Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Homo sapiens weikertiensis exorbitantis

12. Mai 2014 | Von | Kategorie: Porträt 

Vom Rathaus-Vorturner zum KSV-Präsidenten
Mit zwei Jahren Verspätung ging der Leiter des Hauptamtes im Rathaus und Organisator des Stadtjubiläums Hans-Jochem Weikert, also der unter dem politisch verantwortlichen Oberbürgermeister eigentliche Chef des Ladens, in den Ruhestand. Um sofort auf dem womöglich ungemütlicheren Sessel des KSV-Präsidenten Platz zu nehmen.

Wenn man sich mit Hans-Jochem Weikert irgendwo zu einem ruhigen Gespräch zusammensetzt, in diesem Fall an einem späten Vormittag im Café Nenninger, muss man dauernd erleben, wie Weikert einen Arm hochreißt, Grüße erwidert und Glückwünsche für den neuen Posten entgegennimmt. Die hat er auch nötig.

Hans-Jochem Weikert mit  Ehefrau Karola. Foto: Mario Zgoll

Hans-Jochem Weikert mit Ehefrau Karola. Foto: Mario Zgoll

Einmal Löwe, immer Löwe!
Der KSV Hessen Kassel ist einer dieser Traditionsclubs, die fast überall in Schwierigkeiten stecken, wie Weikert erzählt. Ganz früher, vor Gründung der Bundesliga, gewann man im aus Trümmerschutt neuerbauten Auestadion auch mal gegen Bayern München und hatte mit „Gala“ Metzner einen Nationalspieler, der beim „Wunder von Bern“ dabei (wenn auch nicht im Einsatz) war. In den Achtzigern in der 2. Liga sah es fast nach Aufstieg in die Bundesliga aus. Dann ging es bergab, 1998 kam die Pleite, bei der Neugründung war Weikert („einmal Löwe, immer Löwe“) Gründungsmitglied Nr. 15. Nun ist das Stadion frisch herausgeputzt und eigentlich „bundesligatauglich“, wie Weikert sagt, „18.000 Plätze, davon 10.000 Sitzplätze“, doch der Verein hängt seit Jahren in der Regionalliga fest, sozusagen der 4. Liga, zusammen mit anderen gebeutelten Traditions-clubs wie Kickers Offenbach, die schon mal in der Bundesliga spielten. Mehrmals wurde der Aufstieg in die 3. Liga nur knapp verpasst. Aber in dieser Saison war die Hinrunde ein Desaster, fünftletzter Platz, Abstieg droht. Dann, so Weikert, „würden wir in der Oberliga Hessen gegen Vellmar und Lohfelden spielen“. Das muss unbedingt verhindert werden.

Der bisherige Präsident wollte nicht mehr, mitten im Trubel der Festwoche im September wurde Weikert gefragt, ob er sich nicht vorstellen könnte … Er konnte es sich dann vorstellen, beeinflusste gleich zwei weitere wichtige Personalentscheidungen mit, ein neuer (genau wie er ehrenamtlicher) Sportvorstand und ein neuer Trainer, und kaum installiert, wurden alle drei in äußerster Hektik auf dem Transfermarkt tätig, um bis zum Ende der Wechselfrist am 1. Januar noch fünf neue Spieler zu holen. Bei deren Vorstellung im Presseraum des Auestadions begrüßt Weikert die Anwesenden mit „meine Herren“; tatsächlich ist nicht eine Quotenfrau im Saal. „Sechs Trainer in sieben Jahren“, seufzt er im Gespräch. „Der Trainer-wechsel ist immer die Notbremse, aber das kostet jedes Mal richtig Geld: Der Trainer hat ja einen Vertrag bis zu einem bestimmten Datum; Sie müssen ihm entweder sein Gehalt weiterzahlen, obwohl er gar nichts mehr tut, oder eine Abfindung. Das kann man auch nicht zu oft machen.“ Weshalb Weikert seine Ziele als KSV-Präsident exakt benennen kann: „Erst mal den Abstieg verhindern. Wenn wir dann in drei Jahren mit immer noch demselben Trainer in der 3. Liga spielen und wieder einen hauptamtlichen Sportvorstand haben, dann habe ich hier meinen Job und mich selbst entbehrlich gemacht, das ist das Ziel.“

Zum Zeitpunkt, da ich dies schreibe, sieht es gar nicht schlecht aus: Die Rückrunde brachte bisher vier Siege (zugegeben gegen andere Kellerkinder), zwei Unentschieden, eine Niederlage (gegen Waldhof Mannheim, aus dem oberen Tabellendrittel, und da war man gänzlich chancenlos). Immerhin, achtzehn Punkte, mehr als in der ganzen Hinrunde, zwei Plätze aufwärts. Wie es scheint, waren Weikerts erste Personalentscheidungen goldrichtig.

