Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Als Theurich die Stars holte

4. Mai 2010 | Von | Kategorie: Gesellschaft 
Ingmar Bergman, einer der bedeutendsten Regisseure des zwanzigsten Jahrhunderts, mit Jérôme-Autor Klaus Becker (links) bei der Welt-Uraufführung von „Fanny und Alexander“ in Mainz. Foto: Archiv Klaus Becker

Ingmar Bergman, einer der bedeutendsten Regisseure des zwanzigsten Jahrhunderts, mit Jérôme-Autor Klaus Becker (links) bei der Welt-Uraufführung von „Fanny und Alexander“ in Mainz. Foto: Archiv Klaus Becker

Kassel war in den Jahrzehnten nach dem Krieg lebhafter Mittelpunkt des filmischen Lebens in Deutschland. Es war die herausragende Rolle der Filmtheaterbetriebe Reiss, die damals neben ihren zahlreichen gastronomischen Betrieben die zweitgrößte Kino-Kette in Deutschland aufgebaut hatten, die Kassel zu dieser Rolle verhalf. Ihr Geschäftsführer für die Kino-Betriebe, Gerhard Theurich, galt als einflussreichste Persönlichkeit in der Kinowelt, war mit vielen Stars, wie Hildegard Knef, befreundet, kannte alle wichtigen Schauspieler, Produzenten und Regisseure.

Unter Kasseler Regie
In München betrieb die Reiss-Kette den „Mathäser“-Filmpalast, der zum wichtigsten Uraufführungs-Kino der Bundesrepublik aufstieg. So wurden praktisch alle Filme, die Theurich-Freund Bernd Eichinger produzierte, dort zum ersten Mal aufgeführt. „Das Boot“, „Christiane F.“, „Die unendliche Geschichte“ oder „Der Name der Rose“, sind nur einige der Filme, die unter Kasseler Regie und in Anwesenheit zahlreicher Gäste aus Nordhessen zum ersten Mal im „Mathäser“ gezeigt wurden. Jedes Mal kamen die Hauptdarsteller dieser Filme zu den Premieren. Zugleich bemühte sich Gerd Theurich darum, möglichst viele dieser glanzvollen gesellschaftlichen Ereignisse nach Kassel zu holen, wo mit der „Kaskade“ ein repräsentatives Haus zur Verfügung stand. In seinen letzten Jahrzehnten verlor Gerd Theurich allerdings die Lust am großen Rummel, der jedes Mal mit Premieren und Filmbällen verbunden war. Immer häufiger musste ich ihn als sein Pressesprecher vertreten und so lernte ich praktisch alle Größen des internationalen Films der siebziger und achtziger Jahre kennen.

Treffen mit Bergmann
Einige Begegnungen sind besonders lebhaft im Gedächtnis geblieben. So mit Ingmar Bergman, dem großen schwedischen Regisseur, der nach allen Umfragen als wichtigster Regisseur des vergangenen Jahrhunderts betrachtet wird. Er kam weder nach München noch nach Kassel, sondern in das zur Reiss-Gruppe gehörende „Gloria“ in Mainz, um dort seinen später mit dem „Oscar“ ausgezeichneten Film „Fanny und Alexander“ zu präsentieren. Lange habe ich mich auch über Kassel unterhalten. Die Stadt war ihm sehr wohl ein fester Begriff und er wusste, dass einer der Kasseler Fürsten, Friedrich I, als König in Stockholm residiert hatte. Doch besonders interessierte ihn Kassel als die Stadt, in der einer der ganz Großen der Filmgeschichte, Friedrich-Wilhelm Murnau, seine Jugend verbracht hatte. Ich hatte damals gerade mit der legendären Film-Kritikerin Lotte Eisner ein Buch über Murnau und seine Zeit in Kassel geschrieben und Bergman bat mich ausdrücklich, ihm dieses Buch zuzusenden.

Hopper und die documenta
Murnau hatte sich in seinen Schülertagen immer wieder für die Kasseler Kunstgalerie begeistert und dort zahlreiche Anregungen aufgenommen. Der Kunst halber kamen in den achtziger Jahren ein anderer internationaler Star nach Kassel: Dennis Hopper, berühmt geworden durch „Easy Rider“. Er malte selbst und ihn interessierte in Kassel besonders die documenta. Zu seinem Bedauern kam es jedoch nie zu einer Begegnung mit dem damaligen documenta-Chef Rudi Fuchs, obwohl ich mich als dessen Sprecher intensiv um eine Begegnung bemühte.

Petersen und Grönemeyer
An Murnau erinnert inzwischen eine Gedenktafel in dessen Geburtsstadt Bielefeld, und der Regisseur scheint in Nordhessen langsam in Vergessenheit zu geraten. Anders vor dreißig Jahren, als die Kasseler Sparkasse auf Initiative ihres damaligen Chefs, Hans-Karl Melle, an Murnau erinnerte. Ich hatte das Vergnügen, ein Buch zu dem Thema zu schreiben, dass Alfred Biolek in einer Talkshow dann vorstellte. Wolfgang Petersen kam zu dieser Gelegenheit nach Kassel und brachte einen weitgehend noch unbekannten Star aus seinem Film „Das Boot“ mit, der kurze Zeit später durch seine Musik berühmt wurde: Herbert Grönemeyer. Und es gelang uns, den damals letzten großen Star aus der UFA-Zeit nach Kassel zu holen: Camilla Horn, die in Murnaus „Faust“-Verfilmung das „Gretchen“ gespielt hatte.

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