Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



„Ich mag keine Katastrophenszenarien“

31. August 2015 | Von | Kategorie: Porträt 

Wie kann die Menschheit in Zukunft (über)leben? Ein Gespräch mit Umweltpsychologe Andreas Ernst

… aber kritisch könnte es schon werden, so um die Mitte des Jahrhunderts, meint der Professor am Center for Environmental Systems Research (CESR) und Leiter der Forschungsgruppe Socio-Environmental Systems Analysis and Modelling (SESAM).

Also, ich halte mich ja für einen leidlich informierten Zeitgenossen, aber als ich neulich in der ZEIT ein interessantes Interview mit Andreas Ernst las, „Professor für Umweltpsychologie an der Universität Kassel“, dachte ich, Umweltpsychologie? Nie gehört. Wassidassi? Nun, der Mann ist vor Ort, fragen wir ihn mal.

Erste Überraschung, er residiert nicht am Holländischen Platz, sondern in einer hübschen Villa an der Wilhelmshöher Allee, die oben genanntes Zentrum beherbergt. Draußen stehen ein paar lässige junge Leute, Fluppen in der Hand. „Selbst bei Ihnen stehen Leute vor der Tür, die die Zivilisation aufrecht erhalten“, bringe ich nach der Begrüßung einen Standardspruch an. Andreas Ernst stutzt kurz. „Indem sie rauchen? Davon werden Sie hier aber nicht viele finden, ebenso wenig wie Autofahrer.“

Andreas Ernst, Chef von SESAM, bittet herein. Foto: Mario Zgoll

Andreas Ernst, Chef von SESAM, bittet herein. Foto: Mario Zgoll

Wir sind gut darin, uns Vorteile zu sichern
Die meisten Menschen fahren aber Auto, auch ich muss noch mal raus, um die Parkuhr zu füttern. Sind wir in Wahrheit viel weniger umweltbewusst, als wir gern tun? Das stimmt, meint Andreas Ernst, vor allem viel weniger, als die Leute in Umfragen angeben. „Wir Menschen sind gut darin, zukünftige Probleme zu ignorieren, auch wenn sie absehbar sind. Und sogar noch besser darin, uns eigene Vorteile zu sichern, solange es noch geht. Ein Kollege von mir wurde mal von einem ökologisch engagierten Unternehmer gebeten, vor seinen Mitarbeitern einen Vortrag über Umweltfragen zu halten. Danach führte der Unternehmer den Kollegen raus und zeigte ihm seinen PS-starken Sportwagen. Der Kollege runzelte die Stirn. Wie geht das zusammen? Ach, wissen Sie, lachte der Unternehmer, solange ich so etwas noch kann, will ich das genießen. Wir wollen alle unsere Schäfchen im Trockenen haben, ehe es anfängt zu regnen.“

Um den angelsächsischen Buchstabensalat aufzulösen: Das Zentrum erforscht interdisziplinär, also fachübergreifend Umweltprobleme, besonders in Zusammenhang mit Klimawandel und Ressourcenverbrauch. Es ist ein wichtiger Teil der Umweltkompetenz, die die Kasseler Uni ja besonders herausstellt. Professor Ernsts Forschungsgruppe erstellt Analysen des Mensch-Umwelt-Systems. „Ja, Sesam öffne dich, schon tausend Mal gehört“, sagt er. „Aber was wir hier machen, ist keine Zauberei. Wir versuchen zu beschreiben, wie sich bestimmte Verhaltensweisen, etwa unsere Umweltnutzung, in den nächsten 10, 20, 30 Jahren entwickeln werden. Wir entwerfen Landkarten von beobachtbaren und erwarteten Verhaltensweisen unter bestimmten Bedingungen. Dabei gibt es planetare Leitplanken, innerhalb derer sich die Entwicklung vollziehen muss.“

Die Evolution wurschtelt sich auch nur so durch
Umweltpsychologie, kurz gesagt, befasst sich sowohl mit den Einflüssen der Umwelt auf den Menschen als auch mit dem Verhalten des Menschen gegenüber der Umwelt – und was dieses Verhalten anrichten kann. „Die Welt ist komplizierter geworden, aber unser Gehirn ist nicht mitgewachsen“, das hat Andreas Ernst schon der ZEIT gesagt und wiederholt es nun. In der Tat: Den anatomisch modernen Menschen, also uns, gibt es seit etwa 200.000 Jahren, davon haben 150.000 Jahre lang nur ein paar Zehntausende von uns in Afrika gelebt. (Und übrigens waren wir alle schwarz.) Die Genetiker sind ziemlich sicher, das korrekt zurückverfolgen zu können. Wären wir, wie die meisten Tierarten, in etwa gleicher Zahl in unserer ökologischen Nische geblieben, worauf unser Gehirn ausgerichtet ist, hätten wir keinen Schaden anrichten können (andererseits hätte auch kein Hahn nach uns gekräht). Dann sind wir plötzlich aufgebrochen, haben uns „die Erde untertan“ gemacht und uns bis jetzt auf unfassbare sieben Milliarden vermehrt. Sind wir ein von der Natur gar nicht vorgesehener „Irrläufer der Evolution“? (Arthur Koestler)

