Jérôme Kassel

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Szeemann ahoi – documenta Archiv-Leiterin Karin Stengel im Interview

29. April 2010 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Bereits 1997 erschien eine CD-Rom, die Kassels prominentestes Aushängeschild, die Weltkunstausstellung documenta, in ihrer Gesamtheit der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Was damals auf bescheidene 650 MB Speicherplatz beschränkt blieb, hat nun im Internet eine würdige Plattform gefunden: In vierjähriger Arbeit, ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung seitens der Deutschen Forschungs-Gemeinschaft (DFG), wurden für das Online-Archiv „Mediencluster documenta und Gegenwartskunst“ inzwischen – bis zur legendären, von Ausstellungsmacher Harald Szeemann geleiteten documenta 5 von 1972 – schon Zehntausende entsprechender Fotos und Presseartikel nebst Künstlerporträts digitalisiert. Jérôme sprach mit documenta Archiv-Leiterin Karin Stengel über das wegweisende Projekt, durch das die documenta in einigen Jahren mit allen bisherigen Ausstellungen komplett per Internet zu erschließen sein wird – vorausgesetzt, es fließen weitere Fördermittel.

documenta Archiv-Leiterin Karin Stengel. Foto: Jan Hendrik Neumann

documenta Archiv-Leiterin Karin Stengel. Foto: Jan Hendrik Neumann

Jérôme: Worin liegt der besondere Reiz des »Mediencluster«-Projektes?

Karin Stengel: Die große Leistung dieses Projektes besteht darin, unterschiedliche Formate wie Presseartikel, Fotos und Videos, die jeweils völlig anders zu erfassen sind, inhaltlich wie auch technisch, zusammenzufassen. Auf diesem Terrain sind wir jetzt absolut an der Spitze, weil sich bislang kaum jemand damit ernsthaft auseinander gesetzt hat. Da haben wir Pilot-Probleme gelöst und werden daher inzwischen auch von allen Seiten nach unseren entsprechenden Erfahrungen befragt. Denn es wird zwar international schon länger über das Thema geredet, aber ohne greifbares Endergebnis – das wir hingegen vorweisen können, als Rohfassung von unendlicher Arbeit.

Jérôme: Gab es bei der Umsetzung Hürden, die bislang noch nicht überwunden werden konnten?

Stengel: Die Rechte-Frage – doch das ist ja ein Riesenproblem der gesamten Gegenwartskunst. Denn wenn jemand 70 Jahre tot ist, kann ich mit dem Material umgehen, wenn nicht, muss jeder Fotograf, jeder Künstler, jeder Verlag, jeder Autor gefragt werden. Das ist ein unheimlicher Aufwand und manche Sachen können deshalb auch aus rechtlichen Gründen im Internet nicht aufgemacht werden, sondern nur direkt im Archiv. Vor allem bei Videos ist die Lage extrem kompliziert, denn ein Video ist ja nicht nur ein Kunstwerk von einem Künstler, weil es auch noch einen Kameramann gibt, einen Choreographen, etc. Und jeder von denen muss zustimmen, bevor dieses Ding dann online steht. Man bekommt es deshalb kaum hin, einen Film oder Fernsehbeitrag ins Internet zu stellen.

Jérôme: Welche Hauptkriterien gab es für den Aufbau des »Medienclusters«?

Stengel: In den frühen documenta-Ausstellungen waren die klassische Kunstgattungen vertreten, später folgten dann Mail Art, Videokunst, usw. – Kunstformen, die speziell behandelt werden müssen im Hinblick auf die Datenbank, da andere Archive und Bibliotheken auch archivieren. Wir müssen daher so vorgehen, dass unsere Datenbank auch international abrufbar ist. Dass also der Finne, der sich für Arnold Bode interessiert, über seine Datenbank in meine hineinkommt. Die Schnittstellen der verschiedenen Softwareprodukte müssen zusammenpassen. Das geht nur, wenn ich meinen Katalog – Autor, Titel, Verlag – genau in der gleichen Reihenfolge eingebe, wie es die Bibliotheken in Finnland oder den USA machen. Das sind Vereinbarungen von großen Institutionen, die sich schon als Fotoarchiv oder als Bibliothek zusammengetan haben. Aber bei uns stecken alle Medien in diesem Projekt drin, und daraus ergibt sich eine ungeheure Vielfalt von Problemen.

Jérôme: Die Technik schreitet ständig voran und auch digitale Daten sind dem Verfall preisgegeben. Wie wird mit dieser Problematik umgegangen?

Stengel: Unsere Software ist sehr, sehr anspruchsvoll und wir haben vom Hersteller die Garantie, dass sie den jeweils neuen technischen Bedingungen angepasst wird. Und was die Haltbarkeit digitaler Daten angeht: Eigentlich müsste man alles verfilmen und in einen Salzstock legen, das wäre wohl die sicherste Gewährleistung, dass etwa Fotos auch in 500 Jahren noch sichtbar sind. Auf der anderen Seite ist es so: Ich habe der DFG einen Antrag geschrieben und gesagt: Wir schaffen es, sämtliche Materialien des documenta Archivs, die höchst gefährdet sind, in einer Software zu vereinigen. Und die haben uns das finanziert. Andernfalls wäre gar nichts passiert. Ich sehe es überdies als einen Ritterschlag für uns, dass wir, als kleines städtisches Archiv, von der DFG auserkoren wurden, so ein Projekt zu machen.

Jérôme: Haben Sie einen speziellen Tipp zur Nutzung des Online-Archivs?

Stengel: Da wir versucht haben, Verknüpfungen zwischen den documenta-Ausstellungen herzustellen, wird man eigentlich schon durch das reine Durchklicken weitergeführt in die Kunstgeschichte, auch ohne dass man vorher die entsprechende Fragestellung gehabt hätte. So kann man etwa entdecken: »Der Beuys hat ab der documenta 2 ausgestellt, ach, der war ja auch auf der III, hat irgendwann mal ein Büro geleitet – das wusste ich gar nicht, ich dachte, der hätte nur irgendwie Fettecken gezaubert …«

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