Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Legende Leiding – der Retter von VW und Audi

27. August 2009 | Von | Kategorie: Porträt 
Rudolf Leiding war seit 1958 fest in Nordhessen verankert. Foto: Volkswagen

Rudolf Leiding war seit 1958 fest in Nordhessen verankert. Foto: Volkswagen

Am 3. September 2003 – einen Tag vor seinem 89. Geburtstag – starb in Baunatal ein Mann, der nicht nur die Entwicklung des VW-Konzerns entscheidend geprägt hatte, sondern dem auch die heute so erfolgreiche Firma Audi wahrscheinlich ihre Existenz verdankt: Rudolf Leiding, geboren in der Altmark, doch seit 1958 fest in Nordhessen verankert. 1945 suchte der gelernte Kfz-Mechaniker einen neuen Job und bewarb sich im Volkswagenwerk in der Stadt Wolfsburg, die erst wenige Jahre zuvor gegründet worden war. Eine große Leidenschaft brachte der Techniker mit: die Lust am Konstruieren und am Entwickeln neuer Fahrzeuge. Doch zunächst war er für einen anderen Aufbau zuständig. 1958 schickte ihn der damalige, heute legendäre VW-Chef  Heinrich Nordhoff nach Kassel, um dort ein neues Zweigwerk für VW aufzubauen. Ursprünglich sollte das Werk in den Hallen der ehemaligen Firma Henschel-Flugzeugwerke in Waldau gebaut werden, doch da die Kasseler Stadtverwaltung zu viele Schwierigkeiten machte, verlegte Leiding im Einvernehmen mit seinen Wolfsburger Chefs den Standort kurzentschlossen in das benachbarte Altenritte, das sich später mit einigen anderen Dörfern zur Stadt Baunatal zusammenschloss. Sieben Jahre lang war Leiding Chef im neu gegründeten Werk Baunatal. Der neue Betrieb veränderte nicht nur die Dörfer in der Umgebung Kassels, sondern gab auch der bis dahin eher ländlich geprägten Region Nordhessen ein völlig neues Gesicht.

Zusehen, was zu retten ist
rudolf-leiding-vor-vw-werkVW-Chef Heinrich Nordhoff setzte großes Vertrauen in Leiding und dessen Fähigkeiten zur Analyse und zum Aufbau. VW litt zu Beginn der 60er Jahre nicht nur an schlechten Absatzzahlen, sondern hatte auch mit dem Kauf der traditionsreichen Firma Audi in Ingolstadt eine schlechte Hand bewiesen. Rudolf Leiding hat später im engen Freundeskreis davon erzählt, wie ihn Heinrich Nordhoff nach Ingolstadt schickte, um die Lage zu untersuchen. Jenen Abend, an dem er in Wolfsburg zu später Stunde Nordhoff seinen sehr skeptischen Bericht übermittelte, hat Leiding nie vergessen. Am Schluss des Gesprächs sagte der damalige VW-Boss nur: „Dann müssen wir eben die Firma dort schließen.“ Doch dies löste den Widerspruch von Rudolf Leiding aus: Dies könne man der Region Ingolstadt und den dort bei Audi beschäftigten mehr als zehntausend Arbeitnehmern nicht zumuten. Die Reaktion von Nordhoff: „Dann gehen Sie als Chef nach Ingolstadt und sehen zu, was zu retten ist.“

Das war die schönste Zeit
Leiding wechselte nach Bayern und ging an die Arbeit, um in einem beispiellosen Kraftakt das damals schwächelnde und heute so überaus erfolgreiche Werk zu stabilisieren. Er entwickelte mit seinen Mitarbeitern den Audi 100, mit dem das Werk schließlich deutlich schwarze Zahlen schrieb. Drei Jahre blieb er in Ingolstadt, bis ihn die Firma im Jahre 1968 nach Sao Paulo schickte, um dort seine unternehmerischen und technischen Fähigkeiten für den Aufbau von „Volkswagen do Brasil“ zu nutzen. Für einen leidenschaftlichen Autobauer, so Leiding später im Freundeskreis, war es die schönste Zeit. Denn hier konnte er sich gemeinsam mit seinen Entwicklungsingenieuren ausgiebig der Entwicklung von neuen Modellen widmen. 1971 – er war inzwischen Ehrenbürger von Sao Paulo – ging er für kurze Zeit zurück nach Ingolstadt als Chef von Audi.

