Jérôme Kassel

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Spiritualität als Quelle der Inspiration

26. Juni 2015 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Wie die Zierenbergerin Jutta Schlier ihre Kunst-Projekte angeht
Ihre ausgeprägte Kreativität wurde der Künstlerin schon in die Wiege gelegt. Bereits als Kind zeigte sich Jutta Schlier neugierig und versuchte, alles Mögliche selbst zu machen. Das ging so weit, dass ihre Eltern schließlich die Ambitionen eindämmten. „Denn ich hatte das eine oder andere zerstört, um an das Innenleben zu kommen. So öffnete ich einen Kreisel und erkundete, was sich darin befand. Oder ich zerlegte eine Puppe, um zu schauen, warum sich die Gliedmaßen bewegen ließen“, erklärt die Zierenbergerin lächelnd. Beim Malen und Zeichnen brachte das Mädchen seine Kreativität zum Ausdruck. Als Jugendliche setzte sie sich mit der Kunst Chagalls, Miros und Klimts auseinander. Die Zeitschrift „Pan“ rückte nach oben in ihrer Agenda. Die Publikation befeuerte ihr Interesse, ebenso wie Fachliteratur, weitere Kunstzeitschriften und Besuche in Museen.

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Jutta Schlier: „Meine Kunst lädt ein zu entdecken, was sich mitunter erst auf den zweiten Blick erschließt. So kann ein Bild, im Auge des Betrachters, zum gemalten Wort werden. Foto: nh

Islamistische Attentate als Thema
Derart angeregt, probierte Schlier Techniken, Farben und Malgründe aus. Den Anfang markierten Kohle- und Bleistiftzeichnungen. Sie beschäftigte sich mit Licht und Schatten, später kamen Farben stärker ins Spiel. Im Rückblick sieht Schlier ihre ersten Gehversuche kritisch. Sie seien „mitunter wacklig gewesen“. „Doch ich habe immer wieder den Antrieb gefunden, mich aufzurappeln“, macht sie deutlich. Die Phase wertet sie als einschneidend, formend und richtungsweisend.

Ihr imponierten Chagall, Dali, Klee, Klimt sowie Nolde. Zum Teil beeindruckten sie Farbkompositionen, bei anderen Werken überraschten sie ungewöhnliche Sichtweisen. „Mich fasziniert nach wie vor deren Blick auf die Dinge“, verrät Schlier.

In letzter Zeit beschäftigt sich die Kreative vermehrt mit abstrakter Malerei. Themen in Farben auszudrücken, reizt sie. Eine aktuelle Arbeit beeinflussen die Auseinandersetzungen in der Ukraine und die islamistischen Attentate in Frankreich. Vielfältige Gedanken schießen ihr durch den Kopf. Wie gehen Menschen miteinander um? Was bedeutet es, wenn jemand ein Gewehr auf dich richtet? Die Nordhessin spontan: „Da kam mir Edvard Munchs Bild ,Der Schrei‘ in den Sinn.“

Seminare häufig im Kloster
Quellen, die sie inspirieren, sind oft persönliche Erlebnisse, Spaziergänge und Gespräche. Auch die Themen ihrer Kurse, die sie ausarbeitet, motivieren die Künstlerin. Apropos Kurse: Schliers Seminare führen sie häufig ins Kloster. Inhaltlich geht es um Sehnsucht, Achtsamkeit, Geduld, den Sinn des Lebens und inneren Frieden. Sie betont: „Wer im Kloster bewusst das Alltägliche zurücklässt und sich Zeit für sich selbst nimmt, lernt sich und seine Bedürfnisse besser kennen.“

Der Klosterbesucher bereite sich bewusst den Grund, auf dem er (oder sie) stehe, und übe sich in Geduld. Man halte es mit sich aus und laufe „nicht vor dem Alleinsein weg“. So übe man sich darin, einen Blick für sein Inneres zu bekommen und gewinne sich als neuen Menschen. Man werde wachsam, achtsam sowie geduldig mit sich. Werte wie Respekt, Selbstachtung, die Gewichtung der Dinge und Zeit bekämen eine neue Bewertung.

Den Glauben an die Kraft der Kunst, die verschiedenen Perspektiven des Handelns, des Denkens und Fühlens erfährt Schlier immer wieder als Quelle der kreativen Auseinandersetzung. Mit ihren Bildern will sie auf das Geheimnis, „auf das Mehr hinter den Dingen“, aufmerksam machen. Die überwiegend abstrakten Werke verzichten bewusst auf jede Reizüberflutung. Vielmehr regen sie Geist und Sinne an. So zieht das Gemälde den Betrachter förmlich in sich hinein, eröffnet ihm neue Horizonte. Gleichwohl bleibt Raum für eigene Vorstellungen. Schlier: „Meine Kunst lädt ein zu entdecken, was sich mitunter erst auf den zweiten Blick erschließt. In diesem Sinne kann ein Bild für den Betrachter zum gemalten Wort werden.“

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Foto: nh

„Aufs Wesentliche im Leben besinnen“
Wie geht die Nordhessin an künstlerische Projekte heran? Den Start markiert stets eine Idee. Damit setzt sich die Kreative auseinander. Gestalterische Optionen zu Formen, Farben und der Bildaufteilung spielt sie gedanklich durch. „Dann stelle ich Überlegungen zum Maß an Abstraktion an und balanciere angedeutete oder gegenständliche Darstellung sowie die abstrakte Bildkomposition aus“, so Schlier. Außerdem legt sie die Farbe(n) fest.

Danach beginnt der Malprozess. Trotz ihrer intensiven Vorüberlegungen lässt sich die Zierenbergerin treiben und inspirieren. „Das Bild wächst“, erklärt sie. Das Verb verwendet Schlier bewusst und verweist auf die Phasen des Malens, Übermalens, Verwerfens und Hinzufügens. Änderungen gehören nicht nur dazu, sie sind ausdrücklich erwünscht!

Schlier sucht den lebendigen Prozess, den sie abschließt, wenn sie Zufriedenheit, Freude und Dankbarkeit über die Arbeit spürt. Monumentale Projekte, wie ihr elf Quadratmeter umfassendes Altarbild, das nun im Altenheim St. Josef in Schweich hängt, erfordern intensive Planungen, um dem Auftraggeber deutlich zu machen, wie das Werk einst aussehen wird. „Diese Arbeit, die Entwicklung des Altarbildes 2013, war eine extrem spannende und erfüllte Zeit für mich“, freut sich die 56-Jährige.

Ausstellungen in Hann. Münden und Kassel
In den nächsten Monaten wird sie Werke in Niestetal und Burghasungen präsentieren. Weitere Anlässe sollen hinzukommen. Für 2016 plant sie Ausstellungen in Hann. Münden und Kassel. „Darüber hinaus sind die Werke Teile und Inhalte meiner Exerzitienkurse“, sagt sie.

Intensivieren will sie ihr Projekt „Kunst der Ruhe“. Unter dem Titel verbindet Schlier Kunst und Kurse im Kloster. „Menschen sollen so Anregungen erhalten, die ihnen helfen, sich auf das Wesentliche im Leben zu besinnen“, hebt die Kreative hervor.

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