Nicht betrunken, aber lustig
Fünfzig Jahre lang hatte er eher das Ziel, sich in der Stadt unentbehrlich zu machen, und bis auf ein paar Zwangspausen (eine davon der Wehrdienst) hat er das geschafft. Irgendwie scheint er fast alles gemacht zu haben, was man in der Verwaltung machen kann: Er war der erste Referent für Bürgerhilfe bundesweit, Pressesprecher der Stadt („da habe ich gelernt, wie man Worthülsen absondert“) und nebenbei auch der Bundesgartenschau, am Schluss Hauptamtsleiter. Er kann hinreißend Anekdoten erzählen, zum Beispiel wie der Stadtverordnetenvorsteher Günter Kestner „sich mal vor Fotografen die Glatze von einer Kuh ablecken ließ, weil Kuhspeichel angeblich den Haarwuchs fördert“, oder wie 1981 der erste Anrufbeantworter angeschafft wurde und der Pressesprecher zur Karnevalszeit „nicht betrunken, aber lustig“ neue Ansagen draufsprach, in allen möglichen Dialekten: „Hier ist das Präservativ- und Informationsamt …“ Dialekte und Witze sind überhaupt ein Steckenpferd von ihm.

Begeistertes Publikum bei der feierlichen Verabschiedung. Foto: Mario Zgoll

Begeistertes Publikum bei der feierlichen Verabschiedung. Foto: Mario Zgoll

Es scheint in dieser Stadt nicht viele Leute zu geben, die Weikert nicht kennen oder nicht zumindest wissen, wer er ist. Aber ein paar gucken doch ziemlich angestrengt an ihm vorbei. Natürlich wird auch über ihn gelästert; wie könnte es anders sein, wenn jemand über Jahrzehnte immer wieder ganz unterschiedliche, aber herausgehobene Positionen innehatte. „Fünfzig Jahre Aprilscherz“ lautet so ein Spruch, weil er am 1. April des Jahres 1963 als „Stadtsekretäranwärter“ im Rathaus anfing. Ich könnte eine Reihe ziemlich hämischer Anekdoten erzählen, die mir zugetragen wurden, jedoch weder verifizierbar noch hier am Platze sind. Fakt ist, dass Weikert 1998 aus seinem Job als Geschäftsführer von Kassel-Service (Vorläufer von Kassel-Marketing) hochkant rausgeflogen ist und dann unter dem CDU-OB Lewandowski einige schwierige Jahre lang im Rathaus „die Besenkammer hüten“ musste, bis Bertram Hilgen gewählt wurde und ihn zu seinem Büroleiter machte. Und dass er Ende 2011, eigentlich bereits im Pensionsalter, noch zum Leitenden Magistratsdirektor im Beamtenverhältnis auf Lebenszeit ernannt wurde.

Oberbürgermeister Hilgen hatte Weikert persönlich gebeten, noch zwei Jahre dranzuhängen, um das Stadtjubiläum kassel1100 zu organisieren – und da hat er, von der Auswahl des richtigen Personals und der Motivation über die Einbeziehung der Stadtteile, Vereine und Bürger bis zum tatsächlichen Ablauf eine grandiose Leistung hingelegt, an der von niemandem Kritik zu hören ist. Also lassen wir das.

Bei der feierlichen Verabschiedung im Bürgersaal des Rathauses kurz vor Weihnachten jedenfalls war die Stimmung ausgezeichnet und jedermann des Lobes voll. Die Leute von der Stadt liefen alle mit bunten „HJW-Buttons“ im „kassel1100“-Design herum. Es gab alle möglichen lustigen Vorführungen von Menschen, die ihn allesamt ins Herz geschlossen hatten. Völlig überrascht musste Weikert höchstselbst den „Typewriter“ von Jerry Lewis geben, was er offenbar nie gesehen hat, weshalb es ihm ganz ohne Anstrengung gelang, ähnlich bescheuert wie Jerry Lewis aus der Wäsche zu gucken. Pressesprecher aus anderen Städten waren mit Geschenken angereist: Götterspeise aus Bielefeld, „Faust I + Faust II“ aus Weimar – ein paar Fäustlinge, Klassiker zum Anziehen. Die „Stavo-Kicker“ sangen das unvermeidliche „You´ll never walk alone“. Die Mädels vom Büro 1100 gaben dem „Homo sapiens weikertiensis exorbitantis“ ein Ständchen. Und am Schluss natürlich das ebenso unvermeidliche „My Way“.

Wenn dieser außerordentliche Mensch eigener Gattung auf seine ganz eigene Art jetzt noch den KSV erst vorm Abstieg bewahrt und dann in die 3. Liga führt, wird alles gut.

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