Von Musik erfüllt: ganzjährige Konzertreihe im Gemeindehaus in Niestetal-Sandershausen

22. September 2009 | Von Dr. Georg Pepl | Kategorie: Feuilleton 

Duo_NiestetalIch fühle mich hier wie zuhause“, freute sich Marina Baranova vor ihrem Aufritt am 28. Juli, mit dem sie das 5. Internationale Niestetaler Klavierfestival eröffnete. Temperamentvoll bot die ukrainische Pianistin Werke Mozarts und Schumanns und zäumte anschließend, begleitet vom litauischen Kollegen Justas Servenikas, ein Schlachtross des Virtuosentums auf, nämlich das 2. Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. An den sieben folgenden Abenden spielten dann weitere hochbegabte junge Pianisten groß auf. Tolle Entdeckungen machte man dabei, und die Publikumsresonanz stimmte ebenfalls. Kurzum, es war ein voller Erfolg.

Senkrechtstarter und Arrivierte
Doch nicht nur während der Festivalzeit erfüllt Musik das Evangelische Gemeindehaus Niestetal-Sandershausen (Landkreis Kassel). Das ganze Jahr über, lediglich von einer kurzen Sommerpause unterbrochen, gibt es dort pro Woche zwei, manchmal sogar drei klassische Konzerte mit Klavier- und Kammermusik. Zu hören sind junge Senkrechtstarter ebenso wie arrivierte Professoren. Nach einem Auftritt des Moskauer Klavierprofessors Ruvim Ostrovsky schwärmte ein Musikjournalist vom „Wunder von Sandershausen“ und meinte, ein Konzert solcher Qualität hätte auch in der weltberühmten Londoner Wigmore Hall stattfinden können.

Rund 6000 Gäste besuchten im Vorjahr die Veranstaltungen im heimeligen Gemeindehaus, das in den 80er Jahren unter der Beteiligung eines Akustikers gebaut worden ist. Das Erstaunliche an den Konzerten: Man kann sie bei freiem Eintritt genießen. Am Ausgang gesammelte Spenden dienen dem Ankauf und der Wartung der Instrumente. Die Evangelische Kirchengemeinde Niestetal veranstaltet und finanziert die Reihe, außerdem wird sie von der Gemeinde Niestetal bezuschusst.

Der gute Geist hinter der Musik
Ins Leben gerufen hat die Reihe in den 70er Jahren Friedrich Luncke, der sie nach wie vor organisiert. Von 1973 bis 2007 war Luncke Pfarrer in Niestetal; nach seiner Pensionierung ist er noch als Glockensachverständiger der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck tätig. Den gebürtigen Westfalen aus Wattenscheid darf man als einen Charakter bezeichnen, bei dem sich Bildung mit bodenständigem Humor vereint. In der großen Bibliothek des Hauses in Niestetal-Heiligenrode, das er mit seiner Frau Astrid, einer pensionierten Lehrerin, bewohnt, steht unter anderem eine Werkausgabe des Philosophen Hans-Georg Gadamer, bei dem er einst studiert hat. Eine andere Geistesgröße, zu der er während seines Studiums engen Kontakt hatte, war der Theologe Rudolf Bultmann.

Freude über die Treue der Musiker

Der 67-jährige Vater von vier Kindern stammt selbst aus einem Pfarrhaus, sein Vater war als Nazigegner Mitglied der Bekennenden Kirche. Als Pfarrerskind hat Luncke schon früh Orgel und Klavier gespielt; verstärkt wurde seine Liebe zu Musik und Kunst durch einen begeisternden Musiklehrer und durch Besuche in der Künstlersiedlung Halfmannshof Gelsenkirchen. Heute freut er sich über die Treue der Musiker. Denn einige Pianisten sind bereits als Studenten in Sandershausen aufgetreten und kehren dann als Dozenten oder Professoren zurück. Und nach den Konzerten hat man schon öfters Szenen wie diese beobachtet: Ob er bereits das Bundesverdienstkreuz erhalten habe, fragte ihn einmal ein Konzertbesucher und sagte dann noch: „Wir sind glücklich, dies hier erleben zu können.“

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