Jérôme Kassel

Kassel und Kurhessen königlich erleben



Nu(h)r ausgezeichnet!

16. Oktober 2014 | Von | Kategorie: Porträt 

Dieter Nuhr erhält den Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache

Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, moderiert und füllt mit seinen Bühnenprogrammen große Hallen. Mehrfach hat er den „Deutschen Comedypreis“ abgeräumt und ist nun mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache ausgezeichnet worden: Dieter Nuhr. Der Preis wird in Kassel verliehen. Mehr als ein Grund für uns, den Sprach-Generalisten zum Interview zu bitten.

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„Dieter Nuhr macht intelligentes Kabarett. Seine Stücke sind wortgewandt, die Pointen treffsicher. Er bringt seinem Publikum Sprachkritik nahe und regt es an, über die Wirkung von Sprache nachzudenken“, so begründet die Jury ihre Entscheidung. Foto: Dieter Nuhr

Jérôme: Wir gratulieren Ihnen ganz herzlich zur Wertschätzung Ihres kulturellen Engagements durch die Verleihung des Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache 2014. Wie fühlt es sich an, sich in die Liste der Preisträger wie Udo Lindenberg oder Loriot einzureihen?

Dieter Nuhr: Da sieht man, wie breit das Spektrum ist. Bei Loriot befindet sich die Sprache teilweise in Sprechblasen von Knollennasenmännchen, bei Lindenberg wird sie bis zur Unkenntlichkeit zernuschelt. Sprache ist eben ein Werkstoff wie Knete. Mich hat überrascht, wieviele Preisträger schon verstorben sind. Das ist das Schöne an der Sprache: Sie überlebt.

Jérôme: Was persönlich bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Nuhr: Angesichts der anderen Preisträger ist sie eine große Ehre, ohne Ironie! Außerdem ist Sprache mein einziger Werkstoff. Bei mir passiert ja nichts auf der Bühne. Ich bewege mich kaum, es gibt weder Musik noch Pyrotechnik. Da ist es schön, dass sich die Anerkennung auf das gesprochene Wort bezieht.

Jérôme: Haben Sie Vorbilder?

Nuhr: Ehrlich gesagt: Nein. Natürlich gab es am Anfang die Großen, an denen sich alle orientierten, die auf der Bühne anfingen. Bei mir war das Hanns Dieter Hüsch. Der war ein großer Zweifler, und das bin ich auch. Aber meine Themen sind indessen ganz andere. Auf der Bühne sehe ich meine Aufgabe am ehesten im Infragestellen von allem, was scheinbar unantastbar ist. Momentan leben wir ja in Zeiten, in denen es Konsens ist, die Schlechtigkeit der Welt zu beklagen. Da feiere ich das Positive. Und siehe da, das Publikum zweifelt und muss zugeben: Es ist nicht alles schlecht, vor allem nicht hier bei uns, auf dieser mitteleuropäischen Insel der Zivilisation.

Jérôme: Eine Zeitkapsel beamt Sie in jede beliebige Epoche. Für welche Epoche würden Sie sich entscheiden oder welche Person aus der Vergangenheit würden Sie gerne treffen?

Nuhr: Treffen würde ich gerne alle, die mich nicht gleich als Fremden enthaupten würden. Das grenzt die Epochen, die ich gerne besuchen würde, schon einmal stark ein. Gewalt gegen alles, was anders ist, war ja früher erheblich weiter verbreitet als heute. Ich möchte deshalb auf keinen Fall auf Dschingis Khan oder Adolf Hitler treffen. Ich möchte außerdem auf keinen Fall zurück in Zeiten, in denen es keine Antibiotika, MP3-Player oder Sushi gab. Das unterscheidet mich von gewöhnlichen Dschihadisten. Ich reise gern, aber lieber im Raum als in der Zeit.

Jérôme: Sie haben schon unglaublich viele Länder bereist und andere Kulturen kennengelernt. Was war eines der beeindruckendsten Erlebnisse mit Sprache in einem anderen Land?

Nuhr: Das Problem ist, dass ich viele Sprachen nicht verstehe, schade, aber es ist so. Sanskrit klingt schön, bleibt aber für den Fremden rätselhaft. Interessant wird es da, wo selbst die Körpersprache nicht mehr verstanden wird. Man verbeugt sich irgendwo in Japan, und alle Anwesenden nehmen dies als Aufforderung zur Gründung einer gemeinsamen Familie. Lustig, aber trotzdem unangenehm. Japan ist ohnehin sprachlich schwierig. Wenn man den Japaner, der radebrechend Englisch spricht, in eine Lage bringt, in der er eigentlich nein sagen müsste, stürzt er ab und muss resettet werden. Das ist unhöflich.

Jérôme: Wie bewerten Sie – als die Lässigkeit und Wortgewandtheit in Person – die Wirkung von Sprache und Ausdrucksweise?

Nuhr: Ohne Sprache wäre ich wahrscheinlich Pantomime, und in der Folge sicher arbeitslos. Sprache ist insofern gerade für mich persönlich sehr wichtig. Allerdings sollte man auch nonverbale Kommunikation nicht gering schätzen. Am Ende sind es die Pheromone, die machen, dass es zum Geschlechtsverkehr kommt. Und Sexualität ist ein wichtiger Teil des Lebens.

Jérôme: Wir haben eine Karte in der Redaktion erhalten, auf dieser war der schöne Spruch: „Denken ist wie googeln, nur krasser“ zu lesen. Das Internet ist ja nicht wegzudenken. Sind Sie der Meinung, die Menschen sind besser informiert oder eher uninformiert?

Nuhr: Wir sind erheblich umfassender desinformiert. Aber wir haben auch erheblich bessere Möglichkeiten, unsere Desinformation argumentativ zu untermauern. In den Internetforen sitzen die Klugscheißer und Besserwisser und erklären, dass sie für ihre Weltsicht töten würden, Linke, Rechte, Dschihadisten, Vegetarier… Das Internet ist ein großer Verstärker für Lautsprecher aller Art. Aber es ist auch ein Hort des Wissens. „Gut oder Böse“-Fragen bringen uns da nicht weiter.

Jérôme: Sie fotografieren in Ihrer Freizeit und stellen auch aus. Uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie Ihre ersten künstlerischen Schritte in der Malerei gemacht haben?

Nuhr: Ich habe Kunst studiert und wollte Maler werden. Am Ende des Studiums war mir die ganze Szene aber einfach zu humorlos. Das Medium der Ironie ist die Sprache. Deshalb bin ich wahrscheinlich auf der Bühne hängengeblieben. Jetzt mag ich es, in meinen Ausstellungen meine ernste Seite zu zeigen.

Jérôme: Man sagt, die schönsten Geschichten schreibt das Leben. Was inspiriert Sie zur Themenauswahl für Ihr Bühnenprogramm?

Nuhr: Alles. Die Reisen ermöglichen mir eine Außenansicht unserer Gesellschaft, da erscheint mir vieles, was ich lese, sehe oder höre, absurd, vor allem die Grundstimmung, die in Deutschland immer zwischen „Ojoijoi“ und „Das ist das Ende“ wechselt…

Jérôme: Wir bedanken uns ganz herzlich für Ihre Zeit und wünschen Ihnen eine kurzweilige Preisverleihung im Kongress Palais Kassel.

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