Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Sanfter Leisetreter mit viel Turbo-Druck

2. Juli 2015 | Von | Kategorie: Mobil 

Im Jérôme-Test: Der neue Kia Sorento des Autohauses Dürkop
Diesmal habe ich alles anders gemacht. Ich habe keine Literatur gewälzt, keine Fahrberichte gelesen, keine Vorab-Info eingeholt. Ich wusste nur: Den neuen Kia Sorento werde ich testfahren. Was ich nun, nach dem Fahren, weiß, das sind drei Dinge. Erstens: Nicht jeder Autohersteller versteht unter Facelift das Gleiche. Zweitens: Auch, wenn ich das Vokabular eigentlich ablehne – ein Angriff auf die großen SUVs der gehobenen Klasse ist dieses Auto allemal. Für dieses Fahrzeug braucht man kein lästiges Handbuch. So etwas nennt sich intuitive Bedienung.

Foto: Bernd Schoelzchen

Foto: Bernd Schoelzchen

Größe auch für Große
Erster Eindruck: Größe. Wuchtig und kompakt kommt das silbergraue Auto daher, und dennoch wirkt der Sorento weder plump noch bullig. Im Gegenteil. Während Kia seinem Top-Modell noch runde zehn Zentimeter mehr an Länge spendierte, wurde die Hälfte davon in der Höhe eingespart. Und dennoch – auch 1,90er-Typen stoßen nicht am Autohimmel an, und auch mehr als genug Platz gibt es für Menschen mit langen Beinen. Überhaupt: Platz. Während im Zeitalter der gnadenlos windkanalgestromten Autos jede Bierdeckelgröße hinter den Rücksitzen noch immer fälschlicherweise mit einer der vielen Wortspielarten des Begriffes Kombi bezeichnet wird, hat dieser Sorento tatsächlich etwas zu bieten. Einen stattlichen Einkauf für die Großfamilie schluckt der überaus großzügige Kofferraum mit einem asiatisch-freundlichen Lächeln, und von Hobbies und Freizeit bis hin zur businessorientierten Nutzung gibt es kaum etwas, das dieses Lächeln vertreiben könnte. Selbst hinter einer dritten Sitzreihe, die für 900 Euro Aufpreis auf Wunsch erhältlich ist, bleibt noch immer ein ansehnlicher Stauraum übrig.

Alles, was nötig ist
Haben sich die Türen erst einmal mit einem satten, aber gedämpften Plopp hinter dem Fahrer geschlossen und nervenden Alltagslärm ausgesperrt, fällt als erstes die herrschende Ordnung ins Auge. Ich habe über die Jahre schon viele Autos gefahren und, je neuer die Autos sind, mich immer mal wieder gefragt, wo denn jener gerade benötigte Knopf wohl angebracht oder wozu dieses lustige aber nichtsdestotrotz kryptische Zeichen wohl gut sei. Nicht so im Kia Sorento. Nach dem wohltuenden So-viel-wie-nötig-und-sowenig-wie-möglich-Prinzip weiß man auf Anhieb, mittels welcher Taster das Lenkrad beheizt und das Glasdach freigelegt oder gar nach hinten gefahren wird. Öffnet man Letzteres, lässt man zwar die zuvor ausgesperrten Außengeäusche wieder hinein, gewinnt aber ein Fahrgefühl, das eher an Cabriofeeling statt an eine Schiebedachnotlösung erinnert. Wer ein solches Auto konzipiert, der hatte ganz offensichtlich weniger im Sinn, seine eigenen Ingenieure und Entwickler glücklich zu machen als vielmehr die Fahrer solcher Autos. Und verkehrssicher ist es zudem, die Zeit auf der Straße nicht mit lustigen Such- und Ratespielchen zu verbringen.

