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Kolumne: Kalorienzählen kann schaden

19. Dezember 2014 | Von | Kategorie: Petra Nagels Kolumne 

Neulich im Zug. Zwei Frauen schräg gegenüber. Ich sah nur die Hinterköpfe. „Und dann stehe ich vor den Süßigkeiten und esse sie“, erzählte die eine. Und fügte an: „Und dann verachte ich mich dafür.“

Petra Nagel. Foto: Mario Zgoll

Petra Nagel. Foto: Mario Zgoll

Oje. mir blieb das Stück Schokolade im Hals stecken, das ich mir gerade gönnte. Was für ein Satz „Und dann verachte ich mich dafür.“ Wieso sollte man sich für Appetit und Hunger verachten? Meines Wissens ist Essen überlebenswichtig. Ohne geht es nicht. Trotzdem ließ ich das zweite Stück Schokolade geschockt in der Tasche stecken. Die beiden Frauen stiegen beim nächsten Halt aus, ich warf einen Blick auf sie: wie erwartet waren sie rank und schlank. Jedenfalls in meinen Augen. Hätte ich gefragt, sie hätten mir wahrscheinlich etwas von „verdeckten Fettpölsterchen“ und „Schwimmringen“ erzählt. Ich kann es nicht mehr hören. Als ich der Fleischereifachverkäuferin meines Vertrauen kürzlich erzählte, ich gehörte zu den essenden Frauen, strahlte sie mich an. Ja, ich oute mich: Ich esse gern. Ich verachte mich nicht dafür. Jedenfalls meistens nicht. Und ich liebe Süßigkeiten. Nun ist es raus. Wenn ich Ihnen jetzt noch sage, dass ich nur sehr bedingt und eingeschränkt Sport treibe und keine Angst habe in Läden das Wort „Größe 44“ auszusprechen, verachten Sie mich dann auch? Ich kann noch anfügen, dass ich Marzipan liebe. Besonders das ohne Schokolade oder das mit Zartbitter.

Und Dominosteine. Ich freue mich schon deshalb auf die Weihnachtszeit. Es ist kein übermäßiger Konsum. Ich mag auch Obst und leckere Pasta-Gerichte. Mir gefällt es übrigens auch, wenn die Teller nicht so schick übersichtlich aufgebaut sind. Ich mag es, ein Sättigungsgefühl zu spüren. Ohne gleich vor Schreck über das „waahnsinnig mächtige Essen“ Fastentage einzulegen.

Ich glaube, es ist falsch sich für den Hunger auf Dominosteine zu verachten. Oder den Hunger auf Wurst, Käse oder sonstige Nahrungsmittel. Meine Güte, wenn ich mal fünf Dominosteine am Stück esse, begehe ich dann irgendeine Straftat?

Leider zähle ich auch zu den Frauen, die gern alles aufessen, was ihnen schmeckt. Ich mag nicht teilen. Keine Kuchenstücke und auch keine Schokoriegel. Ich gebe gern ab. Das ist allerdings etwas anderes. Was ich gar nicht leiden kann ist die Ansage: „Ach, das ist doch viel zuviel für mich.“ Man muss ja nicht aufessen. Aber meistens ist es für mich nicht zuviel. Ich will mich nicht dafür zieren und entschuldigen. Ich will einfach nur genießen und satt werden. Bitte tun Sie mir einen Gefallen und verachten Sie sich nicht für Ihren Appetit auf 1.000 Köstlichkeiten – und wenn die zwei Frauen aus dem Zug diese Zeilen lesen: Sie sehen gut aus und Spaß am Leben macht auch schön!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen entspannte Festtage ohne Kalorienzählen, Ihre Petra Nagel

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