Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben


„Wer mit dem Teufel essen geht, braucht einen langen Löffel”

13. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Porträt 

Rundumschlag: Hans Eichel über seinen bevorstehenden 70. Geburtstag, seine Zeit als Juso, das Staatstheater, über Griechenland und über den Euro. „Der Schuldenschnitt für die Griechen war ein gravierender Fehler.“

Plauderton: Hans Eichel in seinem Haus im Vorderen Westen. Foto: Mario Zgoll

Plauderton: Hans Eichel in seinem Haus im Vorderen Westen. Foto: Mario Zgoll

Der ehemalige Kasseler Oberbürgermeister, hessische Ministerpräsident und Bundesfinanzminister empfängt ganz entspannt mit offenem Kragen in seinem Haus im Vorderen Westen. Selbst der Name steht an der Klingel, wie bei ganz normalen Leuten. Sicherheitspersonal hat er seit Jahren nicht mehr. Der frühere Minister ist allein zu Haus, seine Frau ist arbeiten, also kämpft Hans Eichel höchstpersönlich mit einer dieser neuen Kaffeemaschinen, ohne durchschlagenden Erfolg. „Muss ich mich etwa umdekorieren?“, fragt er, als er die Kamera erblickt, Schlips und Kragen? Ach wo, wir wollen doch nur ein bisschen plaudern. Heraus kommt eine zweistündige Tour d`Horizon, die natürlich in der aktuellen Krise gipfelt, die, wie er sagt, gar keine Krise des Euro ist. Dazu später. Eichel, gar nicht der dröge Hans, sein Image in den Medien, erzählt fesselnd und witzig, nur ein Stichwort, schon geht es los.

Von Weihnachtsmann zu Weihnachtsmann
Dass der Mann demnächst siebzig wird, merkt man ihm nicht an. Übrigens an Heiligabend. „Früher, als OB, haben wir das immer auch an dem Tag gefeiert, nachmittags, jedes Jahr in einer anderen Kasseler Kneipe. Mit dem Ergebnis, dass einige der Herren dann um fünf, als es Bescherung geben sollte, zu Hause sturzbetrunken ins Bett taumelten, und für Frau und Kinder war das Fest gelaufen. Irgendwann haben wir das auf den 27. verlegt und ich bekam Dankadressen von den Damen.“ So wird es auch diesmal laufen, wie seit Jahren schon bei seinem Lieblingsgriechen, unpompös wie der ganze Mann. Es gibt übrigens noch einen langjährigen OB mit demselben Geburtstag, Manfred Rommel aus Stuttgart, „ein guter Freund, wir gratulieren uns immer von Weihnachtsmann zu Weihnachtsmann“. Als Rommel sechzig wurde, schickte er Eichel eine offizielle Einladung – und kritzelte mit der Hand dazu: „Wenn ich Sie wäre, würde ich auch nicht kommen.“

Brandt schickte Heinemann vor
Früher mal war Eichel ein Linker, der die „Überwindung des kapitalistischen Gesellschaftssystems“ forderte, und fast ein Revoluzzer, zumindest intern. „Damals gab es so einen handzahmen Jusochef, den haben wir gestürzt, und bei der neuen Truppe, die den Verein weit nach links rückte, gehörte ich zum Vorstand.“ Später wurde er auch stellvertretender Vorsitzender. „Willy Brandt war gerade Kanzler geworden, und Hansjürgen Wischnewski war Geschäftsführer. Die hatten Angst, sich mit uns zu treffen, weil sie den endgültigen Bruch befürchteten. Also wurde Gustav Heinemann vorgeschickt, der Bundespräsident. Der empfing uns eines Morgens in Bonn in der Villa Hammerschmidt. Wir waren ja alle Akademiker, aber wir hatten einen Vorzeige-Arbeiter dabei, Loke Mernizka, einen Walzwerker aus dem Siegerland. Während wir noch unten warteten, meinte der: Soll ich beim Bundespräsidenten mal Scheiße sagen? Das fanden wir klasse. Oben begrüßte uns Heinemann der Reihe nach, und Loke fragte er, was denn die Walzwerker über die neue Regierung sagten. Der antwortete in seinem Dialekt,“ – Eichel imitiert gekonnt polterndes Siegerländisch – „die neue Regierung, schön und gut, aber sonst sagen die Walzwerker, alles Scheiße. Heinemann war ja nun ein bisschen betulich. Er schwieg ein paar Sekunden, während wir gespannt die Luft anhielten, und meinte dann: Sie sprechen aber ein bemerkenswertes Siegerländisch.“

Theater innen hervorragend
Doch das erste politische Engagement des Architektensohns (und auch -enkels), für den Architektur bis heute eine heimliche Liebe ist, war ein zutiefst konservatives: Es ging um den Erhalt des alten Staatstheaters, dem bis heute manche Kasseler nachtrauern. Der Kasten, der da jetzt steht, geht auf das Konto des Kasseler Architekten Paul Bode, nachdem bereits ein anderer Entwurf des berühmten Berliners Hans Scharoun angenommen und auch schon mit dem Bau begonnen worden war. Was da für Mauscheleien gelaufen sind, weiß Eichel bis heute nicht; aber sein Vater war Präsident des Ehrengerichts, das Bode daraufhin aus dem Bund Deutscher Architekten ausschloss. Und was hält nun jemand, der was von Architektur versteht, von dem Bau? „Heute sehe ich das differenzierter. Von außen ist er nicht sehr schön, das stimmt, aber innen hervorragend. Außerdem muss man wissen, was kaum noch jemand weiß, nämlich dass das wilhelminische Staatstheater erst 1913 gebaut worden ist, und es hat den nach einer Seite offenen Platz eigentlich verschandelt. Früher war da das Auetor. Mit dem neuen Theater wurde die historische Situation wieder hergestellt, und das Fenster ist seit der Documenta 1977 eine Referenz an das alte Auetor.“ Dass immer mal wieder, zum Beispiel bei der aufwendigen Restaurierung vor einigen Jahren, die Forderung auftaucht, man solle den Kasten abreißen, findet er unverständlich. „Ich fühle mich sehr wohl in unserem Staatstheater.“

