Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



40 Jahre Uni Kassel: Offen für Herausforderungen

2. März 2011 | Von | Kategorie: Gesellschaft 

Am 25. Oktober 1971 nahm die Universität Kassel, damals als Gesamthochschule Kassel, mit 2.900 Studierenden ihren Betrieb auf. Heute bietet die Universität Kassel mehr als 20.000 Studierenden in zehn Fachbereichen ein breites Spektrum an Studien- und Weiterbildungsmöglichkeiten, sie ist einer der größten Arbeitgeber in der Region und trägt erheblich zur wirtschaftlichen Entwicklung von Stadt und Region bei. Ihr 40-jähriges Bestehen feiert die Universität in diesem Jahr mit zahlreichen Veranstaltungen. Zum Jubiläum sprach Jérôme mit Uni-Präsident Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep.

Prof. Dr. Dr. Rainer Ludewig (rechts) wurde anlässlich der Feierlichkeiten zum 40- jährigen Bestehen der Uni Kassel von deren Präsidenten Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep zum Ehrenbürger ernannt. Prof. Dr. Alexander Roßnagel (Mitte), der nicht für eine weitere Amtszeit als Vizepräsident kandidierte, wurde von Postlep verabschiedet.

Prof. Dr. Dr. Rainer Ludewig (rechts) wurde anlässlich der Feierlichkeiten zum 40- jährigen Bestehen der Uni Kassel von deren Präsidenten Prof. Dr. Rolf-Dieter Postlep zum Ehrenbürger ernannt. Prof. Dr. Alexander Roßnagel (Mitte), der nicht für eine weitere Amtszeit als Vizepräsident kandidierte, wurde von Postlep verabschiedet.

Jérôme: Herr Prof. Postlep, was macht die Universität Kassel so attraktiv?

Prof. Postlep: Heute, 40 Jahre nach ihrer Gründung, hat die Universität Kassel eine Entwicklung genommen, die in den 70er Jahren vermutlich niemand für möglich gehalten hätte. Die Kasseler Universität hat sich stets den Fragen der Zeit gestellt und war offen für die daraus resultierenden Herausforderungen in der Forschung. Besonders wichtig ist uns, eine offene, mit der Umgebung gut vernetzte Universität zu sein, mit einem attraktivem Spektrum an Studien- und Weiterbildungsangeboten, guten Möglichkeiten zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses – vor allem im Bereich von zukunftsrelevanten Themen – und einem familienfreundlichen Umfeld für die Angehörigen und Studierenden.

Jérôme: Unter den deutschen Hochschulen und im europäischen Hochschulraum hat sich die Universität Kassel einen besonderen Platz er-obert. Was unterscheidet sie von anderen deutschen Hochschulen?

Prof. Postlep: Die Universität Kassel besitzt ein außergewöhnliches Fächerspektrum und damit verbunden eine Fülle von Perspektiven: Von der Kunsthochschule und den Geistes- und Kulturwissenschaften über die Technik-, Natur-, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften wird Interdisziplinarität als Chance für die Forschung und eine innovative Lehre gesehen. Auf allen Feldern der Forschung an unserer Hochschule verfolgen wir das Motto „Von den Grundlagen bis zur Anwendung“ und werden damit unserer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht.

Jérôme: Welche Bedeutung hat die Universität für die Stadt Kassel und für die Region?

