Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben

Unter dem Zeichen des Saturn – Okkulte Interessen unserer Landesfürsten

4. Mai 2011 | Von | Kategorie: Gesellschaft 

Okkult heißt, wie jeder weiß, der mal einen Arzt über ebensolches „Blut im Stuhl“ bedenklich den Kopf wiegen sah, eigentlich bloß „verborgen“. Gemeint ist allerlei angebliches „Geheimwissen“, das dem bloßen Auge, dem normalen Verstand oder auch der Wissenschaft, nun ja, verborgen bleibt. Der Stein der Weisen (arabisch „al iksir“, Herkunft unseres Wortes „Elixier“), die Weltformel, die angeblich alles erklärt – oder auch profanere Dinge, wie die Herstellung von Gold aus irgendetwas Wertlosem. Die Landgrafen von Hessen-Kassel waren große Fans von alledem und versammelten allerhand irrlichternde Geister um sich.

Auf der Suche nach etwas Neuem
Das war übrigens in ihrer Zeit vom 16. Jahrhundert bis ins 19. hinein gar nichts Besonderes. Neben Reformation, Aufklärung und Rationalismus waberte der erstaunlichste Aberglaube oft in denselben Hirnen, auch ein Isaac Newton sah nicht bloß zu, wie Äpfel von Tischkanten rollten, sondern gab sich nächtens alchemistischen Experimenten hin, die er allerdings, erraten, verborgen hielt. Während alte religiöse Gewissheiten in sich zusammenstürzten und Religionskriege wüteten, suchten helle Geister nach etwas Neuem, etwas Anderem, um aus dem ganzen Schlamassel rauszukommen; und wenn sie meinten, dergleichen gefunden zu haben, gründeten sie gern „Geheimgesellschaften“: Rosenkreuzer, Freimaurer, Illuminaten und wie sie alle hießen. Immer vorn mit dabei: Landgrafen und Prinzen aus dem Hause Hessen-Kassel, deren Residenz neben Prag und Straßburg als ein Zentrum derartiger Umtriebe galt. Vor allem englische Wissenschaftler und gleichzeitig Alchemisten wie John Dee, Eward Kelley und Robert Fludd hielten sich zeitweise hier auf.

Schon dem ersten protestantischen Herrscher Philipp dem Großmütigen (1504–1567) werden Kontakte zu angeblichen Vorläufern der Rosenkreuzer nachgesagt, die allerdings historisch nicht nachzuweisen sind. Wilhelm der Weise (1567–1592) war nicht nur Astronom, der die erste Sternwarte Europas bauen ließ und Tycho Brahe nach Kassel lockte, sondern auch Alchemist und Botaniker. Moritz der Gelehrte (1592–1627, diese Beinamen sprechen schon für sich) soll nicht nur acht Sprachen gesprochen haben, selbst Komponist und Entdecker von Heinrich Schütz sowie Erbauer von Europas erstem Theaterbau gewesen sein; er verlor sich auch so sehr in alchemistischen Machenschaften, dass er das Land ruinierte und abgesetzt wurde (Erbstreitigkeiten mit Darmstadt und Ungeschick im Dreißigjährigen Krieg spielten auch eine Rolle).

Reich des Höllenfürsten
Um 1606 ließ Moritz anstelle eines alten Augustinerklosters nach eigenen Entwürfen Schloss Weißenstein errichten, aus dem zweihundert Jahre später Schloss Wilhelmshöhe wurde, wie wir es heute kennen. Gleichzeitig entstand die Moritzgrotte (heute Plutogrotte, das Innere war früher als Reich des Höllenfürsten Pluto eingerichtet, in das man durch feuerfarbene Fenster hineinsehen konnte) als erstes Bauwerk im bewaldeten Bergrücken, möglicherweise ein Einweihungszentrum der frühen Rosenkreuzer. Jedenfalls erschienen die ersten beiden, in ganz Europa Aufsehen erregenden Schriften der Rosenkreuzer, „Fama Fraternitatis des löblichen Ordens des Rosenkreuzes“ und „Allgemeine und Generalreformation der ganzen weiten Welt“ 1614 in Kassel erstmals im Druck, wahrscheinlich in offiziellem Auftrag und vielleicht sogar unter direkter Beteiligung des Landgrafen, der Interessierte aus ganz Europa hierher gelockt haben soll. Ob die wirklich in der Plutogrotte Gott weiß was …?

