Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Sigis Bär für Robert

17. Oktober 2014 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Kasseler Künstler Sigi Böttcher schuf das Modell für den berühmten Kragenbären, der in Göttingen als Skulptur stehen soll

In Kassel ist er bereits, in Göttingen soll er kommen. Pardon: Nach Göttingen soll er kommen, muss es selbstverständlich heißen. Die Rede ist vom Kragenbär. Einem gezeichneten. Aus der Feder des vor acht Jahren verstorbenen Karikaturisten Robert Gernhardt stammt der unscheinbare Bär, und ihn bringt in die bundesdeutschen Schlagzeilen, dass er etwas tut, was man nicht sieht. Er onaniert. Sagt Gernhardt. Der Kasseler Künstler und Bildhauer Sigi Böttcher möchte ihn als Denkmal in Göttingen sehen, doch Göttingen zierte sich. Bis Mitte September. Nun will Göttingen ihn doch. Wenn das nötige Geld kommt.

Erst einmal: nur ein Bär

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Wer auf dem Vorplatz des Kasseler Kulturbahnhofs steht, der sieht an dessen Außenwänden ein Transparent. Mehrere gezeichnete Protagonisten der Caricatura sind dort zu sehen, aus einer Ecke lugt, fast verschämt, auch besagter Kragenbär. Einen Grund zum verschämt schauen gibt es für den Pelzträger eigentlich nicht, denn wer Gernhardts Gedicht zum Thema nicht kennt, der sieht eben nur, was er sieht. Einen Bären. Nicht mehr und nicht weniger. Es sind erst Gernhardts Reime, die Brisanz in die Sache brachten.

„Der Kragenbär / der holt sich / munter / einen nach / dem andern / runter.“ So textete der Karikaturist, der erst spät als ernstzunehmender Literat von der Öffentlichkeit wahrgenommen und schließlich verdientermaßen mit Preisen ausgezeichnet wurde. Textete und stellte sechs Bildchen dazu, in denen man nur eines sah: Bär von hinten. Freier Blick auf die Onanie: Fehlanzeige. Und eben jener Bär sollte den Robert-Gernhardt-Platz in Göttingen zieren.

Bärige Politikermeinungen

Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Dann aber kamen die Politiker. Kulturdezernentin Dagmar Schlapeit-Beck war ebenso wie CDU-Ratsherr Wilhelm Gerhardy der Meinung, der Bär habe keine Botschaft als eben den sexuellen Tabubruch und gehöre aus diesen Grund nicht verewigt. Zudem fand die CDU den onanierenden Bären zu anstößig, die Grünen sahen zu viele Assoziationen, die geweckt würden. Die Folge: Monatelange Debatten in Göttingen, die eine wahre Medienlawine lostraten. Dann war Sommerpause in der Provinzposse. Und endlich meldet sich nun der Kulturausschuss. Sein Votum: Ja, wir wollen den Kragenbären. Jetzt muss nur noch der Rat entscheiden, hieß es. Aber: „Zunächst gibt es keine Notwendigkeit für einen Ratsbeschluss“, so Göttingens Pressesprecher Detlef Johannson. „Nach den Beratungen im Ausschuss für Kultur und Wissenschaft ist die Grundsatzentscheidung getroffen. Der Rat muss – sobald das notwendige Spendenaufkommen erreicht ist – noch förmlich über die Annahme der Spende(n) beschließen. Wann das sein wird, kann ich noch nicht sagen.“  Zum Stand der Spendeninitiative habe er keine Informationen. Bleibt die Finanzierung. Fahrenberg werde Spenden sammeln, heißt es mutmachend aus dem Göttinger Büro Fahrenberg. Und auch Hilmar Beck, Leiter des städtischen Fachbereichs Kultur, spricht davon, dass es bereits Spender gebe.

Der Bär wurde in Kassel modelliert

Die Idee, den umstrittenen Bären in Göttingen zu installieren, entstammte dem Göttinger Ausstellungsbüro Fahrenberg. Und nun kam Nordhessen ins Spiel. Der Kasseler Künstler und Bildhauer Siegfried „Sigi“ Böttcher nahm Fahrenbergs Idee auf und modellierte den ersten Bären. „Aus Ton habe ich den gemacht“ erzählt Böttcher, „ganz ohne Auftrag, nur so aus Spaß.“ Weil ihm sein eigenes Exponat so gut gefiel, schickte er in der Weihnachtszeit vor zwei Jahren bärige Fotos an das Ausstellungsbüro.  „Der Bär muss denen gut gefallen haben“, freut sich der 48-jährige Böttcher, der seit 1989 in Kassel lebt und arbeitet und auch Haus- und Hofkünstler der Kasseler Caricatura ist, bei der Gernhardt oft und gern zu Gast war. Ein Gespür für den drohenden Ärger hatte Böttcher. Ihm sei klar gewesen, dass die linke Pfote des Bären, der auf Gernhardts Zeichnung immer nur von hinten gezeigt wird, nicht zu sehen sein durfte, „da es dann mit Sicherheit Ärger geben würde.“

Ein Bär auf Probe

Karikatura: Gerhard Haderer

Karikatura: Gerhard Haderer

Wer die große Diskussion letztlich angestoßen habe, das wisse er nicht genau, sagt Böttcher. Es habe wohl mit Denkmälern im öffentlichen Raum zu tun gehabt. Die Idee zur Aufstellung des Bären aber stammt von den Preisträgern des „Götttinger Elch“, einer Auszeichnung für satirisches Wirken. Da auch Böttcher von dem kleinen Bären ganz begeistert ist, Gernhardts Humor großartig findet und auch ein bisschen subversiven Spaß an dem Spiel hat, formt und töpfert er mittlerweile an neuen Bären. Die spätere Bronzeskulptur soll rund einen Meter hoch werden. Ein Modell wurde zwischenzeitlich, sozusagen als Platzhalter für die endgültige Skulptur, schon einmal aufgestellt. Ihr Schöpfer: Sigi Böttcher.

Robert Gernhardt. Geboren am 13. Dezember 1937 in Tallinn (Estland), gestorben am 30. Juni 2006 in Frankfurt (Main). Redakteur der Satiremagazine Pardon und Titanic, Autor für den Komiker Otto Waalkes, Mitbegründer der Neuen Frankfurter Schule gemeinsam mit bekannten Karikaturisten wie F. K. Waechter, Chlodwig Poth und Eckhard Henscheid.

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