Andreas Ernst, ein nicht großer, drahtiger Kahlkopf mit verschmitztem Grinsen, wiegt bedenklich den Kopf. „Das würde heißen, dass die Evolution einen Plan hätte. Nee, die Evolution wurschtelt sich auch nur so durch. Da es keinen Plan gibt, kann alles Mögliche passieren. Der Erde sind wir passiert.“ Kriegen wir die Erde also noch kaputt? „Das ist die falsche Frage. Wenn wir es übertreiben, und im Augenblick übertreiben wir gehörig, kriegt die Erde irgendwann uns kaputt. Kennen Sie den Witz mit den zwei Erden, die sich treffen? Sagt die eine, du siehst aber schlecht aus. Antwortet die andere, ja, mir geht´s auch mies, ich hab Menschen. Keine Sorge, tröstet die erste, das geht bald wieder vorbei.“

Wir müssen aufpassen, dass wir uns nicht zu Tode siegen
Und? Könnte es tatsächlich sein, dass unser „Wirtstier“ Erde uns lästige, sich dauernd vermehrende Viren los wird? Wieder das bedenkliche Kopfwiegen. „Ich mag keine Katastrophenszenarien“, erklärt Andreas Ernst. „Aber alle Indikatoren weisen darauf hin, dass wir uns bis zur Mitte des Jahrhunderts noch auf neun oder zehn Milliarden vermehren werden, danach könnte es wieder abwärts gehen. Aber nicht nur wegen sinkender Geburtenraten auch in anderen Weltgegenden. Sondern weil Wasser und andere Ressourcen knapp werden.“

Das heißt, gigantische Hungersnöte? Das wären ja Katastrophen, die Andreas Ernst lieber umschifft. „Der Homo Sapiens ist ein unglaublich brillantes Erfolgsmodell. Jetzt müssen wir aber selber aufpassen, dass wir uns nicht zu Tode siegen. Der ständige Fortschritt beflügelt, er benebelt aber auch. Die meisten Leute, besonders in der Wirtschaft, scheinen davon auszugehen, dass es einfach immer so weitergeht. Ich kann mir das nicht vorstellen. Der Klimawandel ist eine Tatsache. Und er schlägt in den äquatorialen Gegenden am härtesten zu, das ist jetzt schon absehbar. Klar, heiß ist es da jetzt auch, aber hinzukommen wird zunehmende Trockenheit, und wenn es mal regnet, dann gleich in so großen Mengen, dass der ausgedörrte Boden das nicht mehr aufnehmen kann. Die Fruchtbarkeit verschiebt sich immer mehr in Richtung der Pole. Was dann? Wenn in Russland zum Beispiel der Süden austrocknet, kann man die Anbauflächen ja nicht einfach nach Sibirien verlagern, dort tauen dann die Permafrostböden gerade erst auf, und das heißt Matsch, da können Sie nichts anbauen. Es könnte tatsächlich große Wanderungsbewegungen geben.“ Die gegenwärtigen Flüchtlingswellen haben überwiegend politische Ursachen – und sind wahrscheinlich bescheiden gegenüber dem, was noch kommen könnte, wenn Ernst recht hat.

Es kann auch wieder anders kommen
Aber was macht das mit uns? „Das macht mir Sorgen. Ich befürchte, wir hier in den reichen Ländern sind inzwischen weniger widerstandsfähig gegen Einschränkungen des Lebensstils geworden. Die Gelassenheit bei Schwankungen der Lebensqualität, die es vor 50, 60 Jahren noch gab, ist uns reichlich abhanden gekommen.“

Bisher, werfe ich ein, hatten die Apokalyptiker aber immer unrecht. Ich selber habe um 1980 nicht geglaubt, dass im Jahre 2000 noch Blumen blühen würden. Andreas Ernst grinst. „Ja, das Waldsterben und so. Es ist aber anders gekommen, gerade weil gewarnt und dann reagiert wurde. Und wir hier an der Uni arbeiten ja gerade daran, dass es auch diesmal anders kommt.“

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