Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Große Ehre für Professor Melchior

13. Juli 2015 | Von | Kategorie: Porträt 

Ärzteschaft zeichnete den Kasseler Mediziner mit der ParacelsusMedaille aus
Im Mai wurde Prof. Dr. Hansjörg Melchior die Paracelsus-Medaille, die höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft verliehen. Der ehemalige langjährige Direktor der Klinik für Urologie des Klinikums Kassel nahm sie während des 118. Deutschen Ärztetages in Frankfurt am Main entgegen. Für Prof. Dr. Hansjörg Melchior (77) ist diese Auszeichnung eine Bestätigung seiner Leistung. „Es zeigt, dass nicht alles für die Katz war“, sagt der Urologe schmunzelnd. Er war ein leidenschaftlicher Mediziner, für den der Beruf stets Berufung war. Ein Visionär, der sich sein Leben lang fachwissenschaftlich und berufspolitisch engagiert hat.

Das Wohl der Patienten im Blick

Prof. Dr. Hansjörg Melchior. Foto: Mario Zgoll

Prof. Dr. Hansjörg Melchior. Foto: Mario Zgoll

Vor allem die bessere Versorgung urologisch erkrankter Patienten hat ihm am Herzen gelegen. Maßgeblich hat er dazu beigetragen, das Thema Inkontinenz aus der Tabuzone zu holen. Seinem Einsatz in vielen Fachgesellschaften, die er größtenteils mitbegründet hat, ist es zu verdanken, dass die Urologie in der Medizin heute einen hohen Stellenwert hat.

„Dass ich Arzt werden würde, war mir nicht von vornherein klar“, erzählt Melchior. Eigentlich habe er Naturwissenschaftler werden wollen: „Am liebsten wäre mir wohl der Nobelpreis in Atomphysik gewesen.“ Fünf Semester Physik studierte er an der Philipps-Universität in Marburg, bis er spürte, dass das reine Laborleben nichts für ihn ist, sondern dass er mit Menschen arbeiten möchte.

„In der Medizin konnte ich mein naturwissenschaftliches Interesse mit dem Kontakt zu Menschen verbinden“, sagt er und hat es stets zu ihrem Wohl genutzt. Melchior hat die Apparatemedizin nie in den Mittelpunkt gestellt. Ihm ging es darum, die neuesten Erkenntnisse aus Forschung und klinischem Alltag konkret und zukunftsgerichtet für Diagnostik und Therapie zu erschließen. Eine Auffassung von der auch der Ruf der Klinik für Urologie am Kasseler Klinikum seit 1977 profitierte, deren Chefarzt er 27 Jahre war.

Sammler zeitgenössischer Kunst
Ein Blick durch sein Haus macht seine zweite Leidenschaft offenkundig: zeitgenössische Kunst, die er gemeinsam mit seiner Frau, der Galeristin Karin Melchior, sammelt und fördert. Bilder, Graphiken, Plastiken und Skulpturen namhafter Künstler wie Nierhoff, Schultze und Tübke reihen sich wie Perlen auf einer Kette aneinander. Vieles sind Werke von documenta-Künstlern, die auch zu Freunden wurden.

Melchiors Verbindung zur documenta ist sehr persönlich. Begründer Arnold Bode kennt er von Kindesbeinen an, drückte gemeinsam mit seinem Sohn Peter im Kasseler Friedrichsgymnasium die Schulbank. Die beiden und auch ihre Eltern pflegen eine enge Freundschaft. So erlebt er die Anfänge der documenta hautnah.

Als Primaner besuchte Melchior 1955 die erste documenta: „Ich hatte natürlich eine Dauerkarte. Es war spannend die Reaktionen der Menschen zu beobachten“, erinnert er sich. Die ablehnende Haltung der Kasseler hätte Jahrzehnte gedauert. „Acht documenten hat es gebraucht, bis sie endlich gemerkt haben, dass das etwas Besonderes ist“, resümiert Melchior.

