Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Heinz Rühmann – pudelnass

29. Oktober 2009 | Von | Kategorie: Porträt 
Heinz Rühmann im Kasseler Rathaus bei der Premiere von „Oh Jonathan – Oh Jonathan!“ im Jahre 1973, begleitet von Jérôme-Autor Klaus Becker. Foto: Seringhaus

Heinz Rühmann im Kasseler Rathaus bei der Premiere von „Oh Jonathan – Oh Jonathan!“ im Jahre 1973, begleitet von Jérôme-Autor Klaus Becker. Foto: Seringhaus

Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde er zum „beliebtesten Deutschen des Jahrhunderts“ gewählt. Berühmt und beliebt geworden durch seine Filme. Und einen dieser Filme hat er in Kassel zum ersten Mal aufgeführt: „Oh Jonathan – Oh Jonathan!“, eine Komödie aus dem Jahr 1973, gedreht unter Regie des erfolgreichen Fernseh- und Filmregisseurs Franz Peter Wirth.

Genau vor 36 Jahren, im Mai 1973, war die Premiere dieses Films in der Kasseler „Kaskade“ angesetzt. Kassel spielte damals eine wichtige Rolle in der deutschen Filmwirtschaft. Denn von Kassel aus hatte Gerhardt Theurich, der engste Mitarbeiter des Gastronomen Georg Reiss, die zweitgrößte deutsche Kinokette aufgebaut. Zentrum war Kassel, wo mit dem legendären Kino „Kaskade“ am Königsplatz ein repräsentatives Kino für wichtige Ereignisse zur Verfügung stand. Und in der „Kaskade“ fand auch die Weltpremiere des Rühmann-Films „Oh Jonathan – Oh Jonathan!“ statt.

Der leidenschaftliche Pilot Heinz Rühmann reiste aus München mit seinem eigenen Flugzeug, einer Cessna, an. Zunächst war ein Besuch im Kasseler Rathaus vorgesehen, und so fuhr ich – damals junger Referent des Kasseler Oberbürgermeisters Dr. Karl Branner – nach Calden, wo Rühmann pünktlich landete. Dann ging es ins Rathaus, wo Heinz Rühmann sich mit einigen seiner Schauspielerkollegen ins „Goldene Buch“ der Stadt Kassel eintrug. Am Abend dann fand in der ausverkauften „Kaskade“, die über fast 1000 Sitzplätze verfügte, die Premiere des Films statt. Und anschließend zog die gesamte Gesellschaft ins Hotel Reiss, wo das Ereignis noch gefeiert wurde. Dabei zeigte sich der meist stille und ernst dreinblickende Heinz Rühmann von einer anderen Seite. Gleich zu Beginn hatte ihm nämlich ein junger Nachwuchs-Kellner ein Tablett mit Getränken über den Anzug geschüttet. Pudelnass stand der Schauspieler die Reden durch. Als der Fotograf der Veranstaltung, Harald Seringhaus, zwischendurch in die Küche ging, um dort Aufnahmen zu machen, fand er den Kellnerlehrling, dem das Missgeschick passiert war, in Tränen aufgelöst. Seringhaus erzählte dies kurze Zeit später Heinz Rühmann, und der bat ihn, den Kellnerlehrling zu ihm zu bringen. Der kam, immer noch mit den Tränen kämpfend. Rühmann bot ihm einen Platz an seiner Seite an, legte ihm den Arm um die Schulter und trös-tete ihn: Es gäbe Schlimmeres, und er nehme es dem Kellner ganz sicher nicht übel. Bestellte ein Getränk für den, und so zeigte sich der Kasseler Nachwuchskellner nicht nur getröstet, sondern auch glücklich über sein Gespräch mit Deutschlands berühmtestem Schauspieler.

Von Kassel nach München
Der Besuch von Heinz Rühmann in Kassel war einer der letzten großen Auftritte eines Schauspielers in der Kino-Metropole Kassel. Früher hatten hier unter anderem die Kessler-Zwillinge, Grethe Weiser, Hans Moser, Theo Lingen und viele andere Stars des deutschen Kinos für Aufsehen gesorgt. In den 60er Jahren wurden die großen Weltpremieren dann im ebenfalls zur Reiss-Gruppe gehörenden „Mathäser-Filmpalast“ in München inszeniert. „Der Name der Rose“, „Das Boot“ und „Die unendliche Geschichte“ sind nur einige der Filme, die in diesem von Theurich geleiteten Kino ihre Weltpremiere erlebten.

