Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben


Osina Klaviertrio: Ausdrucksvoll ohne Übertreibungen

3. April 2012 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Mozart, Friedrich Gulda und Jimi Hendrix hatten es. Wenn man einer Statistik Glauben schenken kann, sollen unter Berufsmusikern zehn Prozent über diese Fähigkeit verfügen. Die Rede ist vom absoluten Gehör. Wer absolut hört, kann ohne Hilfsmittel die Tonhöhe bestimmen. Man drücke eine Klaviertaste, und der Absoluthörer wird antworten: „Das war ein Cis.“

Proben viel, um eine gemeinsame Meinung zu finden. Von links: Vera Osina, Gang Wang, Nina Osina. Foto: Mario Zgoll

Nina Osina und Vera Osina hören absolut, was im Musikerberuf einen Vorteil bringt, aber bei unsauber intonierenden Mitspielern oder dem Anhören schlechter Konzerte auch ein Fluch sein kann. Nina Osina spielt Violine, Vera Osina ist Pianistin. Zusammen mit dem aus Peking stammenden Cellisten Gang Wang bilden die Russinnen das Osina Klaviertrio, das als Familienunternehmen bezeichnet werden kann: Nina Osina (26) und Vera Osina (24) sind Schwestern, Nina Osina und Gang Wang (33) sind ein Ehepaar.

Alle drei Mitglieder des in Kassel beheimateten Ensembles haben Preise bei internationalen Wettbewerben gewonnen. Gang Wang, der als erster des Trios nach Deutschland kam, spielte schon im zarten Alter von zehn, elf Jahren virtuose Cellokonzerte von Saint-Saëns und Haydn. Später studierte er auf elterlichen Wunsch Wirtschaft, da künstlerische Berufe in seiner Heimat als unsicheres Brot gelten. Doch danach erfüllte er sich seinen Traum – ein Cellostudium in Zentraleuropa. Deutschland, sagt er, gilt in China als das Land der Musik. Heute freut er sich über das wertvolle Cello, das der Kasseler Geigenbaumeister Roland Erichson für ihn gebaut hat, es ist die Kopie eines Instruments von Jean-Baptiste Vuillaume aus dem Jahr 1857.

Auch Liebe zur deutschen Literatur
Nina Osina absolvierte mit Auszeichnung ihr Studium am Staatskonservatorium in St. Petersburg und kam 2008 nach Kassel, um sich an der Musikakademie bei dem Violindozenten Jewgeni Schuk weiterzubilden. Schuk, so erzählt sie, sei ein Vertreter der Moskauer Violinschule, die sich vom strengen St. Petersburger Stil durch eine größere Freiheit unterscheide. Sie habe viel von ihrem Kasseler Lehrer gelernt. Außerdem gab es einen weiteren Grund für das Leben in Deutschland: Sie wollte die Sprache lernen, um die deutsche Literatur im Original lesen zu können.

An der Musikakademie Kassel lernten sich die Geigerin und der Cellist kennen. Sie heirateten im Mai 2010 – das russisch-chinesische Ehepaar spricht übrigens Deutsch miteinander. 2010 kam auch Vera Osina nach Kassel. „Ich habe immer mit meiner Schwester zusammengespielt“, sagt die Pianistin, die ihr Klavierstudium im heimatlichen Kazan mit Auszeichnung abgeschlossen hat und derzeit an der Musikakademie studiert.

Quer durch die Epochen
Bei Konzerten in der Region fiel das Osina Klaviertrio schon mehrfach sehr positiv auf, unlängst etwa im Glasmuseum Immenhausen. Wie es für das Trio kennzeichnend ist, gab es ein Programm quer durch die Epochen – samt einem Engagement für die zeitgenössische Musik, was man besonders schätzen muss, da manche Musiker die so wichtige Moderne links liegen lassen.

Die Zeitreise begann beim klassischen Beethoven, führte mit einem Werk von Friedrich Cerha in die Gegenwart und fand mit Brahms einen romantischen Abschluss. Professionell wurde in einem formbewussten Stil musiziert. Das Ensemble gliederte den Verlauf der Stücke klar, doch ohne sich in den Details zu verlieren. Es spielte ausdrucksvoll ohne Übertreibungen.

Dabei sind die musikalischen Vorstellungen der drei durchaus verschieden, wie man im Gespräch erfährt. „Wir proben sehr viel, um eine gemeinsame Meinung zu finden“, heißt es ganz familiär. „Und wir lernen viel voneinander.“

Neben ihren Konzerten sind alle drei als Musiklehrer tätig. Vera Osina ist auch Klavierbegleiterin und erfolgreiche Korrepetitorin, etwa beim Wettbewerb „Jugend musiziert“. Gang Wang und Nina Osina unterrichten Cello und Violine. Die Geigerin, der man das Talent zum Geistigen und Gedankenvollen nachsagen kann, zitiert den französischen Dichter Victor Hugo: „Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist.“  www.osina-klaviertrio.de


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