Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben


Vor der Götterdämmerung

10. Februar 2011 | Von | Kategorie: Feuilleton 

Der neue Kassel-Krimi des HNA-Chefredakteurs. Diesmal beleuchtet Horst Seidenfaden ein finsteres, aber auch faszinierendes und weitgehend unbekanntes Kapitel der Stadtgeschichte: Kassel 1933, kurz nach der „Machtergreifung“ der Nazis.

Horst Seidenfaden mit seinem neuen Kassel-Krimi „Die Akte Tristan“

Horst Seidenfaden mit seinem neuen Kassel-Krimi „Die Akte Tristan“

Ein Großraumbüro im vierten Stock des Pressezentrums hinterm Park Schönfeld, die Redakteure sitzen vor ihren Monitoren, der Chefredakteur hat von seinem abgeteilten Büro mit Besprechungsecke durch eine Glaswand alles im Blick: Fast wie in „All the President´s Men – Die Unbestechlichen“, nur ist alles ganz hektikfrei und ruhig, es klappern keine Schreibmaschinen, schrillen keine Telefone, natürlich raucht keiner mehr und, na ja, Watergate wird hier heute auch nicht gerade aufgedeckt. Eine große Regionalzeitung eben, konkurrenzlos auf weiter Flur. Der Chefredakteur ist bekannt wie ein bunter Hund; als Horst Seidenfaden in der Thalia Buchhandlung seinen vierten Anke Dankelmann-Krimi vorstellte, kamen über hundert Leute, auch der frühere OB, MP und Bundesfinanzminister ließ sich das nicht entgehen. Zur Einstimmung wurde ein kurzer Film mit grandiosen Originalaufnahmen aus dem Vorkriegs-Kassel gezeigt (auf DVD erhältlich).

Wie kommt ein vielbeschäftigter Chefredakteur zum Krimi? Ganz einfach: Er mag selber welche. Vor allem, wenn sie gut recherchiert sind, „da kommt der Job durch. Aber diese ewigen depressiven Kommissare mit ihren Privatproblemen, ob bei den Skandinaviern oder im Tatort, gingen mir irgendwann auf die Nerven. Ich wollte eine lebenspralle und lebensfrohe Figur. Und eine echte Nordhessin. Das ist ja kein Widerspruch.“ Weibliche Perspektive, ist das nicht schwierig? Seidenfaden lacht: „Ich habe eine Frau und zwei Töchter. Ich weiß, wen ich fragen kann.“

Die in Kassel fast schon zum Kult gewordene Kommissarin Dankelmann ermittelt diesmal in einem historischen Fall, im alten Kassel vor der Zerstörung, in den ersten Monaten des Dritten Reichs. In seinem Chefbüro zeigt Horst Seidenfaden aus dem Fenster: „Bis auf ein paar Häuser an der Frankfurter Straße war das alles noch unbebaut. Aber kurz vor dem Krieg lebten in Kassel über 210000 Menschen. Fast alle in ärmlichsten Verhältnissen in der Altstadt.“ Heute, saniert und herausgeputzt, wäre diese Altstadt ein Juwel. Damals galt sie als Schandfleck. „Darum ging es mir: Wie haben die Menschen dort gelebt? Was haben sie gegessen? Wie hat es gerochen?“ Zum Beispiel gab es in den Kneipen kein Fleisch, man aß Spiegelei, Schmalzbrote, Grüne Soße. Und in der Altstadt stank es bestialisch, nach Fäkalien, Holzöfen, Armut. Mit Hilfe des Stadtarchivs hat Seidenfaden akribisch recherchiert.

Wie eine rote Stadt braun wurde
Tatsächlich wird das alte Kassel in seinem Buch wieder lebendig. Und zwar in der Erzählung eines 97 Jahre alten Herrn, der seine letzten Tage im Augustinum oben in Wilhelmshöhe verbringt und Anke Dankelmann von einer Mordserie unter SA-Leuten im Frühjahr 1933 berichtet. Als eine Art freiwilliger Spitzel für einen befreundeten Kommissar trat der damals junge Mann, eigentlich unpolitisch und mit musischen Interessen, in die SA ein, wo er rasant aufstieg und prompt infiziert wurde: Die Dynamik, auch die Gewalt des neuen Regimes faszinierten ihn.

Das ist Seidenfadens zweites großes Thema. „Wie konnte eine eigentlich rote Stadt so schnell so braun werden? Und hinterher übrigens mit einem Schlag wieder rot? Wie konnten sich so viele Leute für ein von Anfang an offensichtlich verbrecherisches Regime begeistern?“ Das fasziniert Seidenfaden seit Jahrzehnten. „Früher habe ich zum Beispiel mit meiner Mutter heftig deswegen gestritten. Heute glaube ich: Wir alle wären, wenn wir damals so um die Zwanzig gewesen wären, zumindest Mitläufer geworden.“

Nun sind seine jahrelangen Nachforschungen und Überlegungen in die Geschichte dieses zerrissenen Helden geflossen, der einem Auftragsmörder der Gestapo mit dem Decknamen „Tristan“ auf die Spur kommt, sich in ein halbjüdisches Mädchen verliebt und unter Zwang selbst zum Mörder wird, was er der Kommissarin schließlich gesteht. Warum hat Seidenfaden diese historischen Teile nicht in Ich-Form geschrieben? „Ich habe es versucht. Die ersten zwei Kapitel habe ich parallel geschrieben, einmal in Ich-Form und einmal so, wie´s jetzt ist. Es ging einfach nicht.“ Trotzdem sind daraus die stärksten Abschnitte des Buchs geworden. Der Alltag jener Zeit, ob bei der SA im „Adolf-Hitler-Haus“ am „Adolf-Hitler- (heute Brüder Grimm) Platz“, in der Gestapo-Zentrale am Königstor, unter reichen Leuten in Wilhelmshöhe oder armen in der Altstadt wird genauso sinnlich erfahrbar wie die historischen Ereignisse, die Seidenfaden in die sich ständig zuspitzende fiktive Handlung einstreut: Etwa die Bücherverbrennung auf dem Friedrichsplatz, ein Besuch von Hermann Göring und SA-Chef Ernst Röhm. Anke Dankelmanns parallele Archiv-Recherche verblasst dagegen ein wenig. Am Schluss wird der auch noch lebende „Tristan“ verhaftet. In einer geplanten Fortsetzung soll es um den Prozess gegen den lange gesuchten Kriegsverbrecher gehen.

Insgesamt ein gelungener Krimi
Leider hat der Verlag bei wörtlicher Rede die Absätze weggelassen, was vor allem bei längeren Dialogpartien etwas verwirrend wirkt. Und von den zahlreichen Füllwörtern wie „halt“, ja“, „kurz“, „eben“ hätte das Lektorat locker zwei Drittel rauskürzen können, ohne den Text im geringsten anzukratzen: Ein Autor, der ja „Sprechsprache“ schreiben will, merkt so etwas selber gar nicht. Von diesen Kleinigkeiten abgesehen ist „Die Akte Tristan“ ein gelungener Wurf über die ersten Monate des Dritten Reichs im alten Kassel, eine Zeit, über die man kaum etwas wusste.

Horst Seidenfaden: Die Akte Tristan, 14,80 Euro, B & S Siebenhaar Verlag 2010, 246 Seiten, mit historischem Stadtplan, zahlreichen Fotos, Zeitungsausschnitten und Chronik von 1933. Bisher erschienen: Das brennende Gesicht, Rache für den Mörder, Hadubrands Erbe.

Die HNA-DVD „Min ahles Kassel“
(ca. 17 min.) kostet 4,95 Euro.


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