Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Henschel museal

23. September 2010 | Von | Kategorie: Porträt 
Der heute frei zugängliche Henschelgarten auf dem Weinberg stand früher nur der Familie Henschel zur Verfügung, mitten drin erhoben sich drei Henschel-Villen. Es steht nur noch das Kutscherhaus, heute Museum für Sepulkralkultur. Vermutlich sollen das neue Brüder Grimm Museum und der Neubau des Tapetenmuseums etwa an den Orten der früheren Villen errichtet werden. Foto: Henschel-Museum

Der heute frei zugängliche Henschelgarten auf dem Weinberg stand früher nur der Familie Henschel zur Verfügung, mitten drin erhoben sich drei Henschel-Villen. Es steht nur noch das Kutscherhaus, heute Museum für Sepulkralkultur. Vermutlich sollen das neue Brüder Grimm Museum und der Neubau des Tapetenmuseums etwa an den Orten der früheren Villen errichtet werden. Foto: Henschel-Museum

Diese Firma hat die Stadt geprägt wie keine andere. Zwei Museen auf dem Areal des ehemaligen Werks Rothenditmold bieten Spannendes aus Kassels Industrie-Vergangenheit: das Henschel-Museum und das neue Technik-Museum Kassel.

Die beiden Museen liegen nebeneinander in der ansonsten fast leerstehenden Brache des riesigen Werks Rothenditmold (es gibt noch ein paar Künstlerateliers und Kleinfirmen), das eine in früheren Büroräumen, das andere wird gerade in der großen Halle R5 von Schiff 10 aufgebaut; die Bezeichnung vermittelt Ihnen eine Ahnung, wie groß das Gelände insgesamt ist. Seit 1. August ist es frei zugänglich, der Besitzer, eine Immobilien-Holding in Düsseldorf, hat den Pförtnerdienst „eingespart“, die Schranke ist offen. „Das passt uns nicht“, sagt Helmut Weich vom Vorstand des Henschel-Museums, „aber was will man machen?“

Das Technik-Museum konnte nicht wie geplant eröffnet werden, es sind noch diverse Probleme zu lösen, etwa mit dem Brandschutz, zur Zeit sind nur angemeldete Führungen möglich, die Halle wirkt noch etwas leer. Zu sehen sind unter anderem eine Feuerwehrspritze aus der Anfangszeit, ein Modell der ersten Henschel-Lok „Drache“ von 1848, eine Dampfwalze, ein Bus und ein kompletter Feuerwehr-Löschzug, alles Marke Henschel. Das Henschel-Museum hingegen gibt es seit 2004, seit 2007 ist auch das vollständige Firmenarchiv hier untergebracht. Fast 200 Jahre Geschichte, von 1810 bis 1998.

Ehemalige Henschelaner betreiben Museen
Fast alle, die ehrenamtlich hinter beiden Projekten stehen, sind ehemalige Henschelaner, wie Helmut Weich. Im Museum gibt es Modelle vieler Produkte aller vier Werke, des Stammwerks (heute Universität), der Werke Rothenditmold und Mittelfeld (heute Bombardier und viele kleinere Firmen, zu denen Henschel 1998 zerlegt wurde) und des Flugzeugmotorenwerks Altenbauna (heute VW); und jede Menge Dokumente, Fotos und Bilder. Etwa das der Lok, die von Pferden gezogen wird. „Die letzten Kurfürsten waren Technikfeinde“, erzählt Weich. „Das Stammwerk kriegte keinen Gleisanschluss, aber die Alternative war schlimmer. Die Loks wurden von um die hundert Pferden vom Holländischen Platz über Untere Königsstraße, Königsplatz und dann die Kölnische Straße hoch zum Bahnhof geschleppt. Das Spektakel dauerte zwei Wochen, man kam nur Zentimeter pro Stunde voran, dauernd brachen Gäule zusammen, die sofort zum Schlachter geschleift wurden. Erst mit den Preußen ab 1866 änderte sich das.“ Auch danach rollten die Loks bis 1960 über den Holländischen Platz und brachten den Verkehr zum Erliegen.

Das größte Eisenbahnarchiv Europas
Der eigentliche Schatz hier ist das Archiv, das größte zusammenhängende Eisenbahnarchiv zumindest Europas, vielleicht der Welt, „damit verdienen wir sogar Geld“. Wie das? Weich grinst. „Sie ahnen nicht, wie viele Eisenbahnverrückte es auf der Welt gibt. Die lassen Ehen in die Brüche gehen, verschulden sich über beide Ohren für ihre Manie. Wer immer eine Lok nachbauen will, ob in Originalgröße oder als kleines Modell, braucht die vollständigen Pläne. Und die haben nur wir.“ Im einzelnen kosten die Kopien gar nicht viel, ein paar Euro, je nach Größe. „Aber insgesamt brauchen Sie davon Hunderte, wenn nicht Tausende.“ Ein einzigartiges, weltweit genutztes Angebot. Das nur möglich ist, weil die alten Henschelaner unverschämtes Glück hatten: Einer dieser „Verrückten“ meldete sich aus heiterem Himmel, ein Rentner aus Potsdam, der schon seit DDR-Zeiten ein eigenes Lokarchiv anlegte. Der ist extra wegen dem Henschelarchiv nach Kassel gezogen, jetzt ordnet und pflegt er es und fühlt sich wie im siebten Himmel.

Wenn auch das Technikmuseum seine Pforten öffnet, werden sich die beiden Einrichtungen nebeneinander hervorragend ergänzen. Beide kosten Stadt und Land keinen Cent. Sie finanzieren sich durch Spenden, Eigeneinnahmen, Fördermittel der EU – und natürlich durch die hemmungslose Selbstausbeutung der alten Henschelaner.

Obwohl Kassel nicht erst durch Henschel auch zu einer Technikstadt wurde, gibt es hier noch kein Technikmuseum, übrigens in ganz Hessen, in der ganzen Mitte Deutschlands nicht. Die nächsten sind in Wolfsburg (186 Kilometer) und Essen (208 Kilometer). Später einmal könnten in der riesigen Halle und auf dem leeren Platz davor in Rothenditmold gigantische Dampf-, Diesel- und E-Loks bis hin zum Transrapid und jede Menge anderes, Flugzeuge, sogar Schiffe ausgestellt werden. So ein Museum zieht üblicherweise deutlich mehr Besucher an als Kunstmuseen, mit denen Kassel ja schon reichlich bestückt ist. Da kann man nur viel Glück wünschen.

Führungen auf Anfrage:
Henschel-Museum: (0561) 801-7250
www.henschel-museum.com
Technik-Museum Kassel: (0561) 801-5005
www.tmk-kassel.de

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