Murnau nach Hollywood zurück und dort fand er bereits 1933 einen frühen Tod. Bei einem gemeinsamen Ausflug mit einem phillipinischen Freund verlor der die Kontrolle über das Auto und Murnau starb ebenso wie sein Begleiter.

Greta Garbo und die Totenmaske
Einen Fan ließ er in Europa zurück: Greta Garbo. Der absolute Superstar des Weltfilms in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatte sich in den extrem gutaussehenden Murnau verliebt und erwarb nach dessen Tod seine Totenmaske. Bis zu ihrem Tod behielt sie die Totenmaske als kostbare Reliquie in ihrer Pariser Wohnung.

Petersen und Grönemeyer
1982 erinnerte die Kasseler Stadtsparkasse auf Initiative ihres damaligen Chefs Hans Karl Nelle mit einer großen Veranstaltung dem „filmischen Genie der 20er Jahre“ ihre Reverenz. An diesem Abend, der von Alfred Biolek moderiert wurde, würdigten Regisseure wie Wolfgang Petersen und Schauspieler wie der damals noch weitgehend unbekannte Herbert Grönemeyer den genialen Musiker. Und die deutsche Filmwirtschaft ehrte den Mann, der seine Jugend in Kassel verbracht hatte, mit der Gründung der „Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung“, in der alle filmischen Schätze deutscher Kultur versammelt sind. Vor zwei Jahren griff das Deutsche Filmmuseum in Berlin die Initiative noch einmal auf und veranstaltete eine vielbeachtete Murnau-Ausstellung in Berlin und anderen Städten Deutschlands. Nur Kassel tut sich vergleichsweise schwer mit der Ehrung dieses Genies, der im Ausland oft stärker respektiert wird als in der eigenen Heimat, wie der Autor, bei einer vom Goethe-Institut veranstalteten Vortragsreihe in Madrid und Barcelona über Friedrich Wilhelm Murnaus Jugend in Kassel selbst erleben konnte.

Anmerkung der Redaktion:
Klaus Becker war es immer wichtig, das Gedenken an Kassels prominente Kinder und Gäste in authentischen Geschichten für die Nachwelt lebendig zu halten. Er hat unser Magazin Jérôme mit seinen außer-gewöhnlichen Beiträgen in besonderer Form bereichert. So erinnerte Klaus Becker an Rudolf Leiding, Heinz Rühmann, Boris Pasternak, Barbara Rudnik und viele weitere Persönlichkeiten. Als Bernecker-Verlagsleiter Ralf Spohr und ich uns Mitte Oktober zum Krankenbesuch ankündigten, bat er uns, einen Laptop mitzubringen. Am Krankenbett diktierte er in seiner unnachahmlichen Art den hier abgedruckten und noch einen weiteren Beitrag, der im März 2011 erscheinen wird. Björn Schönewald

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