Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Reisender Riese

9. Juli 2015 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Beispielhaft: Der Herkules als Monumentalgemälde
Man kennt ihn eher aus der Ferne, und selbst intensive Kassel-Besucher betrachten dessen Wahrzeichen, den Herkules, oft nur aus respektvoller Distanz. Diesem Umstand zumindest temporär Abhilfe zu schaffen, nahm sich vor sieben Jahren der Lohfeldener Grafiker und Maler Wolfgang Loewe vor. Nichts Geringeres als ein Gemälde der 8,25 Meter hohen Statue in Originalgröße sollte es sein – für den ursprünglich als Werbetechniker ausgebildeten Loewe dennoch keine wirkliche Herausforderung: »Das kommt ja ganz traditionell aus der Kinomalerei. Dort, wo ich gelernt habe, in Berlin, spielten auch solche Formate keine Rolle, wenn zum Beispiel für das Café Kranzler-Eck am Kurfürstendamm etwas gemalt wurde. Da zog man ein entsprechendes Raster auf, und dann ging es los. Morgens angefangen, war das abends beendet.« Ganz so schnell entstand sein aus neun, jeweils 3 Meter mal 1,25 Meter großen Nessel-Leinwänden zusammengesetzter Herkules dann allerdings doch nicht, denn in diesem Falle genoss der Maler den Vorteil, sein eigener Auftraggeber zu sein. Inspiriert zu diesem mächtigen Werk hatte ihn zum einen der Umstand, ein 300 Quadratmeter großes, zu ungewöhnlichen Formaten geradezu herausforderndes Atelier zu besitzen, zum anderen die Beilage einer lokalen Tageszeitung, mit Kinderzeichnungen zum Herkules. Wolfgang Loewe: »Der Herkules stand damals ganz im Zentrum des öffentlichen Interesses, und angesichts dieser – durchaus sehr schönen – Zeichnungen dachte ich mir daher, dass dieser eigentlich noch etwas anderes verdient hätte: So dargestellt zu werden, wie es ihm gebührt.«

Dornröschenschlaf in der Garage

Beim 55. Hessentag in Hofgeismar liefen die 133 Teilnehmergruppen direkt auf das dort präsentierte Monumentalkunstwerk zu. Foto: nh

Beim 55. Hessentag in Hofgeismar liefen die 133 Teilnehmergruppen direkt auf das dort präsentierte Monumentalkunstwerk zu. Foto: nh

Darüber hinaus verkörpert der Herkules für Wolfgang Loewe, den es 1977 der Liebe wegen nach Kassel verschlug, auch ein »ganz persönliches Stück gewachsenes Heimatgefühl«. Im Laufe des rund zwei Monate währenden Entstehungsprozesses überarbeitete der Maler sein Monumentalgemälde gleich mehrfach: »Zunächst war da nur die Kreidezeichnung, auf die ich Lasuren aufgetragen habe. So entstand eine Plastizität, die schon fast an Kohlezeichnungen Michelangelos erinnerte. Der jetzt schwarze, mit einer Andeutung des Laserstrahls versehene Hintergrund bestand zunächst eher aus den Grüntönen des Habichtswalds. Dann habe ich, der klassischen Malerei folgend, immer mehr Farben aufgelegt.« Das fertige Kunstwerk wurde schließlich – mit Unterstützung durch den damaligen Kassel Marketing-Geschäftsführer Knut Seidel – in einer einmaligen Aktion komplett im Zentrum des City Point Kassel präsentiert. »Der damit verbundene Achtungserfolg hat mir zunächst auch gereicht«, erzählt Wolfgang Loewe, »danach kam das Bild dann erstmal wieder in die Garage.« Erst der Initiative des ehemaligen Komödie-Leiters Markus Exner ist es zu verdanken, dass das Monumentalgemälde nun bereits wieder mehrfach öffentlich zu sehen war – als Kernstück des ambitionierten, nichtkommerziellen Projektes Der Herkules besucht die Welt, ideell wie materiell unterstützt durch den Baunataler Unternehmer Stefan Koch. Die Mitarbeiter von dessen Albert Koch Maschinenbau GmbH sorgen zudem, samt Hebebühne, für die sichere Aufstellung des Bildes.

Mit dem Herkules hoch hinaus: Projektleiter Markus Exner (links) und Künstler Wolfgang Loewe. Foto: Mario Zgoll

Mit dem Herkules hoch hinaus: Projektleiter Markus Exner (links) und Künstler Wolfgang Loewe. Foto: Mario Zgoll

Hier geschieht Großartiges
Um die Symbolkraft des Kasseler Wahrzeichens gehe es bei dem Projekt, unterstreicht Exner: Den vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit – von der Energiewende bis hin zur Entbürokratisierung – den Herkules als erfolgreichen und beispielgebenden Bezwinger seiner zwölf Herkulesaufgaben zu präsentieren. Mit der öffentlichen Zurschaustellung des unübersehbaren Gemäldes – das nicht zuletzt als Botschafter für Kassel und die Region Nordhessen wirkt – könne man »den Fokus auf das Engagement von Institutionen, von Initiativen, Firmen und Bewegungen lenken: Sehr her, hier geschieht Großartiges!« Seit September 2014 wurde das zusammengesetzt knapp 31 Quadratmeter große Bild (Exner: »Eigentlich schon fast ein Spinnacker-Segel«) inzwischen zur Museumsnacht im Technik-Museum Kassel gezeigt, bei der 2. Innovationsschau des Kompetenznetzwerks Die Maschinenbau Partner in der Stadthalle Baunatal sowie auf dem Hof der Offenen Schule Waldau, gefolgt von Auftritten beim Hessentag in Hofgeismar und – auf spezielle Einladung hin – beim Quedlinburger Kunstfest Vom Zauber der Bäume im dortigen Stadtpark, dem historischen Brühl. Ziel des derzeitigen Aktivisten-Trios, das gerade an der Gründung eines zugehörigen Vereins arbeitet, ist ebenso die Präsentation des Herkules-Bildes beim Athener Ableger bzw. Vorläufer der documenta 14 im Frühjahr 2017, eine Idee, so Markus Exner, »an der auch Oberbürgermeister Bertram Hilgen bereits Interesse signalisiert hat.«

Weitere Informationen unter www.der-herkules.de

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