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Wortbrötchen und Sprachgefühle

9. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Petra Nagels Kolumne 
Foto: Mario Zgoll

Foto: Mario Zgoll

Komm zum Frühstück vorbei, es gibt frische Brötchen. Diesem Angebot kann ich nicht widerstehen. Das Wort „Brötchen“ übt einen magischen Reiz auf mich aus. Die krümelnden, knackigen Mini-Brote stehen für vieles, was mich entspannt: Wochenende, Zeit, Gemeinsamkeit. Sprache kann so viel. Und ist so viel mehr als dahingesagte Buchstaben. Wenn es Brötchen gibt, gibt es auch das volle Paket Wohlfühlen, jedenfalls für mich. Ebenso ist das mit Freitag. Der Tag, der ganz zielstrebig das „Frei“ andeutet. Egal, ob ich am Wochenende arbeiten muss oder nicht: der „Frei-Tag“ ist mir allein schon vom Wort sympathisch. Er vermittelt Freiheit und Behaglichkeit. Der Dienstag ist irgendwie indifferent und der Mittwoch deutet immerhin schon die Wochenmitte an.Übrigens geht es mir mit dem Wort Freibad ähnlich: Das Wort erinnert mich an heiße Sommer, lange Ferien und ganz viel Freizeit und Freiheit. In nassen Badeanzügen, mit Eis in der Hand. Badeanstalt als Ersatzwort kann da nicht mithalten. Niemals. Gegen manche Worte habe ich eine Klang-Aversion, die sich auch auf den Bauch auswirkt: Estragon klingt für mich nicht und es schmeckt mir auch nicht. Und Spritzgebäck war mir immer schon unsympathisch, weil es sich so beliebig anhört. Austauschbar, in Mengen produziert. Ist ja auch so. Nicht so schön wie „Zimtsterne.“ Deren Form mir schon als Name sympathisch ist. Sie finden immer den Weg in meinen Magen. Nicht aber „Königsberger Klopse“. Ich mag das Wort „Klops“ irgendwie nicht. Also Klops und Hops und auf diese Speise verzichtet.

Kein Wunder also, dass sich unglaublich viele Menschen mit dem Erfinden von Produktnamen befassen. Was klingt gut in unseren Ohren, was verbinden wir damit? Gutes, Aufregendes, Schnelles, Weltbewegendes? „Noch etwas von dem Sößchen und ein paar Kartöffelchen?“ Wenn ich das von Kellnern höre, verlasse ich innerlich den Tisch. Ich möchte Kartoffeln, keine Kindergarten-sprache. „Kartöffelchen“ machen mir schlechte Laune. Sie entmündigen mich kulinarisch, das mag ich gar nicht. Auch „Blüschen“ ziehe ich nicht gern in Umkleide-Kabinen an. Als erwachsene Frau habe ich schon lieber Blusen anstatt Blüschen. Um zum Anfang der Kolumne zurückzukehren: Das Zauberwort „Brötchen“, getoppt noch von „Frischen Brötchen“ an einem Montagmorgen ausgesprochen, lässt mich gute Laune bekommen. Dazu passen so schöne Wörter wie „Rührei“, „Honig“ und „Orangensaft“.

Sprache kann eben viel …

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