Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben


Pokalspiel: Dem Schmelztiegel entronnen

2. Juli 2010 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Nur keine Sentimentalitäten: Kaum war seine erste Gattin Luise Dorothea im zarten Alter von nur 25 Jahren verstorben, ließ Landgraf Friedrich I. 1733 das von ihr in die Ehe eingebrachte silberne Tafelservice kurzerhand wieder einschmelzen. Erlesene Goldschmiedekunst in Form von Dutzenden vergoldeter Schüsseln und Teller nebst einem großen Waschbecken, jeweils mit dem Hessischen und dem Brandenburgischen Wappen verziert, wurde so wieder auf seinen reinen Materialwert reduziert – gängige Praxis insbesondere im 18. Jahrhundert, in dem gerne und oft auf das in Edelmetall angelegte Kapital zurückgegriffen wurde.

Nicht zuletzt deshalb ist etwa von den einst in reicher Zahl vorhandenen, im Auftrag der jeweiligen Landgrafen von Kasseler Goldschmieden angefertigten Arbeiten kaum etwas übrig geblieben. Mehr Glück war hingegen einer gewissen Zahl von zumeist im 16.,17. und 18. Jahrhundert gefertigten Schmuckstücken aus Augsburger und Nürnberger Werkstätten beschieden: Verglichen mit den noch überlieferten Bestandslisten zwar ebenfalls gewaltig reduziert, konnten viele dieser Kunstwerke dem Schmelztiegel entrinnen – bevorzugt dann, wenn sie ohnehin ein eher bescheideneres Gewicht hatten.

Die 70 schönsten Stücke aus der unter Landgraf Wilhelm IV. (1532-1592) begonnenen und auch durch Kriegseinwirkungen immer wieder empfindlich in Mitleidenschaft gezogenen „Silberkammer“, eingegrenzt auf den Zeitraum 1450 bis 1700, stehen jetzt im Mittelpunkt der Sonderausstellung „Pokalspiel“, die noch bis zum 5. September im Museum Schloss Wilhelmshöhe gezeigt wird; darunter befinden sich Nautiluspokale, eine „Knorr-Buttlarsche Greifenklaue“ sowie ein „Dreifacher Ananaspokal mit kniendem Indianer als Träger“.

Kernelemente der Schau sind ein rekonstruiertes fürstliches Silberdepot sowie die Entwicklungsstadien eines jener Festbankette, bei denen die Schmuckstücke dann gelegentlich auch tatsächlich zum praktischen Einsatz kamen. Zur vertieften Annäherung an die Ausstellungs-Pretiosen sei der prächtige Bestandskatalog „Die Silberkammer der Landgrafen von Hessen-Kassel“ (423 Seiten, 28 Euro) empfohlen.


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