Porträt Franziska Becker

24. April 2009 | Von | Kategorie: Feuilleton 

franziska_becker„Niemand entgeht Beckers Röntgenblick, weder Sie noch ich, weder Männer noch Frauen, weder Kinder noch Alte; kein Thema geht sie nichts an, weder der Krieg zuhause noch der im Kosovo, weder der Fußballplatz noch die Modeboutique, weder Karneval, PopKomm noch Art Cologne.“, Alice Schwarzer

Die Cartoonistin, Karikaturistin und Malerin Franziska Becker wurde 1949 in Mannheim geboren. Nach einem abgebrochenen Ägyptologiestudium und einer Ausbildung zur MTA studierte sie an der Karlsruher Kunst-akademie. Seit 1977 ist sie die prägende Cartoonistin in Deutschland. Ihre Zeichnungen erschienen und erscheinen unter anderem im stern, im Titanic-Magazin und im Kölner Stadtanzeiger. 1988 erhielt sie den „Max und Moritz Preis als bester deutscher Comic-Künstler“.
Beckers Ansehen beruht vor allem auf ihrer Vielfältigkeit sowie der Aktualität ihrer Themen. Beckers Palette reicht vom Cartoon über die satirische Bildgeschichte, den Comic und die pointierte Illustration bis zum malerischen Großbild. Ihre zumeist farbenfrohen Werke sind liebevoll und detailreich ausgestattet. Die Pointen sind vielschichtig, aber zielsicher.

Ihre Liebe zum Zeichnen entdeckte Franziska Becker bereits in jungen Jahren. Selbst ihre Kinderzimmerschränke mussten als Zeichenunterlage herhalten. Becker hatte das Glück, von ihren Eltern gefördert zu werden – „durch ausgiebiges Bewundern und Materialnachschub“, wie sie selbst sagt. Außerdem hatte sie Vorbilder in der eigenen Familie: Ihr Urgroßvater war Maler, ihre Tante Illustratorin.
Auch dass die Nonne, bei der Becker Religionsunterricht hatte, ihre mitgebrachten Kunstbücher aufgrund der enthaltenen „unzüchtigen“ Aktbilder konfiszierte, tat ihrer Zeichenliebe keinen Abbruch. Diese Episode zeigt, dass Becker sich niemals von vorgegebenen Werten und Normen beeinflussen ließ. Kunst wählte sie in der Schule ab, da sie sich von den dortigen Richtlinien eingeschränkt fühlte. Auch an der Kunstakademie in Karlsruhe war sie aus ähnlichen Gründen mit ihrem Studium unzufrieden. Becker wusste was sie wollte – und eben auch was sie nicht wollte.

1977 traf Becker durch ihr Engagement bei der Heidelberger Frauenbewegung mit Alice Schwarzer zusammen, mit der sie noch heute eine enge Freundschaft verbindet. An der von Schwarzer neu gegründeten Zeitschrift EMMA wirkte Becker von der ersten Ausgabe an mit und wurde schließlich zu deren Hauscartoonistin. Bereits nach der zweiten Ausgabe brach sie ihr Kunststudium ab, um das Zeichnen endgültig zu ihrem Beruf zu machen.
Franziska Becker ist Perfektionistin. Ihren Zeichnungen gehen Beobachtung, Lektüre und Reflexion voraus. Die liebevollen Details ihrer Werke sind sorgfältig recherchiert, zum Beispiel historische Kleidung, Geschirr und so weiter. Um zu einem zufriedenstellenden Ergebnis zu gelangen, zeichnet sie oftmals stundenlang. Zu ihren Vorbildern zählt sie Wilhelm Busch, Carl Barks und Olaf Gulbransson, aber auch die großen englischen Karikaturisten des 18. Jahrhunderts, darunter William Hogarth, Thomas Rowlandsen und James Gillray.

Beckers Werk ist vor allem geprägt durch die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen.
Dabei versteht sie es jedoch, „in die emanzipative Bösartigkeit auch milden Humor zu mischen“ (Die Zeit) – und vor allem eine gehörige Portion Selbstironie. Becker selbst sagt über ihre Einstellung: „Selbstironie ist mir schon immer ein wirkliches Bedürfnis gewesen. Ich glaube, dass Frauen das goutieren, auch wenn sie sich in ihren Schwächen erwischt fühlen […]. Durch das Lachen wird die Kritik subversiver, wirkt entlarvender, kommt aber weniger verletzend an.“ Andreas Platthaus, Redakteur der FAZ, beschreibt Beckers Haltung wie folgt: „Natürlich gilt [Franziska Beckers] Hauptaugenmerk dem Feminismus. Allerdings führt sie ihn nicht als verbissenen Kampf vor, denn Emanzipation heißt für Becker, sich nicht nur über Männer zu beklagen, sondern vor allem über die willigen Rollenentsprechungen durch andere Frauen.“

Trotz Beckers Schwerpunktsetzung kann sie nicht in eine rein feministische Schublade gesteckt werden. Ihr Werk geht weit darüber hinaus: Mit ihren Zeichnungen hat Becker eine Chronik der Bundesrepublik Deutschland geschaffen, die von Frauenbuchläden, WGs, Hausbesetzungen und den § 218 über Stadtflucht, Alternativtourismus,  Sannyasins, AIDS und den Hitlertagebüchern bis hin zu Viagra, Kopftuch und Hartz IV eine Zeitreise in unsere jüngste Vergangenheit darstellt.

Von Franziska Becker erschienen unter anderem: „Mein feministischer Alltag 1-4), „Männer“, „Weiber“, „Feminax und Walkürax“ (alle EMMA Verlag), „Männer und andere Katastrophen“ (Egmont) und zuletzt „Das ADAM-Prinzip“ (Carlsen).

Franziska Becker –
Jubiläumsausstellung

Eröffnung
Freitag, 15. Mai 2009, 19:30 Uhr – Franziska Becker ist anwesend

Ausstellungsdauer
16. Mai bis 12. Juli 2009

Öffnungszeiten
Do, Fr 14 bis 20 Uhr und Sa, So, Feiertags 12 bis 20 Uhr

Ort
Caricatura – Galerie für Komische Kunst im KulturBahnhof, Bahnhofsplatz 1, 34117 Kassel

Eintritt 3,- Euro

www.caricatura.de

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