Traditionell etwas lückenhaft
Wenn Hans Eichel dieser Tage noch im Fernsehen auftaucht, dann meist mit der alten Szene, in der er als Finanzminister im Bundestag die Aufnahme Griechenlands in die Eurozone begründet. „Also, erst mal vorweg: Mit Finanzkrisen hab ich schon in Kassel viel zu tun gehabt, und als Ministerpräsident war ich finanzpolitischer Sprecher der Länder. Die nächste Krise kommt garantiert, genau wie auch der nächste Aufschwung. Die Frage ist bloß, wann und wie groß?“ Aber, mal ehrlich, haben die Griechen denn damals gemogelt? Eichel wiegt bedenklich den Kopf. Die griechischen Statistiken seien wohl „traditionell etwas lückenhaft“, aber mogeln konnten sie gar nicht, denn „die Berichte von Europäischer Zentralbank und EU-Kommission, auf die wir uns verließen, stammten von unabhängigen Experten wie Wim Duisenberg, Otmar Issing und Pedro Solbes“. Und „wir“, das waren alle 17 Finanzminister der Eurozone. „Auch die CDU hat zwar im Bundestag dagegen, im Europaparlament aber dafür gestimmt.“

Manna vom Himmel
Nun muss er etwas ausholen: „Griechenland ist ein Agrarland, sonst haben sie Tourismus und ein bisschen Schifffahrt. Seit der Militärdiktatur, die sie in den 70ern als erste abschüttelten, lösen sich da meist ein konservativer Karamanlis und ein sozialistischer Papandreou ab. Das System ist in gewisser Hinsicht noch feudal, Klientelpolitik. Erinnern Sie sich an den vorletzten Papandreou mit seiner großbusigen Mimi, die er überall mit hinschleppte? Über den hat ganz Europa gelacht. Doch dann passierte etwas.“ Nämlich durchaus deutsch inspirierte Reformen, denn viele Intellektuelle haben in Deutschland studiert. So auch ein neuer Ministerpräsident (und Freund von Hans Eichel) namens Kostas Simitis, „dessen Bruder Spiros ist ja noch heute hier, der war mal bei uns in Hessen der erste Datenschutzbeauftragte der Welt. Jedenfalls, wir waren damals übereinstimmend der Ansicht, Griechenland unter Simitis hat es noch nicht ganz geschafft, aber die sind auf einem guten Weg.“ Doch wie es so geht in Demokratien, vier Jahre nach Eichels heute gern versendetem Auftritt im Bundestag „hat der nächste Karamanlis Manna vom Himmel versprochen und die Wahl gewonnen. Die Reformen wurden abgebrochen. Und nun haben sie wirklich gemogelt. Als der nächste Papandreou kurz nach seinem Amtsantritt mit den wahren Zahlen rausrückte, lag das Defizit nicht mehr bei sechs, sondern bei 15 Prozent.“

„Wir hätten die Griechen rauskaufen müssen“
Von den neuen Leuten, Lukas Papademos in Griechenland und Mario Monti in Italien, hält Eichel viel, er kennt sie gut, sie waren während seiner Amtszeit in der Europäischen Zentralbank bzw. in der EU-Kommission. „Zum Problem könnte nur werden, dass beide keine Politiker sind, und sie brauchen ja die Zustimmung ihrer Parlamente.“ Sofern sich die Eurozone aber politisch einigen kann, ist ihm um den Euro nicht bange. „Der Euro ist stabil, sogar ein bisschen überbewertet, und die Inflation ist niedriger als in den letzten Jahren der DM. Das Problem sind die Schulden. Und die Zinsen. Die sind für die Südländer so hoch, weil die Märkte meinen, wir könnten uns ja doch nicht einigen. Das könnte auch auf uns überschwappen, trotz unserer guten Daten. Die Amis und die Briten hingegen können sich neues Geld billig wie nie besorgen. Und warum? Weil sie, was ja auch richtig ist, ganz klar sagen, dass sie ihre Schulden immer zurückzahlen.“ Moment. Dann war der berühmte Schuldenschnitt für Griechenland ein Fehler? Eichel wird kurz heftig: „Sogar ein gravierender!“ Und dann für einen Moment förmlich: „In diesem Punkt teile ich voll und ganz die Position der EZB und der Bundesbank.“ Wir hätten, meint er, nun wieder flapsiger, „die Griechen rauskaufen und dann langfristig umschulden müssen. Wir brauchen Zeit, die Märkte geben uns aber keine Zeit. Deswegen brauchen wir einen Rettungsschirm ohne Limit. Verbunden mit dem klaren Hinweis an die Märkte: Dahinten steht der ganz große Kopierer, den können wir jederzeit anwerfen. Wenn wir da knallhart sind, brauchen wir das gar nicht.“ Aber ist das nicht gefährlich? Eichel hebt die Schultern. „Sie haben es da mit Spekulanten zu tun. Wer mit dem Teufel essen geht, braucht einen langen Löffel.“ Auch als Beobachter wird es dem Pensionär nach seinem runden Geburtstag nicht langweilig werden. Was nötig wäre, weiß er genau: „Wir brauchen eine europäische Wirtschaftsregierung. Eine gemeinsame Währung ohne gemeinsame Finanzpolitik, Sozialpolitik usw. kann auf die Dauer nicht funktionieren.“


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