Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben


Musikalische Schatzgräber: cavata cassel

19. April 2012 | Von | Kategorie: Gesellschaft 

Neu gegründeter Verein widmet sich der Pflege Alter Musik

Alte Musik ist in. Doch warum fasziniert sie so stark? Jochen Faulhammer sieht einen Grund in der Anbindung an menschliche Ausdrucks- und Bewegungsformen, die man darin entdecken könne. Alte Musik lädt zum intensiven Nachvollzug von Nuancen ein, ist aber auch voller rhythmischer Energie und tänzerischer Impulsivität. Ein Komponist, der sich mit Tänzen nicht auskannte, habe im Barock überhaupt nicht als Komponist gegolten, sagt Faulhammer.

Bringen musikalische Kostbarkeiten der Murhardschen Bibliothek ans Licht. Von links: Joachim Arndt, Dr. Angelika Horstmann, Barbara Deinsberger, Regine Kändler, Laura Frey, Angela Hug und Jochen Faulhammer. Foto: Mario Zgoll

Bringen musikalische Kostbarkeiten der Murhardschen Bibliothek ans Licht. Von links: Joachim Arndt, Dr. Angelika Horstmann, Barbara Deinsberger, Regine Kändler, Laura Frey, Angela Hug und Jochen Faulhammer. Foto: Mario Zgoll

Jochen Faulhammer ist bekannt als Sänger sowie als Chorleiter der Kantorei der Kreuzkirche Kassel. Seit dem letzten Sommer gehört er dem Vorstand des neu gegründeten Vereins cavata cassel an, dessen Name nicht besser gewählt sein könnte. Das italienische Wort „cavare” bedeutet unter anderem so viel wie ausgraben, herausziehen. Ein Vereinsziel besteht darin, verborgene musikalische Schätze aus dem reichen Bestand der Murhardschen Bibliothek ans Licht zu bringen.

Der historische Hintergrund dabei: Kassel erlebte in den Jahrzehnten um 1600 eine kulturelle Blüte. So bekam Heinrich Schütz, der bedeutendste deutsche Komponist der Zeit vor Bach, als Jüngling Unterricht an dem von Moritz dem Gelehrten gegründeten Collegium Mauritianum. Der große Förderer von Schütz war ein musisch und wissenschaftlich hochbegabter Fürst.

Werke, die noch nicht veröffentlicht sind
Landgraf Moritz habe das von seinen Vorgängern begonnene Sammeln von Musikalien auf die Spitze getrieben, sagt Faulhammer. Auch deshalb gebe es heute in der Murhardschen Bibliothek einen ungeheuren Fundus an Musik-Handschriften und Drucken, darunter auch viele Unikate, die in anderen Bibliotheken nicht vorliegen. „Genau solche Unikate sind von Interesse für uns. Neben Bewährtem wollen wir auch Werke aufführen, die noch nicht veröffentlicht sind.“

Zusätzlich gibt der Verein Kassels Spezialisten für Alte Musik ein Forum, sodass sich die zuvor etwas verstreute Barockszene einheitlicher in der Öffentlichkeit präsentieren kann. Neben Jochen Faulhammer gehören Angela Hug und Joachim Arndt dem Vorstand an. Angela Hug ist stellvertretende Direktorin der Musikakademie Kassel und lehrt dort als Dozentin für Blockflöte. Der Blockflötist und Cembalist Joachim Arndt leitet die Musikschule Baunatal.

Andere Stammitglieder sind die Gambistin Laura Frey, die Geigerin Regine Kändler, die Blockflötistin Barbara Deinsberger, die Verlegerin Renate Matthei und die Musikwissenschaftlerin Dr. Angelika Horstmann, die vor einigen Jahren den nicht nur für das Projekt so wichtigen „Katalog der Musikdrucke aus der Zeit der Kasseler Hofkapelle (1550–1650)“ erstellt hat. Faulhammer hat das Buch beim Jérôme-Gespräch dabei, es ist ein beeindruckend umfangreiches Werk.

Gründungskonzert war im November
Erstmals an die Öffentlichkeit trat der Verein bei seinem Gründungskonzert im vergangenen November, als er im rappelvollen Eulensaal der Murhardschen Bibliothek dem Konzertmotto folgend „vergessene Schätze der Casseler Hofcapelle“ zum Klingen brachte. Großer Einsatz war jedoch schon lange vor dem Auftritt gefragt. Nachdem man Noten fotografiert hatte, wählte Faulhammer passende Stücke aus und übertrug sie in Aufführungsmaterial. Dank dieses Engagements konnte das Publikum Werke von Georg Otto und Guasparo Torelli hören, die nur in Handschrift, beziehungsweise einem singulären Druck vorliegen. Vielleicht erklangen sie an jenem Novemberabend erstmals seit Jahrhunderten wieder.

In der Zukunft möchte der Verein weitere Kostbarkeiten entdecken und zudem Tage für Alte Musik in Kassel etablieren – auch mit interessanten Künstlern von auswärts. Für Mai und August sind schon Konzerte angedacht. Neue Mitglieder sind bei cavata cassel übrigens herzlich willkommen.  www.cavata.de


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