Puppenmord: Tod und Sterben in der Rockmusik

24. August 2010 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Seine Mörder entkamen unerkannt. Bereits in Leichenstarre übergegangen, fand man Johnny Thunders – in den frühen 70er Jahren Gitarrist der amerikanischen Glam Rock-Band „New York Dolls“, später Gründer der „Heartbreakers“, Wegbereiter des Punk und Ikone einer ganzen Bewegung – am 23. April 1991 in Raum Nr. 37 von St. Peter’s Guest House in New Orleans, Amerikas mit Abstand gewalttätigster Stadt, wo er Tür an Tür mit seinem ebenfalls prominenten Rockkollegen Willy „Mink“ DeVille gewohnt hatte. Der gesamte bewegliche Besitz des zuvor schwer heroinabhängigen Musikers war verschwunden, darunter auch sein großer Methadon-Vorrat – für dessen Raub Thunders (39) offenbar sterben musste, wie Dee Dee Ramone, Freund und Musikerkollege von der Punkband „Ramones“, später in seiner Autobiographie „Lobotomy: Surviving the Ramones“ berichtete. Nur kurz nach Thunders starb Ex-„New York Dolls“-Schlagzeuger Jerry Nolan (45) und 2004 folgte der einstige Bassist der Band, Arthur „Killer“ Kane (55). Der erste „Dolls“-Schlagzeuger Billy Murcia, dem David Bowie auf seinem Album „Aladdin Sane“ das Stück „Time“ widmete, hatte bereits 1972 das Zeitliche gesegnet, mit 21 Jahren verstorben an einer Überdosis Heroin – ein Schicksal, das 2002 auch Dee Dee Ramone (50) ereilen sollte.

Todes-Olymp „Club 27“
Als Willy DeVille, in den 70er und 80er Jahren ebenfalls auf Heroin, 2009 im Alter von 58 Jahren einem Krebsleiden erlag, hatte er damit ein schon fast biblisches Alter erreicht, gemessen an den Rahmenbedingungen seines Metiers. Denn für viele von dessen Protagonisten, die ihren rastlosen Kreativitäts- und Erfolgsdruck, Bühnenstress sowie deren psychische Begleit- und Folgeerscheinungen fast zwangsläufig mit Rauschmitteln von Alkohol bis Heroin wie auch exzessivem Medikamentenkonsum zu kompensieren versuchen, ist die Gefahr für Leib und Leben allgegenwärtig, das Ende schon früh in greifbarer Nähe. Zu trauriger Berühmtheit gelangte in diesem Zusammenhang vor allem der „Club 27“: Jener sich wohl zumeist unfreiwillig erweiternde Zusammenschluss von Rock-Heroen, die allein durch ihr gemeinsames Todesalter 27 vereint sind, von „Rolling Stones“-Gründer Brian Jones, Gitarrengott Jimi Hendrix, Blues-Röhre Janis Joplin, „Doors“-Sänger Jim Morrison bis hin zu „Nirvana“-Sänger Kurt Cobain. Mit dem Andenken an sie beginnt daher auch die aktuelle Sonderausstellung im Kasseler Museum für Sepulkralkultur „The Sun Ain’t Gonna Shine Anymore – Tod und Sterben in der Rockmusik“. Nach dem rock’n’popmuseum Gronau ist es die zweite Station der von der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen konzipierten Schau, die im Rahmen eines Seminars an der Westfälischen Wilhelms Universität in Münster vorbereitet wurde.

Melancholie und Schlachthaus
200 Platten- und CD-Cover, viele Song-Beispiele, die komplett per tragbarem Kopfhörer abgerufen werden können, zahlreiche übersetzte Songtexte, dazu Videoclips und dreidimensionale Exponate: Die Ausstellungsmacher belegen mit ihrer durchaus subjektiven, vieles unberücksichtigt lassenden Auswahl aus den vergangenen 45 Jahren Rockgeschichte, dass auch die über das eigene Ableben hinausgehende Auseinandersetzung mit dem Tod zu den Kernthemen des Genres gehört. Dabei wird die gesamte Bandbreite der Verarbeitungsformen behandelt, von der romantischen Verklärung über den moralisch-provokativen Ansatz bis hin zur Schlachthaus-Ästhetik. Äußerst instruktiv sind jedoch vor allem die Songtext-Übersetzungen von Titeln der „Classic Rock“-Epoche, der 60er und 70er, von den Beatles bis zu Pink Floyd, bei denen sich so manches Aha-Erlebnis einstellt, etwa bei „American Pie“ von Don McLean – vielfach gecovert, u.a. von Madonna –, dessen rockgeschichtliche Bezüge sich als unerwartet facettenreich erweisen. Überdies sehr empfehlenswert und die noch bis zum 12. September gezeigte Ausstellung komplettierend ist der gleichnamige Katalog, herausgegeben von Roland Seim und Josef Spiegel, erschienen im Telos Verlag, Münster, im Buchhandel erhältlich für 16,80 Euro.

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