Ein gesicherter Platz in der Industriegeschichte
Am 1. Oktober 1971 begann für ihn die härteste Arbeit. VW steckte tief in der Krise, die Suche nach einem Nachfolger für den legendären Käfer war bislang fehlgeschlagen. Mit einem Kraftakt sondergleichen entwickelte Leiding sechs neue Modelle für VW und Audi, darunter das erfolgreichste Automodell aller Zeiten, den Golf. Die Gewerkschaften rebellierten gegen den massiven Sanierungskurs, und der stets auf Unabhängigkeit bedachte Rudolf Leiding legte im Jahre 1975 sein Amt als Konzernchef nieder. Doch sein Ruhm als Retter von Audi und VW wird ihm für alle Zeiten einen Platz in der deutschen Industriegeschichte sichern.

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4 Kommentare
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  1. Ein sehr interessanter Beitrag der Hintergründe aufzeigt, die mir bisher nicht bekannt waren. Leiding war ein wirklich bedeutender Mann in der Automobilindustrie.

  2. Ich bedanke mich ebenfalls für diesen Beitrag! Ich fand es besonders interessant, dass man hier von Dingen lesen konnte, welche man zuvor einfach nicht erfahren hat. Ich kannte Leiding bisweilen eigentlich nicht und kann mich glücklich schätzen, nun um solch wichtige Erfahrungen reicher geworden zu sein.

  3. ist schon sehr verwunderlich, aber ich kannte diesen Leidning auch nicht. Wie kann es sein, dass so ein bedeutender Mensch der Automobilindustrie so wenig präsent bei den Leuten ist? Ich danke jedenfalls auch für den Beitrag.

  4. Wie es wirklich war und sich die Wenigsten sagen trauen: Hr. Leidung erzählte im Nachhinein,
    daß er bei der Übernahme der Auto Union den Auftrag hatte das Werk in Ingolstadt auf die Produktion
    von VW-Käfer umzustellen. Bei der Besichtigung des von VW gekauften DKW-Werkes, fand er aber vorgefertigte Karosserie-Teile vom DKW F102 und vorgefertigte 4-Zyl.Benzin Motoren, die von Mercedes entwickelt waren. Bei dem angeführten Gespräch zwischen ihm und Nordhoff wurde die Fertigung eines neue Modells mit dem Namen AUDI vereinbart um die Teile nicht wegwerfen zu müssen. Die bestehende DKW-Händlerorganisation in BRD u. Österr. verkaufte dieses Modell, das es nur in 4 Farben und in einer Ausstattung gab mit großer Ambition. Leiding ließ OHNE Genehmigung des VW-Vorstandes, die Modellpalette um einen Kombi und einen AUDI 100, erweitern. Anläßlich der Händlerpräsentation des Audi 100, gab Hr.Leiding den berühmten Satz von sich: „5.000 VW-Ingenieure haben die Türschnallen des VW-Käfers weiterentwickelt und 5 Audi-Ingenieure haben im Geheimen den neuen AUDI 100 entwickelt“. Diese bedeutende Präsentation fand übrigens im Stadttheater Ingolstadt fand, wo die Österr./BRD-Händler eigentlich nur zu einer Werksbesichtigung und einen Besuch eines Theaterstückes eingeladen waren, wo die finanziellen Probleme eines typischen Kfz-Händlers (Vater,Mutter,Sohn) gespielt wurden, bei der ein neues Automodell als zusätzliche Gewinnmöglichkeit in Erscheinung trat. Und da erschien auf der Bühne überraschend Hr. Leiding und sagte: „Dieses Auto zählt zukünftig zu Ihrem Verkaufsprogramm“. Den Anwesenden standen die Tränen in den Augen. Meiner Meinung nach war das die Geburtsstunde für den großen Erfolg von Audi. Darüber waren die Teilnehmer nicht vorinformiert. (Ich war übrigens mit dabei)
    Natürlich kam der große AUDI-Durchbruch, Jahre später, als Hr. Piech in die AUDI-Entwicklungsabteilung eintrat und dabei sagenhafte Modelle wie Audi-Quattro auf den Markt kamen und so den Siegeszug in der Branch einleiteten.

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