Prof. Postlep: Die Universität ist integraler Bestandteil der Regionalentwicklung und sieht sich hier in der Mitverantwortung. Das zeigt sich besonders wahrnehmbar in Ausgründun-gen aus der Universität, aber auch in zahlreichen kulturellen und sozialen Initiativen und Impulsen. Ich nenne hier nur die Ausstellungen von Studierenden der Kunsthochschule, unsere öffentlichen Grimm-Vorlesungen, Konzerte von Universitätsorchester und -chor, Philosophisches Café oder der Science Slam, bei dem Wissenschaftler in Kurzvorträgen vor Publikum gegeneinander antreten. Durch die Gründung von „UniKasselTransfer“ 2003 ist der Wissenstransfer der Universität Kassel zu einer Marke geworden. Sie steht für professionelle Beratung und Zusammenarbeit in der Schnittstelle Gesellschaft und Wirtschaft auf der einen Seite und Wissenschaft auf der anderen Seite. Dazu gehört unter anderem die Patentvermarktung, die Entwicklung der Weiterbildung zum Berufsbegleitenden Lernen in den Studien- und Managementprogrammen der UNIKIMS Management School, der Aufbau von Anwendungszentren, die Gründerförderung durch den Inkubator. Wissen zu vermitteln und weiter zu geben ist die wichtigste Aufgabe einer Universität, aber natürlich trägt eine Hochschule auch erheblich zur wirtschaftlichen Entwicklung von Stadt und Region bei. So flossen rund 2,94 Millarden Euro laufende Zuschüsse (Landesmittel), 578,9 Millionen Euro Baumittel und 514,4 Millionen Euro Drittmittel seit der Gründung in die Universität Kassel – und damit indirekt in die Stadt und Region. Mehr als 20.600 Studierende, rund 300 Professorinnen und Professoren, etwa 2.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leben hier. Mit einem jährlichen Haushalt von fast 250 Millionen Euro inklusive Drittmitteln gehört die Uni Kassel inzwischen durchaus zu den größeren deutschen Universitäten.

Jérome: Eines der Uni-Leitbilder ist „Offenheit und Verantwortungsbewusstsein gegenüber Herausforderungen in Natur und Gesellschaft“. Wie schlägt sich das in der Praxis nieder?

Prof. Postlep: Lassen Sie mich als ein Beispiel das Thema „Grüne Wissenschaft“ nennen. Schon von Beginn an haben sich Kasseler Wissenschaftler mit Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit befasst – und galten deswegen in Teilen der Öffentlichkeit als weltfremd. Heute ist die Umwelttechnik längst eine wichtige Industriesparte und der Umweltschutz ist auf breiter Ebene das Gebot der Stunde. So gehört zur Uni Kassel etwa der europaweit einzige ausschließlich auf Ökologische Agrarwissenschaft fokussierte Fachbereich in Witzenhausen mit seiner Lehr-, Versuchs- und Transfereinrichtung Staatsdomäne Frankenhausen. Praxisbezogene Forschung wird auch im Klimaanpassungsnetzwerk für die Modellregion Nordhessen KLIMZUG und dem  Kompetenzzentrum für Klimaschutz und Klimaanpassung CliMA bearbeitet und in die Region zurück gegeben. Zahlreiche umweltbezogene Studiengänge – etwa im Umweltingenieurwesen oder im Masterstudiengang Regenerative Energie und Energieeffizienz – bieten profilierte und weltweit beachtete Studienmöglichkeiten.

Das Campusgelände Holländischer Platz, nach seiner Eröffnung 1986 von den Medien als „Disneyland für Intelektuelle“ bezeichnet. Foto: Mario Zgoll

Das Campusgelände Holländischer Platz, nach seiner Eröffnung 1986 von den Medien als „Disneyland für Intelektuelle“ bezeichnet. Foto: Mario Zgoll

Jérome: Bei der Entwicklung gestufter Studiengänge war die Kasseler Universität in Deutschland Vorreiter. Inwieweit war das ein Vorteil bei Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses?

Prof. Postlep: Der Vorteil lag ganz klar darin, dass unsere Studieninhalte schon auf die Zweiteilung in grundständige und weiterführende Studiengänge zugeschnitten waren; aber ebenso wie andere Universitäten hatten wir einen großen Aufwand zu betreiben, um die Studieninhalte zu modularisieren, mit Credits zu versehen und schließlich akkreditieren zu lassen. Wir sind gerade dabei, diese neuen Studienstrukturen zusammen mit den Studierenden weiter zu optimieren.

Jérome: Welche Rolle spielt die Integration neuer Medien in die Lehrveranstaltungen?

