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Kassel und Kurhessen königlich erleben



Ewald Griesel: Gelegentlich die Perspektive wechseln

5. März 2009 | Von | Kategorie: Kommentare und Grußworte 
Ewald Griesel

Ewald Griesel

Derzeit steht Charles Darwin wegen seines 200. Geburtstages hoch im Kurs. „Ich glaube, ich habe das Prinzip gefunden, durch das sich die Arten ihren jeweiligen Zwecken anpassen“ gestand er 1844 einem Vertrauten. Die komplexe Welt mit ihren Risiken und Chancen hat uns Menschen die Entwicklung eines ungemein reichhaltigen Reservoirs an Sinnen und Fertigkeiten abgefordert, die schlicht Bewunderung auslöst. Viele Mechanismen sowie die uns reichlich vermittelten und selbst gewonnen Erfahrungen bergen allerdings die Gefahr, sich zu sehr auf Vertrautes, Gewohntes oder Bewährtes zu verlassen. Und wer sich daran festklammert, erhebt das Statische sogar zur Handlungsmaxime.

Zur Anpassung der Art „Mensch“ gehört zweifellos die Fähigkeit, die „Dinge“ im weitesten Sinne aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und daraus wertvolle Schlüsse zu ziehen. Querdenker, jemand, der gegen den Strich bürstet, Kreative, Innovative – dies sind Etiketten für Menschen, die einer Gemeinschaft, einem Unternehmen oder gar der Menschheit revolutionäre Erkenntnisse verschaffen bzw. neue Wege weisen. Beispiele für Menschen, die in diesem Sinne in unserer Region gelebt und gewirkt haben, lassen sich mühelos finden – sie prägten das geistige Profil unseres Lebens- und Wirkungsraumes, aber sie ließen sich hier auch inspirieren, beeindrucken, mitreißen.

Aufzählungen bergen die Gefahr der Unvollständigkeit und Ungerechtigkeit, aber Jobst Bürgi, Denis Papin, Georg Forster, die Brüder Grimm, die Familie Henschel, Wilhelm („Heissdampf-“) Schmidt, Paul-Julius von Reuter und Unternehmerpersönlichkeiten vom Format Braun, Thonet, Viessman, Hübner, Rohloff oder des SMA-Vorstandes fallen dem einen oder anderen schnell ein.  In diesem Beitrag geht es nicht ums Revolutionäre oder Bahnbrechende. Es geht darum, sich faszinieren zu lassen, wenn und weil man Gegenstände, Entwicklungen, Sachverhalte ebenso wie Historisches mal bewusst aus einer anderen Perspektive besieht.

Gern unterlege ich diese Aufforderung einmal mit einer persönlichen Empfindung. Eine Gegend in Russland, zumal einige tausend Kilometer aus unserer Sicht „hinter“ Moskau, liegt für die Meisten von uns im Dunklen. Wer kann sich das Uralgebirge als interessante, spannende touristische Destination vorstellen? Der Perspektivenwechsel ist für mich frappierend gewesen: Ich schlage dort die Augen auf und in Europa geht die Sonne auf! Die hessischen Wecker läuten erst sechs Stunden später. Für Momente wird bewusst: Was von mir dort an Naturwundern, touristisch Einmaligem entdeckt und erlebt wird, erfährt mein Telefonpartner erst Stunden später.

Goethe, doch wahrlich als Universalgenie unumstritten, urteilte 1786 im Kontext seiner Italienreise über die Wilhelmshöher Wasserspiele so: „… ein Nichts um Nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz … Das steht nun alles totgeboren da, denn was nicht eine wahre innere Existenz hat, kann nicht groß sein und groß werden.“ Der neue Kasseler Ansatz, sich um die Anerkennung als UNESCO Weltkulturerbe zu bewerben, stützt sich auf die technischen Finessen, die seit nahezu 300 Jahren immer noch funktionieren und das Fließen von Wasser zum kolossalen Erlebnis werden lassen. Eine neue Perspektive nötigt Respekt vor denjenigen Menschen ab, die wir heute Ingenieure nennen. Sie setzten das übersteigerte, ehrgeizige Wollen eines Barockfürsten in technische Lösungen um, die uns heute noch faszinieren. Ein Lichtblick für jene Mitbürgerinnen und Mitbürger, deren Wahrnehmung von der Museumslandschaft Kassel über den „fürstlichen Kosmos“ hinausgeht und die mit einem Technik-Museum deutlich machen wollen, dass Erfinder- und Unternehmergeist unsere Wirtschaftsregion zur Blüte gebracht haben.

Ein weiteres Beispiel: Milliarden Menschen rund um den Globus sind mit den Märchen der Brüder Grimm aufgewachsen und erwachsen geworden. Unauslöschlich sind die Bilder, die auch die Mächtigen der Welt in ihrem Gedächtnis bewahren. Unverschüttbar sind Figuren und Vorstellungen von Orten, die in den Texten erwähnt sind. Doch wie zäh gestaltete sich der Perspektivenwechsel, im „Kinderkram“ die Chancen einer Weltmarke zu erkennen (das darf nunmehr als akzeptiert angesehen werden), jedoch daraus auch ökonomischen Nutzen zu ziehen. Wenn Globalisierung und Vernetzung vor allem starken Marken nutzen, müsste sich einer schlichten Logik folgend die „Heimat der Brüder Grimm“ als Wirtschaftsstandort in profilierender Weise herausheben lassen!

Der letzte Aspekt kann schon ein paar Minuten nach diesem Lesen faszinierende Effekte zeigen: Sehen wir die von uns entfalteten beruflichen und wirtschaftlichen Wirksamkeiten doch mal wieder aus der Perspektive unserer „Kunden“ (Achtung: Auch unsere Kolleginnen und Kollegen sind „Lieferanten“ und „Abnehmer“): Wir werden zugeben müssen, dass es erforderlich ist, mit unseren Leistungen, unserem Qualitätsniveau sowie unseren Garantieversprechungen ständig nach guten und besseren Resultaten zu streben!

Der Art „Mensch“ erschließt sich zur „Anpassung an ihren jeweiligen Zweck“ mehr als das Evolutive, nämlich das Vermögen, komplexer als andere Arten zu denken. Bewusst neue Perspektiven einzunehmen, gehört dazu.

Ewald Griesel

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