Die documenta-Idee in Kassel zu verankern, dafür leistet er seit Jahrzehnten seinen Beitrag. So leitete er unter anderem nach dem Tod Arnold Bodes im Jahr 1977 das documenta Forum – über 20 Jahre stand er an der Spitze des Fördervereins: „Das habe ich ihm am Krankenbett versprochen.“

Idee der documenta weitertragen
Auf die nächste documenta in 2017 freut Melchior sich. Die Entscheidung, die Ausstellung auch nach Athen zu bringen, begrüßt er: „Die documenta ist international. Es wichtig, die Idee weiterzutragen.“ Sie sei eine Pflanze, die in Kassel gedeihe und ihre Ableger finden müsse. „Wir sitzen hier schließlich nicht unter einer Glasglocke.“

Seine Liebe zur zeitgenössischen Kunst wird auch in Aachen befruchtet, wo er von 1968 an fast zehn Jahre lebte. Er absolvierte in den Klinischen Anstalten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen seine Facharztausbildung, habilitierte, war leitender Oberarzt und hatte eine Professur an der Uni inne. „Die Zeit gehört für mich zu der prägendsten meines Lebens“, sagt er rückblickend.

Dort lernte er auch eine selbstbewusste, freie und starke Bürgerschaft kennen, die ihn beeindruckte. Menschen, die anpackten, um etwas zu verändern. Zu ihnen zählt auch der Industrielle und Kunstmäzen Prof. Peter Ludwig, mit dem ihn bis heute eine „innige Freundschaft“ verbindet.

Impulsgeber für Kassel
Melchior ist ein Kasseläner mit Leib und Seele, auch deshalb kehrte er hierher zurück. Er schätzt die schönen Plätze des Bergparks und der Karlsaue, sein Zuhause, von dessen Terrasse er einen weiten Blick über die Stadt hat. Für Kassel tut er viel – ist Impulsgeber und Motor, um sie voranzubringen. Die documenta ist dabei nur eines seiner Steckenpferde.

Seine Frau Karin begleitet ihn seit über 60 Jahren. „Sie hat mir immer den Rücken freigehalten“, sagt er erinnernd an seine Zeit als Assistenzarzt in den 60er- und 70er-Jahren, wo von langen Dienstzeiten die Rede war und von wenig Pausen. „Sie kam mit dem Rotkäppchen-Korb in die Klinik, brachte etwas zu essen.“

Gemeinsam haben sie drei Söhne und sieben Enkelkinder. Gemeinsam reisen sie gerne, besuchen Ausstellungen. Schon bald werden sie wieder unterwegs sein – zur Biennale nach Venedig und nach Portugal. Die Algarve sei herrlich, schwärmt Melchior „Und erst der Fisch, frisch vom Markt“, sagt er und offenbart eine weitere Leidenschaft: für Kulinarisches.

Die Vita in Kürze
Prof. Dr. Hansjörg Melchior wurde 1937 in Kassel geboren. Nach dem Abitur 1957 studierte er Medizin an der Philipps-Universität Marburg und schloss 1968 mit der Promotion ab. Bis 1977 war er in den Klinischen Anstalten der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen tätig. Danach, bis zu seinem Ruhestand 2003, als Direktor der Klink für Urologie des Klinikum, Kassel. Zudem gehörte er dort von 1984 bis 1991 dem Ärztlichen Direktorium an, auch als Ärztlicher Direktor. Auch für seine Heimat engagiert er sich seit jeher: Er gehört zu den Initiatoren und ist Fördervereinsvorsitzender des Kasseler Bürgerpreises „Glas der Vernunft“, der seit 1990 vergeben wird, ist Gründer und wissenschaftlicher Leiter der Kasseler Gesundheitstage, die 2015 zum 13. Mal stattfanden, leitete das documenta Forum und die documenta-Foundation. Er wurde dafür vielfach ausgezeichnet: unter anderem mit der Ehrennadel und dem Wappenring der Stadt Kassel und dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

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