Unausgewertete Konvolute
In diesem Artikel wimmelt es von Begriffen wie „angeblich“, „möglicherweise“, „soll“ – was daran liegt, dass die seriöse Historikerzunft noch immer gern ein Igitt ausstößt, wenn es um Dergleichen geht; und natürlich auch daran, dass die beteiligten Herrschaften ihre jenseitigen Unterfangen tatsächlich gern unter Verschluss hielten. Angeblich, um im Bild zu bleiben, sollen irgendwo umfangreiche Konvolute über die „paracelsisch-alchemistischen Arbeiten“ des Landgrafen und seines Kreises lagern, die noch nie jemand ausgewertet hat. (Paracelsus war ein legendärer Wunderheiler, auf den sich Esoteriker bis heute gern beziehen; einer seiner Vornamen lautete Bombastus.)

Oktogon verweist auf den Saturn
Ob Urenkel Karl (1670–1730, dazwischen gab es ein paar in diesem Zusammenhang uninteressante Wilhelms, von denen einer, um sich von den durchgeknallten Vorgängern abzuheben, den Beinamen „der Beständige“ trug) sich von okkulten Vorstellungen seiner Vorfahren inspirieren ließ, ist auch nicht so ganz klar. In seinem Auftrag wurde ab etwa 1700 der Bergpark angelegt, Kaskaden und Herkules erbaut, von letzterem zunächst nur das Oktogon, ein Achteck, das auf den Planeten Saturn verweist, unter dessen Zeichen die Stadt Kassel stehen soll. Die Kaskaden sind angelegt wie ein riesiges Wirbelsäulensystem eines liegenden Menschen, mit zwei Nervensträngen rechts und links des Rückgrats. Erst gegen Ende der Bauarbeiten tauchte die Idee auf, auf das Oktogon noch eine Pyramide mit der Herkulesstatue zu setzen. Da hatte sich Baumeister Giovanni Francesco Guerniero längst wieder nach Italien abgesetzt.

Kassel im Zeichen der Acht
Die Rosenkreuzer behaupten, dies alles beziehe sich auf alte Weisheiten, die in ihren Schriften erwähnt werden: Die Acht als Symbol für Saturn, unter dessen Zeichen Kassel laut „geistiger Astrosophie“ steht, die Pyramide als „konzentriertes Kraftzentrum“, deren Spitze als das „höchste zu erreichende Ziel“, der Herkules stehe für die „zwölf befreienden Taten des Herakles“ (z.B. den „Augiasstall“ auszumisten), der sich dem „wahren Weg der Tugend verpflichtet“ habe, und die beiden Nervenstränge seien etwas namens „Nervus Sympathicus“, das „neue Nervensystem“ eines „neuen Menschen“.

Auskunftsfreudige Rosenkreuzer
Von alledem kann man natürlich halten, was man will. Aber dass Generationen hessischer Landgrafen solches oder Ähnliches geglaubt haben und die von ihnen hinterlassenen Bauwerke davon beeinflusst sind, ist sehr gut möglich. Schließlich ist ein in dänischen Diensten stehender Prinz Karl von Hessen-Kassel, Schwieger- und Großvater dänischer Könige, Gründungsmitglied der Illuminaten gewesen und auf den berüchtigten Grafen von Saint-Germain hereingefallen, dessen letzter Gönner er war (endlich mal Fakten). Die Rosenkreuzer gibt es übrigens heute noch in Kassel, sie betreiben ein Schulungszentrum namens Lectorium Rosicrucianum in der Garde-du-Corps-Straße, woran gar nichts Geheimnisvolles mehr ist, helle, freundliche Räumlichkeiten mit hellen, freundlichen, überaus auskunftsfreudigen Menschen, übrigens im selben Gebäude wie der Kasseler Krimiverlag prolibris. Rätselhaft ist lediglich eine Aufschrift an den Toiletten: „Vorsicht! Bitte nichts entleeren wegen Häcksler!“ Wer weiß, was da in den Abgründen lauert?


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