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Martin Sonneborn – König der Aktionssatire

25. Februar 2010 | Von | Kategorie: Porträt 
Leo Fischer, Vorstandsmitglied der PARTEI und Titanic-Chefredakteur, Martin Sonneborn, Thomas Hintner, PARTEI-Generalsekretär (v.l.). Foto: Die PARTEI

Leo Fischer, Vorstandsmitglied der PARTEI und Titanic-Chefredakteur, Martin Sonneborn, Thomas Hintner, PARTEI-Generalsekretär (v.l.). Foto: Die PARTEI

Satiriker sein – „das ist eine Charakterfrage“, sagt Martin Sonneborn. Eigentlich ist er gelernter Krankenversicherungskaufmann. Die Lehre schloss er jedoch nach eigener Aussage nur ab, um Anspruch auf Bafög zu haben. „Ich wusste schon nach drei Tagen, dass ich so etwas nie machen will.“ Mit ‚so etwas’ meint er nicht nur konkret den Beruf, sondern auch ein Leben im ‚gutbürgerlichen’ Milieu. So ließ er die Aussicht auf eine solide Lebensplanung fahren, denn lieber wollte er „provozieren, kommentieren, aufdecken, attackieren, pubertäre Streiche aushecken“ (FAZ).

Das Titanic-Magazin bot ihm hierfür die geeignete Plattform. 1995 wurde er Redakteur und erfüllte damit wohl seinen Berufswunsch. Denn bereits als Schüler hatte er das Blatt gelesen, vor allem beeindruckt von den Texten Hans Zipperts. Auch seine Magisterarbeit hatte das „endgültige Satiremagazin“ zum Thema. Fortan machte er vor allem durch medienwirksame Aktionen nicht nur sich selbst einen Namen, sondern auch das Titanic-Magazin einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

Deutschlands boshaftester Satiriker
Per Telefon oder Fax etwa deckte der „Bürgerschreck“ (FAZ) schonungslos Vorurteile und Unwissen seiner Gesprächspartner auf, zum Beispiel als er sich als Mitarbeiter des Amtes für Entnazifizierung ausgab, der endlich seiner Arbeit nachgehen wollte. Vor allem auf Prominente und Politiker hatte er es abgesehen. Unter anderen Gerhard Schröder, Oskar Lafontaine, Rudolf Scharping und Ulrich Wickert wurden zu seinen ‚Opfern’. In den Feuilletons trug ihm das den Titel „Deutschlands boshaftester Satiriker“ ein.

Verkannter Aufklärer
Sonneborn selbst jedoch sieht sich nicht als boshaft an, sondern verweist auf den aufklärerischen Auftrag der Satire. Und hierzu ist es eben manchmal nötig, die Menschen vorzuführen – wie etwa die CDU-Politiker Eckart von Klaeden und Willi Hausmann. Nach Aufdeckung der Schwarzgeldaffäre 1999 lockte er die beiden in die Schweiz, wo sich angeblich 8,9 Millionen Franken auf einem vergessenen Parteikonto befanden. Dort erwartete sie dann allerdings Sonneborn in Person mit einem Koffer, der die Aufschrift „CDU-Schwarzgeld“ trug. Die Bilder gingen durch die Presse. „Wir haben aufgezeigt, wie tief die Volkspartei von dem Skandal verunsichert war.“, resümiert Sonneborn die Aktion.

Spitzenkandidat Gerhard Bökel
Im Vorfeld von Land- und Bundestagswahlen trat Sonneborn mehrfach zusammen mit weiteren Titanic-Redakteuren als vermeintlicher Politiker großer deutscher Parteien auf und parodierte so deren Wahlkampfverhalten. 2003 etwa gab er sich in Hessen als SPD-Spitzenkandidat Gerhard Bökel aus. Mit gefälschten Wahlzetteln war er in einer Wohnsiedlung unterwegs, um ‚Basiswahlkampf’ zu leisten und sich seinen potentiellen Wählern vorzustellen. Die meisten Anwohner nahmen ihm den Schwindel ab. Ebenfalls 2003 trat Sonneborn während des bayerischen Wahlkampfs als SPD-Politiker mit Slogans wie „Mit Anstand verlieren“ und „Wir geben auf“ in Erscheinung.

WM nach Deutschland geholt
Seine Aktionen haben Martin Sonneborn zu einem der populärsten Satiriker Deutschlands gemacht. Nicht ohne Grund – sind sie doch häufig von respektablem Erfolg gekrönt. So brüstet er sich immerhin, die Fußball-WM 2006 nach Deutschland geholt zu haben. Und diese Behauptung ist weit davon entfernt, jeglicher Grundlage zu entbehren. In einem Fax versuchte er die wahlberechtigten FIFA-Mitglieder mit einer Schwarzwälder Kuckucksuhr und einem Fresskorb mit Bierkrug zu bestechen und dazu zu bewegen, für Deutschland als Austragungsort zu stimmen. Die Legende besagt, dass der neuseeländische Delegierte sich aufgrund dieses Faxes der Stimme enthielt und so Deutschland mit 12:11 Stimmen den Zuschlag bekam. Angeblich bestätigte der Neuseeländer dies später mit den Worten „This final fax broke my neck.“ (Spiegel Online). Der Vorfall machte international Schlagzeilen.

Die PARTEI
Im August 2004 gründete Martin Sonneborn gemeinsam mit weiteren Titanic-Redakteuren die real existierende Partei Die PARTEI, als deren Bundesvorsitzender er amtiert. Titanic fungiert als offizielles Organ der PARTEI. Auch personell sind beide noch immer eng miteinander verbunden.

Die PARTEI ist die Abkürzung für „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“. Die Kurzform spielt außerdem auf entsprechende verkürzte Bezeichnung für die jeweilige Einheitspartei in totalitären bzw. autoritären Staaten an, wie etwa die SED in der DDR oder die NSDAP im Dritten Reich.

Die PARTEI bekennt sich zum Populismus. „In der Politik wird heutzutage geäußert, was Stimmen bringt, und das werden wir auch tun. Ich finde es schließlich besser, wenn wir die Stimmen bekommen als irgendwelche Rechtsradikale“, sagt Sonneborn. Aktionen wie das Kanzlerkandidatinnencasting 2005 unterstreichen den Populärcharakter. Gesucht wurden „schöne, politikinteressierte Frauen unter 35“.

Wurzeln in Göttingen
Martin Sonneborn wurde 1965 in Göttingen geboren. Nach dem Abitur auf einer katholischen Privatschule in Osnabrück studierte er Publizistik, Germanistik und Politikwissenschaft in Münster, Wien und Berlin. 1995 wurde er Redakteur bei Titanic. Von 2000 bis 2005 war er ihr Chefredakteur. Seit November 2006 ist er verantwortlicher Redakteur der Satire-Rubrik „Spam“ auf Spiegel Online. Seit 2009 tritt er darüber hinaus in der satirischen Nachrichtensendung „Heute Show“ im ZDF als Außenreporter auf. Titanic ist er jedoch als Mitherausgeber treu geblieben. Außerdem bildet er zusammen mit Oliver Maria Schmitt und Thomas Gsella, beide ebenfalls ehemalige Chefredakteure, die „Titanic Boy Group“.


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