„Der schwätzt mir einfach zu viel“
Inzwischen war ich Pressesprecher bei Gerhardt Theurich und musste ihn nicht nur bei diesen Premieren begleiten, sondern ihn hin und wieder auch vertreten. So bei einem Film mit dem legendären Luis Trenker. „Der schwätzt mir einfach zu viel“, meinte Theurich über den hoch in den 90ern stehenden Helden der Berge. Was ich nach einem Tag mit dem Bergsteiger und Filmer nur bestätigen konnte. Auch Jane Fonda musste ich im Kasseler Kino in München betreuen, als sie dort ihren Film „Old Gringo“ vorstellte. Der Mittelpunkt der deutschen Filmwelt war so von Kassel nach München gewechselt, doch die Erinnerung an Kassel als dem großen Zentrum der deutschen Filmwirtschaft lebt im Gedächtnis vieler Filmfreunde bis heute fort. Und neben dem hier in Jérôme erstmals veröffentlichten Foto von Heinz Rühmann im Kasseler Rathaus erinnert dessen Unterschrift im Goldenen Buch der Stadt an die Rolle Nordhessens in einer Zeit, als Film und Kino die beliebteste Unterhaltung für Millionen von Menschen war.

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Ein Kommentar
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  1. Lieber Herr Becker !
    Ergaenzend moechte ich mitteilen, dass ich momentan eine Hilfsaktion bezueglich der Reinigung des Kaskade Kinos mit Hilfe der HNA ins Leben gerufen habe. Mittlerweile haben sich schon 25 Personen bei mir gemeldet die mithelfen wollen. Ausserdem habe ich zwei profissionelle Reinigungsfirmen gefunden, die auch mithelfen.
    Eine weitere Idee ist es, dass ich eine symbolische Vergabe einer Patenschaft zwecks Uebernahme der Reinigung der einzelnen Kinosessel durchfuehren, d.h. pro gespendeter 5,– Euro bekommt der Spender eine Patenschaftsurkunde mit dem Hinweis auf die Stuhlnummer und die Sitzreihe.
    Es ist nur symbolisch und hat keinerlei Rechtsanspruch.
    Bisher habe ich an viele Banken in Kassel und auch an die Mieter des Hauses Koenigsplatz 53 diesen Bittbrief geschickt.
    350 Euro Geldspende von der EON und 100 Euro Geldspende von Privatpersonen sind bereits eingegangen sowie Naturalspende fuer Wasser und Strom durch die Staedtischen Werke zugesagt.
    Ich warte nur noch auf besseres Wetter, dann kan’s losgehen.
    Wer von Ihnen, liebe Leser sich durch eine kleine Spende beteiligen moechte, der kann dies tun. Hier die Nummer des Treuhandkontos welches ich eingerichtet habe. Postbank Frankfurt – Nr. 11 41 13 606 – BLZ 500 100 60 – Werner Baus. Sollte nach der Reinigungsaktion Geld uebrig bleiben so geht dies an die Aktion Advent der HNA.
    Ich glaube, dass diese Reinigungsaktion ein erster Schritt ist, um dieses wunderbare, historische Kino auch weiterhin vorerst zu erhalten bzw. zu konservieren. Zwei Grossereignisse stehen ja bevor, d.h. in 2012 haben wir die Ducumenta und ein Jahr spaeter die 1100Jahrfeier von Kassel.
    Dies sollte Ansporn genug sein, das Kino in welcher Form auch immer zumindest fuer eine gewisse Zeit der Oeffentlichkeit wieder zugaengig zu machen.
    Fuer kulturelle Zwecke sicherlich ein geeigneter Raum. Es muessen ja nicht gleich alle 800 Plaetze benutzt werden. Im Parket, so koennte ich mir vorstellen, wuerden vielleicht 2- 300 Sitzplaetze ausreichen. Vielleicht koennte man das – Kasseler Kanapee – wieder ins Leben zurueckrufen, oder Vorlesungen, Liederabende oder was auch immer – natuerlich auch mal eine Filmvorfuehrung darin durchfuehren.
    Ich appeliere an unseren OB Hilgen, die Gewerbeaufsicht, das Ordnungsdamt, den Brandschutz, die Untere Denkmalschutzbehoerde – bitte helfen Sie mit, das dieses Kino aus 1952 wieder mit Leben erfuellt wird.
    Kassel ist die Stadt der Kuenste und Kogresse, Kassel ist eine Stadt der 50er Jahre.

    Ich habe mittlerweile einen 2 Stunden Film ueber 100 Jahre Kinos in Kassel zusammengestellt. Er wurde erstmals am 3. Advent 2009 im Capitol vorgefuehrt. Knapp 300 Zuschaer waren da und der Geschaeftsfuhrer, Herr Schaefer spendete die kompletten Einnahmen i.H.v. 1500 Euro der Aktion Advent der HNA. Durch den Verkauf meines DVd Filmes konnte auch ich 500 Euro beisteuern.
    Sicherlich eine gelungene Aktion !!!

    Fuer weitere Auskuenfte zum Thema – Kasseler Kinos – stehe ich gerne unter 05602-918833 zur Verfuegung.
    Werner Baus, 34298 Helsa

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