Extrem viel Kofferraum fürs Geld- und eine dritte Sitzbank passt auch noch rein. Foto: Bernd Schoelzchen

Extrem viel Kofferraum fürs Geld- und eine dritte Sitzbank passt auch noch rein. Foto: Bernd Schoelzchen

Ein flüsternder Reisender
Scheiden werden sich die Geister an der Motorisierung. Setzen viele Hersteller noch immer auf die gepflegten und kaum noch zeitgemäßen Anachronismen von sechs Zylindern und möglichst viel Leistung, setzt Kia auf den fast flüsternden 2,2-Liter-Diesel, der im Grunde seines Herzens nur eines ist: Ein gutmütiges Aggregat, das cruisen zum Lebens- und Reiseprinzip erhebt. Es ist aber beim Auto wie beim Menschen. Auch den Sanftmütigsten sollte man nicht ständig reizen. Wenn es sein muss, dann erwacht der Turbolader im Flüsterdiesel grimmig knurrend zum Leben, bringt seine 441 Newtonmeter Drehmoment ins Spiel und erreicht Tempo Hundert in 9,4 Sekunden – schneller noch, als das Werk versprochen hatte.

Spaß im Wechsel
Die Sechsstufenautomatik des Kia Sorento verstärkt das Cruisergefühl erheblich. Fein gleitende Gangwechsel sind sowohl innerhalb des Stadtverkehrs ein Segen wie auch auf gewundenen und ansteigenden Landstraßen. Wer es hektischer mag oder braucht, der hat neben dem Bleifuß zusätzlich die Wahl des Fahrmodus. Lässt sich die Langstrecke gemütlich und energiesparend im Eco-Modus bewältigen, so spricht der Sorento bei Anwahl des Normal-Modus schon griffiger an, und im Sport-Modus schließlich ist man schon mal gern etwas schneller unterwegs. Dann kommen auch die perfekt funktionierenden Bremsen ins Spiel, die nie Unsicherheit aufkommen lassen. Das fein abgestimmte Fahrwerk bringt weder Auto noch Fahrer selbst auf schwieriger und gewundener Strecke ins Schwitzen. Auch auf schlechter Fahrbahn lässt sich der Sorento nur schwer erschüttern, gleicht Unebenheiten locker aus und macht selbst im moderaten Gelände eine gute und rüttelarme Figur.

Viele gute Ideen ohne Aufpreis
Der Kia wäre kein Asiat, gäbe es nicht die kleinen Gimmicks, die seinem Fahrer das Leben, pardon: das Fahren erleichtern. Die Oberschenkelstütze ist eines von ihnen, die auf Knopfdruck im frei wählbaren Winkelgrad die Knie stützt und somit das Bewältigen von Langstrecken deutlich erleichtert. Überhaupt sind die Sitze äußerst bequem, bieten guten Seitenhalt und lassen sich, längst gehobener Standard, wahlweise beheizen oder belüften. Weich geschäumte Oberflächen lassen knitteriges Plastik aus längst vergangenen Tagen nicht vermissen, Knöpfe und Tasten sind sauber eingepasst und arbeiten butterweich und präzise.

Sicherheit im Display
Wer vier Meter achtundsiebzig Autolänge unfallfrei bewegen will, der kann im Kia Sorento Platinum auf das übersichtlich gestaltete Infotainment-System zurückgreifen. Dieses bietet unter anderem den Blick von oben auf das Auto, möglich gemacht durch die 360-Grad-Kamera – ungemein hilfreich überall dort, wo sich das Rangieren in engen Straßen durch niedrige Zäune oder Ähnliches zum Ärgernis ausweiten kann. Spurwechsel- und Spurhalteassistent, Querverkehrwarner, Verkehrszeichenerkennung, radargesteuerter Abstandsregeltempomat – versteht sich von selbst. Die einzige Mühe, die ich mit dem Kia Sorento Platinum hatte, war jene, ihn wieder zu Dürkop nach Waldau zurück bringen zu müssen. Schade! So viel Auto-Wohlfühlgefühl hatte ich selten.

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