Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Vom Schmerzensmann zur Folk-Poetin

11. Juli 2014 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Angesagte Musiker kommen vom 11. Juli bis zum 24. August ins Kulturzelt Kassel

Wer ist der schönste Schmerzensmann der Saison? Es ist der Amerikaner John Grant. Zumindest nannte ihn so die Frankfurter Rundschau, die das Berliner Konzert, bei dem er sein aktuelles Album vorstellte, euphorisch rezensierte und ihn bei dieser Gelegenheit auch mit einem weiteren Superlativ bedachte: „Kammersänger des Masochismus, wie man neben ihm derzeit keinen zweiten findet.“ Umso größer ist die Freude bei seinen Fans, denn in diesem Sommer kommt er ins Kulturzelt Kassel.

Flo Mega. Foto: Benya Weller

Flo Mega. Foto: Benya Weller

„Unser besonderer Tipp“ heißt es im Programmheft über John Grant, seine Livekonzerte werden dort als raumgreifend und episch bezeichnet. Grant, dessen Karriere vor zwanzig Jahren mit der Folkrockgruppe The Czars begann, ist in der Tat ein faszinierender Künstler. Er spricht mehrere Sprachen, darunter Deutsch, Russisch und Isländisch. Vor allem aber erreicht seine Seelenentblößung eine ungeheure Intensität. Grant ist schwul, hatte aber lange Probleme damit, da er aus einer streng religiösen Familie stammt. Auf seinem 2010 erschienenen Solodebüt „Queen of Denmark“ verpackte er sein Coming Out in einen sarkastischen Song: „JC hates Faggots“ – „Jesus Christus hasst Schwuchteln“.

Herzerweichende Balladen
Drei Jahre später veröffentlichte Grant sein Album „Pale Green Ghosts“, das auf Island in Zusammenarbeit mit Biggi Veira von der Elektrogruppe GusGus entstanden war – für den britischen Guardian eines der besten Alben des Jahres 2013. Starke Melodien, herzerweichende Balladen und eine beträchtliche Bandbreite von Elektropop bis Folk sind darauf zu hören, und wieder gibt es sarkastische Texte, etwa wenn er mit geschmeidig-sonorem Timbre in dem Song „GMF“ den Refrain anstimmt: „But I am the greatest motherfucker that you‘re ever gonna meet“. Ob dies zutrifft, kann man bei John Grants Auftritt am 23. Juli nachprüfen.

„documenta der Musikliebhaber“
Vom 11. Juli bis zum 24. August dauert diesmal die Saison des Kulturzelts, das längst in einer temporären Konzertmuschel mit ausgezeichneter Akustik beheimatet ist. „Dennoch“, so die Kulturzeltmacher Angelika Umbach und Lutz Engelhardt, „ist es sehr intim geblieben und dies hat dann doch etwas von einem beschützenden Zelt.“ Wieder haben Umbach und Engelhardt Stars quer durch die Genres Rock, Jazz, Pop, Weltmusik, Soul, Funk und Blues für das Sommerfestival gewonnen, das als „documenta der Musikliebhaber“ und „hessisches Montreux“ gilt.

Joe Bel. Foto: gregoire le du

Joe Bel. Foto: gregoire le du

Start mit den Urban Mash Up All Stars
Zum Start am 11. und 12. Juli geht das erfolgreiche Eröffnungskonzept in die dritte Runde, denn erneut gibt es Hip-Hop, Soul und Funk mit den Urban Mash Up All Stars. Für den treibenden Groove sorgen abermals die Jonny Blazers, sonst die Bläserfraktion von Jan Delay, hinzu kommt in diesem Jahr die Solistenschar Flo Mega, Ami Warning, Omar Lye-Fook, Joe BeL und May. Am 24. August beschließt das Festival dann der traditionelle Auftritt der 17 Hippies, die ein funkelnagelneues Programm im Gepäck haben.

Dazwischen geben sich die angesagtesten Musiker die Klinke in die Hand. Der Jazzpianist Michael Wollny, nicht nur für die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein „vollkommener Klaviermeister“, öffnet mit der hr-Bigband und der israelischen Cembalistin Tamar Halperin eine musikalische Wunderkammer. Nils Landgren, Habib Koité, Keb‘ Mo‘ und viele andere sind im Folgenden zu erleben. Die Gitarrenlegende Al Di Meola spielt Beatles-Lieder, und in einem transatlantischen Treffen geben sich der kubanische Pianist Roberto Fonseca und die malinesische Folk-Poetin Fatoumata Diawara die Ehre.

Lichtdicht-Festival mit Milky Chance
Aus Deutschland sind unter anderem noch Thees Uhlmann, Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi sowie Judith Holofernes dabei. Am 7. und 8. August steigt ein Festival des Kasseler Labels Lichtdicht Records, bei dem Kassels erfolgreichster Pop-Export Milky Chance mit Freunden die Bühne teilt – die beiden Abende sind wie mehrere andere Konzerte bereits ausverkauft.

Tolle Musik erwartet die Kulturzelt-Besucher, einmalig ist auch das Ambiente des Sommerfestivals. Wie formulieren Angelika Umbach und Lutz Engelhart: „Urban gelegen und doch mitten im Grün der Karlsaue. Ein Biergarten unter alten Kastanien am Ufer der Fulda – lauschig ja, langweilig nie!“

www.kulturzlt-kassel.de

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