Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Der Mann, der Evita nicht retten konnte

16. März 2011 | Von | Kategorie: Porträt 
Prof. Dr. Heinrich Otto Kalk. Foto: Archiv Kasseler Klinik

Prof. Dr. Heinrich Otto Kalk. Foto: Archiv Kasseler Klinik

Das damalige Stadtkrankenhaus auf dem Möncheberg, heute Klinikum Kassel, war oft die letzte Hoffnung für Schwerstkranke und zugleich eine optimale Ausbildungsstätte für junge Internisten. 1959 starb hier zum Beispiel der berühmteste Automobilrennfahrer der Vorkriegszeit, Rudolf Caracciola. Der legendäre Silberpfeil-Pilot hatte sich zu Tode gesoffen. Den weltweiten Ruf bei Leber-Patienten, die selbst aus Amerika und Japan anreisten, verdankte das Stadtkrankenhaus dem Internisten und Hepatologen Heinrich Otto Kalk, von 1949 bis 1963 Chefarzt der Medizinischen Klinik. Inkognito behandelte der Protestant in Rom Papst Pius XII., den er in seiner Berliner Zeit als Nuntius kennengelernt hatte. 1952 erreichte ihn ein Notruf der argentinischen Regierung, Kalk wurde in aller Eile nach Buenos Aires geflogen – ans Krankenbett der Frau des Präsidenten.

„Heinz“ Kalk, dessen Familie aus dem kleinen Ort Grandenborn im Werra-Meißner-Kreis stammt, war nach Aussage seines langjährigen Mitarbeiters und späteren Nachfolgers Egmont Wildhirt ein echter Tausendsassa, alles andere als ein Fachidiot; obwohl er mehrere Fachbücher schrieb, die bis heute als Standardwerke gelten. Er konnte die römischen Kaiser lückenlos aufzählen, besonders faszinierten ihn die Etrusker. Als junger Fechter wurde er hessischer Meister mit dem Säbel und noch 1952 Seniorenmeister im Degenfechten. Er war Flieger, soll einmal im Tiefflug über die Klinik gebraust sein und einen Zettel aus dem Fenster geworfen haben: „Macht eure Visite alleine, ich fliege heute.“ Als Militärarzt flog er persönlich die letzte Lazarettmaschine aus dem Kessel von Stalingrad heraus. Noch mit über 70 ließ er sich als einer der beiden ältesten Kasseler Piloten den Flugschein erneuern – der andere war Gerhard Fieseler, Erbauer des „Fieseler Storch“ und früherer Kunstflugweltmeister. Vor dem Krieg, als Oberarzt an der Berliner Charité, raste er mit dem Motorrad Treppen hoch und runter. Der Leberexperte verstand auch etwas von guten Weinen und edlen Schnäpsen. Mit seinen Berliner Assistenten suchte er einen Nachtklub mit gläsernem Pool auf, in dem nackte Nixen nach Münzen tauchten, die die Gäste hineinwarfen; Kalk, bei Gelegenheit durchaus dem zugetan, was beim Objekt seines medizinischen Interesses Schaden anrichtet, hüpfte im Smoking in den Pool. Er kleidete sich oft extravagant und fuhr 1951 den ersten Porsche auf Kassels Straßen. Als Präsident und Gastgeber eines Kongresses in Kassel verschlief er die Eröffnung – die Party am Vorabend mit reichlich „Pflümli“ in seinem schönen Haus in Wilhelmshöhe – Architekt war übrigens Hans Eichels Vater – hatte bis fünf Uhr morgens gedauert.

Abenteuerlich muss die Reise nach Buenos Aires Anfang der 50er Jahre gewesen sein, von der Heinz Kalk hinterher seinem Kollegenkreis berichtet hat. Er reiste gemeinsam mit dem Kölner Kardiologen Uhlenbruck ja nicht in einer modernen Linienmaschine, sondern in einem vergleichsweise kleinen Regierungsflugzeug, das den brutalen Wetterbedingungen über dem Südatlantik, die noch vor wenigen Monaten zum geheimnisvollen Verschwinden einer französischen Passagiermaschine führten, eigentlich gar nicht gewachsen war. Damit kannte sich der Hobbyflieger schließlich aus.

Doch die legendäre Evita, die von ganz unten kam und als beliebte Gattin des argentinischen Präsidenten Juan Peron über viele Jahre hinweg dessen Macht sicherte, war nicht mehr zu retten. Der Leberkrebs hatte längst überall Metastasen gestreut. Als Kalk an ihr Bett trat, sagte sie, angeblich auf Deutsch (weiß der Himmel, wo sie das gelernt hat): „Doktor, du hast so traurige Augen, jetzt weiß ich, dass ich sterben muss.“ Mit ihrem Tod schwand auch die Beliebtheit ihres Mannes, und Argentinien fiel zurück in eine Zeit von Diktatur und Anarchie. Doch bis zum heutigen Tag zählt sie zu den legendären Frauengestalten des 20. Jahrhunderts.Die Tatsache, dass ausgerechnet ein Kasseler Spezialist an das Totenbett von Evita Peron gerufen wurde, zeigt den hohen Rang, den Kassels Medizin in den 50er Jahren besaß. Heinz Kalk starb 1973 in Kassel, im Alter von 78 Jahren. Eine Spezialklinik in Bad Kissingen trägt heute seinen Namen. Es ist an der Zeit, auch hier die Erinnerung an Heinz Kalk wiederzubeleben, der zu seiner Zeit als der bedeutendste Experte für Leberkrankheiten weltweit galt – und der durch seine überwältigende Präsenz nicht nur die Klinik, sondern auch die Stadt bereichert hat.

Dies ist der letzte Artikel, den Klaus Becker vom Krankenbett aus dem Gedächtnis für Jérôme diktiert hat. Auf seinen Wunsch hat Volker Schnell den Text seines alten Freundes, Mentors und Kollegen etwas erweitert und poliert.

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