Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Küchenlieder: Annett Louisan im Interview

12. Oktober 2011 | Von | Kategorie: Gesellschaft 

Jérôme:  Ich habe in der Pressemitteilung gelesen, dass Du als Künstlerin gerade auf dem kreativen Höhepunkt bist. Macht Dir das keine Angst?

Annett Louisan tritt am 26. Oktober im Rahmen Ihrer Tour „In meiner Mitte“ im Kongress Palais Kassel auf. Infos und Karten unter www.mmkonzerte.de. Foto: Mario Zgoll

Annett Louisan tritt am 26. Oktober im Rahmen Ihrer Tour „In meiner Mitte“ im Kongress Palais Kassel auf. Infos und Karten unter www.mmkonzerte.de. Foto: Mario Zgoll

Annett Louisan: Ja, unbedingt, um Gottes Willen. Zum Glück schreibt das immer jemand anders. Aber Höhepunkte sind auf jeden Fall gut.

Jérôme: Okay, aber danach geht es ja meistens bergab.

Louisan: Es ist ja Mathematik. Und ich glaube, je eher man sich damit abfindet, dass es Hochs und Tiefs gibt, desto weniger lässt man sich aus der Bahn bringen, wenn es dann auch mal einen schlechten Tag gibt oder eine Zeit, in der man scheitert. Das ist sowieso ein großes Geheimnis, das Scheitern-Können. Und das birgt ja auch eine große Kraft. Mit allem was zu Ende geht, beginnt was Neues.

Jérôme: Für das neue Album hast Du Dir zwei Jahre Zeit gelassen. Wie bist Du an das Projekt herangegangen?

Louisan: Also, ich bin tatsächlich ein bisschen gegangen. Und viel gereist. Erst mal musste ich ganz weg von Annett Louisan, nach New York eine Zeit lang. Das hat mich sehr inspiriert. Es war sehr erholsam, die Frau mal zuhause zu lassen. Und dann brauchte ich auch mal ein paar neue Herausforderungen. Am besten ist es immer, sich mal mit ganz fremdem Repertoire zu befassen. Ich habe zum Beispiel Brecht gesungen in Augsburg. Das hat mich schon ziemlich gefordert.

Jérôme: Du hast Deinen musikalischen Partner gewechselt. Die ersten vier Alben waren mit …

Louisan: … Frank Ramon, meinem Produzenten, ja. Komponisten gab es immer schon viele in dem Pool, aber diesmal waren es tatsächlich auch ein paar mehr Songwriter. Zum ersten Mal auch zwei ganz großartige Frauen: Ulla Meinecke und Annette Humpe. Das war sehr lehrreich.

Jérôme:   Ulla Meinecke ist ein musikalisches Vorbild für Dich gewesen, oder?

Louisan: Ja, immer. Sie ist eine wundervolle Poetin und hat ganz tolle Lieder geschrieben. Und ich bin froh, dass sie auch für mich Lieder geschrieben hat. Schöner starker Tag, hat sie mir mal gesagt, ist zum Beispiel ein Lied, das könnte sie für sich gar nicht schreiben. Sie ist eine sehr gute Beobachterin und sehr emphatisch. Das war schon toll mit ihr.

Jérôme: Was unterscheidet das aktuelle Album „In meiner Mitte“ von den vorherigen?

Louisan: Ich hoffe doch, dass es sich unterscheidet. Ich wollte mich nie wiederholen. Es ist weniger zynisch, was ich ganz bewusst wollte.

Jérôme: Warum?

Louisan: Weil ich glaube, dass es manchmal so Themen, Lieder oder Zeiten gibt, wo man sich viele Fragen stellt und wo man offene Enden braucht. Und vielleicht auch ein bisschen mehr Tiefe. Die kann man erreichen, wenn man die Klischees weglässt und den Tonfall verändert. Das hängt auch von der Lebensphase ab. Mit 25 oder 26 konnte ich noch viel mehr mit Klischees hantieren. Weil ich vielleicht auch noch ein bisschen schneller Prinzipien rausgehauen hab und gesagt hab: „So ist das!“ Je älter man wird, desto mehr weiß man, dass man eigentlich gar nichts weiß und hält sich einfach zurück, die Dinge zu sehr zu bewerten. Das habe ich wirklich gebraucht und da ist Zynismus abträglich. Lieber schnelle Pointen, so ein feiner Humor, der sich vielleicht auch erst ein bisschen später entfaltet.

Der Tonfall ist ein anderer und auch die Art der Aufnahmen. Durch meine Bühnenerfahrung habe ich eine Liebe zum Livesound entwickelt. Wir haben diesmal viele Livetakes aufgenommen, ohne großartig daran rumzuschnippeln.

Der beste Take hat gewonnen und ich finde, das hört man dem Album auch an, weil es nicht geschliffen ist. Vielleicht auch ein bisschen eckiger und morbider. Hier und da klappert es mal, ist auch mal ein schiefer Ton drin. Das gehört dazu, das finde ich schön und ich kann das jetzt mehr so stehen lassen als früher.

Jérôme: Welchen Song aus dem Album hörst Du am liebsten? Gibt es da einen?

Louisan: Für mich persönlich ist das glaube ich „Allein und beisammen“. Der ist so ehrlich und der ist so wahr. Da steckt irgendwie eine Hoffnung drin, aber auch eine Melancholie. Er ist, was die Komposition angeht und die Art und Weise, am weitesten von dem entfernt, was ich bisher gemacht habe. Wenn ich den höre, sehe ich mich in meiner Küche. Ich finde, die Lieder sind auch irgendwie Küchenlieder, deshalb wollte ich unbedingt Küchenfotos machen (blickt aufs Plakat). Das Cover ist der erste Eindruck von der Musik, das soll auch ne Geschichte erzählen.  Jim Rakete ist mein wichtigster ästhetischer Berater. Ich will einfach spielen und mit Jim gehe ich auf’n Spielplatz und spiele. Und ich kann sicher sein, dass dabei ein Cover entsteht.

Jérôme: Das mit dem Spielen war jetzt eine tolle Überleitung.

Louisan: (Lacht) Perfekte Vorlage.

Jérôme: Was ich mich gefragt habe: Wenn gleich die erste Single so ein großer Erfolg ist, wie wirkt sich das auf das weitere künstlerische Schaffen aus?

Louisan: Das Gute ist, dass ich damals einfach weitergelaufen bin und mir nicht viele Gedanken gemacht habe um den Erfolg und wie es weitergeht. Das ist ein bisschen mehr geworden, das ist aber auch belastend.

Jérôme: Du machst Dir da heute mehr Gedanken?

Louisan: Ja. Man weiß, dass man auf manches einfach nicht mehr so leicht verzichten kann. Ich denke, es hat mir geholfen, meinen Weg zu gehen, zielstrebig, und nicht nach hinten zu gucken. Und Gott sei Dank ist es mir gelungen, kein One-Night … äh … oder One-Hit-Wonder zu sein. One-Night-Stand bin ich tatsächlich. So bin ich entstanden. Aber Gott sei Dank kein One-Hit-Wonder.

Jérôme: Die neue Tour startet am 13. Oktober. Da bist Du ja in ganz Deutschland unterwegs, gibt es einen Spielort, auf den Du Dich ganz besonders freust?

Louisan: (Überlegt) Kassel natürlich, Mensch!

Jérôme: (Zeitgleich) Kassel zum Beispiel.

Louisan: Ja, das ist ja auch eine Konzertstadt – schon immer gewesen. Ich habe auch schon häufiger Halt gemacht hier und habe das Publikum sehr in Erinnerung. Aber, Berlin, ganz klar, das Tempodrom, das ist für mich immer eine Herausforderung. Da habe ich auch Riesenrespekt vor.

Jérôme: Deine Bühnenshow, ist die bewährt puristisch?

Louisan: Immer auf ne Art puristisch. Okay, ich weiß nicht was die Zukunft bringt. Aber die Lieder und die Musik stehen für mich im Vordergrund und wenn ich es schaffe, dass es immer ein großes Wohnzimmer ist und die Leute sich wohlfühlen, zuhause fühlen und wenn ich in den Augen sehe, da geht etwas Eigenes los, eine Erinnerung oder ein Gefühl, dann weiß ich, dass ich sie hab. Und so lange gebe ich auch keine Ruhe. Ich möchte gerne die Leute glücklich machen. Es gibt so Künstler, die sagen: „Ich mache das nur für mich.“ Natürlich mache ich das auch für mich, weil es auch mich glücklich macht. Aber ich nehme das schon sehr, sehr ernst und bin hochkonzentriert. Ich brauche eigentlich auch vor jeder Show eine Stunde für mich, damit ich da nicht irgendwie einen Autopiloten abfahre.

Annett Louisan tritt am 26. Oktober im Rahmen Ihrer Tour „In meiner Mitte“ im Kongress Palais Kassel auf. Infos und Karten unter www.mmkonzerte.de

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