Jérôme Kassel

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Rattelschneck – Zeichnen im Doppelpack

30. Januar 2014 | Von | Kategorie: Porträt 

Rattelschneck ist ein meisterhaftes Zeichnerdoppel, das den absurden Humor in Deutschland nachhaltig geprägt hat. Die beiden Rattelschneck-Hälften Marcus Weimer und Olav Westphalen, beide Jahrgang 1963, lernten sich 1986 an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg kennen, in einem Seminar unter der Leitung von keinem geringeren Gastprofessor als F.K. Waechter, dem Mitbegründer des Satiremagazins „Titanic“ und Zeichner der Neuen Frankfurter Schule. Anfangs war noch Lieven Brunckhorst dabei, aber der spielt heute Saxofon in der Band von Jan Delay.

Zeichnung: Rattelschneck. Quelle: Caricatura

Grob und ungeziert
„Wie Rattelschneck heute zeichnet, ist nur Waechter zu verdanken“, sagt Marcus Weimer. „Wir mussten immer alles noch mal und noch mal zeichnen.“ Waechter fand die Skizzen immer besser als die Folgezeichnungen. Und so ist Rattelschneck noch immer ein ins Skizzenhafte tendierender Stil zu Eigen. „Da wird geschlampt und geschmiert, und es spucken die Kugelschreiber vor sich hin“, schrieb einst „Die Zeit“. Dies ist freilich nicht Ausdruck von Unvermögen, sondern hat Methode. Rattelschneck sind die wohl bedeutendsten deutschen Vertreter der caricature brute, jenes Stils der eben das Grobe und Ungezierte verlangt.

Stulli, das Pausenbrot
Die Rattelschneck’sche Welt hat nichts mit Logik zu tun. Zum festen Figurenpersonal des Zeichnerdoppels gehört neben „Lebkuchen Jonny“, „Wonderbra Bernd“, „Trompi, dem Elefanten“ oder „Rümpfchen“ – ein Männchen ohne Arme und Beine – vor allem das sprechende Fleischsalatbrot „Stulli“. Es ist die Hauptfigur des monatlich im Magazin „Titanic“ erscheinenden Comicstrips „Stulli, das Pausenbrot“. Stulli, „schön mit Margarine beschmiert und dick mit Fleischsalat belegt“, ist vom Wunsch besessen, aufgegessen zu werden. Doch dies bleibt ihm stets verwehrt. Die Episoden der Serie enden zumeist in einem Würgereiz.

Gemeinsame Arbeitstreffen
Marcus Weimer lebt in Berlin, wo er als Gagwriter unter anderem für Olli Ditt-rich arbeitet. Olav Westphalen lebte als freier Künstler in New York und ist heute Professor für Performancekunst an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm. Beide schreiben und zeichnen als Rattelschneck. Früher wurden die Ideen per Fax zwischen Amerika und Deutschland hin- und hergeschickt, heute per E-Mail zwischen Schweden und Deutschland. Bei gemeinsamen Arbeitstreffen in Stockholm, Berlin und Mallorca werden Witze vorproduziert, gerecht aufgeteilt und dann jeweils einzeln ausgearbeitet beziehungsweise gezeichnet.

Zeichnung: Rattelschneck. Quelle: Caricatura

Zeichnung: Rattelschneck. Quelle: Caricatura

Utopisches Projekt
Der Name Rattelschneck ist – wie unschwer zu erkennen – eine gewaltsam eingedeutschte Abwandlung des englischen Wortes Rattelsnake (Klapperschlange). Über ihr Programm sagen die beiden selbst: „Rattelschneck ist keine Person, sondern ein Kollektiv; gegründet als utopisches Projekt.“ Ihre Cartoons und Comics erschienen und erscheinen unter anderem in „Titanic“, „FAZ“, „Süddeutsche Zeitung“, „taz“, „Die Zeit“, „Junge Welt“ und dem Fußball-Magazin „Elf Freunde“. Im Jahr 2007 erhielten Rattelschneck den „Bernd-Pfarr-Sonderpreis für Komische Kunst“.

Ausstellung:
Beste Bilder – Die Cartoons des Jahres 2013
Ausstellung: 30. November 2013 bis 16. Februar 2014
Öffnungszeiten: Di. bis Fr. 14 bis 20 Uhr
sowie Sa., So. und feiertags von 12 bis 20 Uhr
Ort: Caricatura – Galerie für Komische Kunst im KulturBahnhof,
Rainer-Dierichs-Platz 1, 34117 Kassel
Kontakt: Tel. (0561) 776499, www.facebook.com/caricaturagalerie, www.caricatura.de

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