Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Er kämpft für einen Besucher mehr

19. Oktober 2011 | Von | Kategorie: Porträt 

documenta-Geschäftsführer Bernd Leifeld

Bernd Leifeld. Foto: Mario Zgoll

Bernd Leifeld. Foto: Mario Zgoll

Die Vorbereitungen für die dOCUMENTA (13) laufen auf Hochtouren. Im Büro von Bernd Leifeld im Dachgeschoss des Westflügels im Museum Fridericianum brennt noch bis in die späten Abendstunden Licht. „Unter 13 Stunden Arbeit am Tag geht im Moment nichts“, sagt der 62-Jährige. Seit dem 1. Januar 1996 ist er Geschäftsführer der „documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs GmbH“, die alle fünf Jahre die weltgrößte Ausstellung für zeitgenössische Kunst in Kassel organisiert. Vom 9. Juni bis zum 16. September 2012 findet die 13. documenta-Ausgabe statt. Die künstlerische Leitung liegt in den Händen der Amerikanerin Caroly Christov-Bakargiev.

„Zusammenbruch und Wiederaufbau“ ist ein Thema der Ausstellung. „Ein übergeordnetes Thema, ein Leitmotiv, gibt es aber nicht“, betont Leifeld. Die Ausstellung ist eine Zusammenführung vielfältiger Materialien, Methoden und Wissensformen. Über allem steht die Freiheit der Kunst. Vor allem dieser Aspekt ist Leifeld wichtig. „Die documenta ist eine Ausstellung, die sich jedes Mal neu erfindet“, erklärt er. Und die documenta-Leiter haben in dieser Hinsicht eine enorme Freiheit. Das ist der große Unterschied zu anderen Kunst-Ausstellungen.

Öffentlichen Raum stark nutzen
Mehr als 100 Künstler aus der ganzen Welt hat Christov-Bakargiev zur dOCUMENTA (13) eingeladen. Die Ausstellungsorte werden fußläufig rund um das Fridericianum erreichbar sein. Standorte der Kunstschau sind unter anderem Kinos aber auch Festsäle aus den 1950er Jahren. Vor allem der öffentliche Raum soll für die Kunstschau stark genutzt werden. So werden etwa die Ausstellungsorte am Hauptbahnhof erweitert und im Auepark wird eine Vielzahl von Skulpturen zu sehen sein. Mehr will Leifeld nicht verraten. Auch inhaltlich hält er sich bedeckt. „Ich habe keine Ahnung von Kunst, ich mache sie nur möglich“, sagt er und lächelt.

1996 übernahm er als Krisenmanager die Geschäftsführung „documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs GmbH“. Sein Vorgänger hatte im Vorfeld der 10. documenta vorzeitig das Handtuch geworfen. „Mein Job war es, ein Klima für die Ausstellung zu schaffen“, erzählt er. Damals war er viel unterwegs, hat Vorträge gehalten und für die Kunstschau geworben. Mit Erfolg. Seit dem wurden seine Fünf-Jahres-Verträge stetig erneuert.

Lehramt und Theater
Bernd Leifeld wurde in Heggen geboren und studierte Germanistik, Theaterwissenschaft und Pädagogik in Köln und Berlin. Nebenbei arbeitete er als Regieassistent am Theater. Das Studium schloss er 1975 mit der Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien ab. Seine erste eigenständige Regie führte er 1976 bei den Wuppertaler Bühnen. 1980 war er Dramaturg bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen, wurde anschließend Schauspieldirektor am Staatstheater Kassel und war von 1984 bis 1991 Intendant am Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen. Dann folgte ein Lehrauftrag für Dramaturgie an der Univerisität Tübingen. Zudem arbeitete er als Lektor an der Universität Basel. Von 1993 bis 1995 war der einfache Familienvater Dramaturg und Schauspieldirektor am Theater Basel.

Worldly Companions
An einer Theaterleitung ist Leifeld heute nicht mehr interessiert. „Bei meiner jetzigen Tätigkeit kann ich sehr viel gestalten, und ich identifiziere mich sehr mit dieser Institution“, sagt er. Vor allem die Vermittlung der Kunst sieht er als integralen Bestandteil der documenta. Für die kommende Ausstellung sucht er beispielsweise 100 Personen aus Kassel oder mit einer besonderen Verbindung zu Kassel, die die Besucher in den 100 Tagen durch die Ausstellung führen. Sie werden als „Worldly Companions“, weltgewandte Begleiter, bezeichnet und erhalten ein spezielles Training für diese Aufgabe. Zudem finden bereits im Vorfeld eine Reihe künstlerischer Akte und Gesten statt, darunter sind die sogenannten Notizbücher „100 Notizen – 100 Gedanken“, die sich aus verschiedenen Formaten zusammensetzen und dem Leser einen Einblick in die Methoden geistiger Arbeit eröffnen sollen.

Kein Konsumtempel
Die Qualität der Ausstellung steht für Leifeld im Mittelpunkt. Er versteht sie auch als eine Art von Bildungs-Institution. „Die documenta ist aber kein Konsumtempel, sondern setzt auf Diskurs, Auseinandersetzung mit der Kunst“, betont er. Das sei auch beim Publikum angekommen. Die Menschen, die zur documenta kämen, seien bereit, sich bilden zu lassen. Die vergangene documenta besuchten 700.000 Menschen, davor waren es 600.000. „Wenn wir im kommenden Jahr auch nur einen Besucher hinzugewinnen können, bin ich glücklich“, sagt er. Und um diesen einen Besucher kämpfen er und sein Team – 13 Stunden am Tag.

Tags: , , , , ,

Schreibe einen Kommentar