Prof. Postlep: Neue Medien in der Lehre sind nur ein Ausschnitt der Aufgaben, die wir zu bewältigen haben. Waren Studierende früher zumeist junge ledige Männer und Vollzeit-Studenten, so ist die Zusammensetzung der Studierenden heute weit heterogener: Frauen machen rund 50 Prozent der Studierenden aus, die Studierenden sind häufig schon etwas älter, mitunter verheiratet, haben oft Kinder, kommen mit deutschem oder internationalem Bildungshintergrund an die Uni, sind Fachhochschüler, Abiturienten, zum Teil auch Meister oder erfahrende Berufstätige. Sie alle nehmen die Leistungen der Universität in Anspruch – in Vollzeit, in Teilzeit, berufsbegleitend, als lebenslangen Lernprozess oder nachberuflich. Lehrangebote müssen sowohl als Präsenzveranstaltungen als auch online zur Verfügung stehen. Wir als Universität stellen uns in der Organisation und insbesondere in der Lehre auf diese ungeheuer breiten Nachfrageanforderungen ein. Sichtbar wird dies unter anderem im Angebot unseres Servicecenters Lehre, der UNIKIMS, der Bürgeruniversität für außerberufliche Bildungsansprüche, im Angebot von Teilzeitstudiengängen und vielem mehr.

Jérôme: Bei der Entwicklung gestufter Studiengänge war die Kasseler Universität in Deutschland Vorreiter. Inwieweit war das ein Vorteil bei der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge im Zuge des Bologna-Prozesses?

Prof. Postlep: Der Vorteil lag ganz klar darin, dass unsere Studieninhalte schon auf die Zweiteilung in grundständige und weiterführende Studiengänge zugeschnitten waren; aber ebenso wie andere Universitäten hatten wir einen gro-ßen Aufwand zu betreiben, um die Studieninhalte zu modularisieren, mit Credits zu versehen und schließlich akkreditieren zu lassen. Wir sind gerade dabei, diese neuen Studienstrukturen zusammen mit den Studierenden weiter zu optimieren.

Jérôme: Wenn Sie auf die 40-jährige Uni-Geschichte zurückblicken, welches Fazit ziehen Sie?

Prof. Postlep: Aus sehr ambitionierten Gründungsgedanken haben sich etliche als tragfähig erwiesen. Insbesondere im Bereich der Forschung war jedoch eine Neuausrichtung nötig. Dass wir 2010 erstmals mehr als 40 Millionen Euro Drittmittel einwerben konnten, belegt, dass wir hier auf dem richtigen Weg sind. Heute ist Internationalisierung von Studium und Lehre ein wichtiges Thema und die Professionalisierung im Hochschulmanagement ist zwingend geworden unter sich wandelnden Außenbedingungen.

Jérôme: Wie sind die Weichen für die Zukunft gestellt?

Prof. Postlep: Ich denke, wir sind gut gewappnet. Aus der Vielzahl von Herausforderungen, die sich der Universität Kassel schon heute und im nächsten Jahrzehnt stellt, möchte ich nur die Themenfelder Heterogenität der Studienanfänger, Forschungsorientierung als Grundlage allen universitären Wirkens und die bauliche Entwicklung nennen. In diesen Wochen beginnen wir mit dem Ausbau des Campus Holländischer Platz. Wir bauen hier nicht nur neue Forschungs- und Lehrgebäude, sondern auch ein Studentenwohnheim und eine Kindertagesstätte. In den nächsten fünf Jahren wird hier für viele Millionen Euro im Kasseler Norden eine weitläufige Bildungslandschaft entstehen. Das bietet nicht nur Studierenden und Wissenschaftlern neue Möglichkeiten, sondern wird auch der Entwicklung der Nordstadt ganz wesentliche Impulse geben.

Professor Rolf-Dieter Postlep.

Professor Rolf-Dieter Postlep.

Zur Person
Professor Rolf-Dieter Postlep ist seit dem Jahr 2000 Präsident der Universität Kassel. Der 64-Jährige wurde in Wolfsburg (Niedersachsen) geboren, ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Nach dem Abitur folgte eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Anschließend studierte, promovierte und habilitierte der Volkswirtschaftler an der Universität Marburg. Von 1994 bis 2000 war er Abteilungsleiter am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Seit 1996 ist Postlep Universitätsprofessor und Leiter des Fachgebietes Allgemeine Wirtschaftspolitik an der Universität Gesamthochschule Kassel.

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