Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Barockheldin aus Kassel

18. Mai 2015 | Von | Kategorie: Porträt 

Ulrike Schneider gehört dem Opernensemble des Staatstheaters an. Im Mai singt sie bei den Göttinger Händel-Festspielen die Titelpartie in „Agrippina“

Ziemlich wild muss es bei der Uraufführung von Georg Friedrich Händels „Agrippina“ zugegangen sein. Im Dezember 1709 kam die Oper in Venedig heraus und bescherte dem damals 24-jährigen Komponisten einen Riesenerfolg. Plastisch beschreibt Händels erster Biograf John Mainwaring die Publikumserregung: „Die Zuhörer wurden dermaassen bezaubert, dass ein Fremder aus der Art, mit welcher die Leute gerühret waren, sie alle miteinander für wahnwitzig gehalten haben würde. So oft eine kleine Pause vorfiel, schryen die Zuschauer: Viua il caro Sassone, es lebe der liebe Sachse! nebst anderen Ausdrückungen ihres Beyfalls, die so ausschweiffend waren, dass ich ihrer nicht gedenken mag.“

„Die Barockoper war damals eine Art Popmusik“, sagt die Sängerin Ulrike Schneider. Foto: Mario Zgoll

„Die Barockoper war damals eine Art Popmusik“, sagt die Sängerin Ulrike Schneider. Foto: Mario Zgoll

Angesiedelt ist das Erfolgsstück im antiken Rom, und Händel erzählt die Geschichte einer Mutter, die nur ein einziges Ziel kennt: Ihr Sohn Nero muss Kaiser werden. Als Agrippina das Gerücht erreicht, Kaiser Claudius – ihr Mann – sei bei einem Schiffbruch ums Leben gekommen, schlägt ihre Stunde. Selbst als sich die Todesnachricht als falsch herausstellt, bleibt sie ihrem Vorhaben treu, den Spross auf den Cäsarenthron zu hieven. Eine Intrigantin ohne Rücksicht auf Verluste.

Ab dem 15. Mai ist das barocke Dramma per musica bei den Internationalen Händel-Festspielen Göttingen zu erleben. Die Titelpartie übernimmt eine in Kassel bestens bekannte Sängerin: Ulrike Schneider, festes Ensemblemitglied des heimischen Staatstheaters, wird in Göttingen die Agrippina verkörpern.

Ulrike Schneider stammt aus dem westfälischen Hamm und absolvierte ihre Studien in Basel und Berlin. Die Mezzosopranistin gastierte unter anderem an der Hamburgischen Staatsoper, sie war am Theater Halle engagiert, und sie beeindruckte in Kassel mit einem breit gefächerten Repertoire von Vivaldi und Mozart über Wagner und Strauss bis zu Béla Bartók. Wir stellten ihr einige Fragen.

Jérôme: Frau Schneider, wie kam es zu Ihrem Engagement bei den Händel-Festspielen?

Ulrike Schneider: Vor allem Tobias Wolff, der geschäftsführende Intendant der Göttinger Händel-Festspiele, ist an den Produktionen des Staatstheaters Kassel sehr interessiert. Er kannte mich auch von anderen Auftritten, unter anderem beim Mitteldeutschen Rundfunk, und so wurde ich nach einer Kasseler Vorstellung von „Samson und Dalila“ gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, die Agrippina in Göttingen zu übernehmen.

Jérôme: Barockopern erfreuen sich heute einer enormen Beliebtheit, während sie im 19. Jahrhundert kaum aufgeführt wurden. Haben Sie eine Erklärung für diesen Barock-Boom?

Schneider: Ich denke, dass die sogenannte historische Aufführungspraxis mittlerweile eine große Natürlichkeit erreicht hat. Heute kann man wieder spüren, dass Barockopern auch einen ungemeinen Unterhaltungswert haben, und zwar in jeder Hinsicht. Auch die Inszenierungen sind inzwischen wohltuend entstaubt, die Sänger sind wunderbar anzuhören, es weht ein frischer Wind, der barocke Prunk, aber auch die Schlichtheit kommen zur Geltung. Das genießt ein breites Publikum. Immerhin war es auch schon damals eine Art Popmusik.

Jérôme: Das diesjährige Motto der Händel-Festspiele „Heldinnen!?“ ist mit einem Ausrufe- und einem Fragezeichen versehen. Warum?

Schneider: Wenn man zum Beispiel an Agrippina denkt, dann würde man sie als Titel-„Heldin“ bezeichnen, aber als Charakter ist sie alles andere als eine Heldin im moralischen Sinn. Daher ist die Zeichensetzung eine Hinterfragung dieser Behauptung.

Jérôme: Sie haben bereits Erfolge in Opern von Strauss und Wagner gefeiert. Wie wird eine Sängerin so vielseitig?

Schneider: Ich habe mich langsam in das „größere“ Fach gesungen, aber mir immer die Möglichkeit bewahrt, die Stimme flexibel zu halten. Das bedeutet vor allem Disziplin, Besuche beim Lehrer zur Kontrolle und das Bewusstsein, dass das eine Fach das andere nicht ausschließt.

Jérôme: In welchen Partien kann man Sie demnächst am Staatstheater Kassel erleben?

Schneider: In dieser Spielzeit werde ich noch Olga in „Eugen Onegin“ singen. In der kommenden Spielzeit singe ich Adalgisa in „Norma“, Brigitta in „Die tote Stadt“ und Clarisse in „Die Liebe zu den drei Orangen“, auch der Hänsel ist wieder dabei.

Jérôme: Verraten sie uns Ihren Lieblingsplatz in Kassel?

Schneider: Es gibt einen sehr schönen Platz an der Löwenburg, wo man auf Kassel schauen kann. Da bin ich sehr gern.

 www.haendel-festspiele.de

Tags: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar